Freitag, 19. August 2016

Anna Romer - das Rosenholzzimmer





Autorin: Anna Romer
Titel: das Rosenholzzimmer


Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-48442-3
Erschienen: 2016
Seiten: 574







Als Audrey Kepler das verlassene Thornwood House im ländlichen Queensland erbt, ergreift sie sofort die Chance, ihrem hektischen Leben in Melbourne zu entkommen und zusammen mit ihrer elfjährigen Tochter Bronwyn einen Neustart zu wagen. In einem entlegenen Zimmer des alten, aber immer noch prächtigen Hauses entdeckt Audrey die verblasste Fotografie eines gutaussehenden Mannes, der vor einer Rosenlaube steht. Wie sie bald herausfindet, handelt es sich um Samuel Riordan, dem Grossvater ihres Exmannes Tony und vormaligen Besitzer von Thornwood House. Audrey ist von dem Bild fasziniert, und ihr Interesse an dem Mann ist geweckt. Doch als sie immer tiefer in Samuels Geschichte eintaucht, erfährt sie, dass er beschuldigt wurde, kurz nach dem Krieg eine junge Frau ermordet zu haben. Audrey kann das nicht glauben und recherchiert weiter. Dabei bringt sie in Erfahrung, dass in der näheren Umgebung von Thornwood House immer wieder Menschen eines unnatürlichen Todes gestorben sind. Audrey empfindet zunehmend ein Gefühl der Bedrohung und es beschleicht sie der Verdacht, dass der Mörder von damals noch lebt. Wie recht sie mit ihrer bösen Vermutung hat, wird ihr aber erst bewusst, als sie selbst ins Visier des Täters gerät. 




Ein Spontankauf, ein Glücksgriff. Eine Familiengeschichte für Schmökerliebhaber und somit auch ein Roman ganz nach meinem Gusto. Trotz ein paar Ungereimtheiten hat mich der Roman wunderbar unterhalten und ich versank in den Beschreibungen der Autorin. Kopfkino!

Der Schreibstil konnte mich sofort einsaugen, auch wenn er manchmal sehr beschreibend ist. Das ist zum einen super ausführlich, was das Kopfkino unterstützt, man in die Landschaft eintaucht, den Wind spürt, die Vögel hört und den Regen riecht. Zum anderen wurden mir die genauen Namen der Vögel und Bäume an einigen Stellen auch zuviel, weil die Handlung an einem spannenden Punkt war und mich ehrlich gesagt nicht genau interessierte, welcher Vogel da jetzt zwitschert. Das Genre ist eine interessante Mischung: eine Prise Mystery und Geistergeschichte, obwohl es nicht wirklich spukt. Ein wenig Krimi, obwohl ein Detective fehlt. Und ein bisschen Kriegsgeschichte, wenn auch bloss Erinnerungen und Vorgeschichte. Hauptsächlich geht es um ein Familiengeheimnis, das es in sich hat und neben vielen sehr interessanten Figuren auch ordentlich Spannung bietet.

In der Mitte des Romanes wurde es eine kurze Weile etwas langatmig, wenn auch nicht wirklich langweilig, weil dennoch so einige Dinge passieren. Gegen Ende wird es dafür immer rasanter und die Puzzleteile hören gar nicht mehr auf, ineinander zu klicken. Ein Gesamtbild entsteht, die Verbindungen der Familie werden aufgedeckt und Licht kommt ins Dunkel der Vergangenheit... nicht nur für Audrey, die geradezu besesssen darauf ist, über Samuel und Tonys Familie mehr zu erfahren. Auch wenn ich schon relativ früh eine Ahnung hatte, wer der Mörder sein könnte und wer da noch lebt oder nicht derjenige ist, den er zu sein scheint, verlor die Geschichte nicht die Spannung, auch als sich meine Vorahnung bewahrheitete. Die Autorin gab sich unglaublich viel Mühe mit Details und verwickelte eine Anzahl sehr unterschiedliche Schicksale zu einem tollen Netzwerk verbundener Leben. Liebe in allerlei Formen kommt vor: alte und neue, unglückliche und glückliche, zwischen Eltern und Kindern und zwischen Freunden. Doch auch menschliche Abgründe, Verzweiflungsreaktionen und Kräfte, die nur von Angst ausgelöstes Adrenalin entstehen können, sind Teil der Geschichte.

Wunderschön fand ich besonders die Briefe, die Audrey findet und die eine wichtige Rolle in der Familiengeschichte spielen. Hingegen haben mir die Tagebucheinträge aus der Vergangenheit überhaupt nicht gefallen wegen dem Schreibstil. Inhaltlich waren sie sehr informativ und hatten den gleichen wunderbaren Schreibstil der Autorin. Doch war es meiner Meinung nicht der Schreibstil eines Tagebuches, da es sich kaum vom restlichen Roman unterschied. Jemand, der Tagebuch schreibt, bildet aber selten Satzstrukturen wie in einem Roman, in dieser Erzählform, zu viele Beschreibungen auch über sich selbst. (Beispiel, Seite 252: Sie warf mir eine Blick über die Schulter zu. Ihr Gesicht war fleckig, als hätte man es mit Zitronensaft betupft. Ihre Augen waren weit aufgerissen und besorgt. "Ich glaube es einfach. Tut mir leid." Ich seufzte, als ich meinen Irrtum erkannte...). Aber das ist bloss meine Meinung. Auch war ich mir mit dem Alter ihrer Tochter Bronwyn nicht immer sicher, obwohl mehrmals steht, dass sie 11-jährig ist. An manchen Stellen reagierte sie doch schon zu erwachsen für mich, eher wie eine Jugendliche als wie eine Primarschülerin, die sie doch anscheinend ist. An anderen Stellen war es jedoch sehr glaubhaft. Somit war ich etwas hin und her gerissen. Die restlichen Figuren waren mir aber allesamt sehr symphatisch.

Unter dem Strich ein herrlicher Schmöker besonders für Leser, die gerne über mysteriöse Familiengeschehnisse über Generationen lesen. Leser, die bei Tagebüchern und alten Briefen zwischen Liebenden schon ganz kribbelig werden und Leser, die sich ins australische Buschland entführen lassen wollen.






4 von 5 Lese-Echsen




Anna Romer wuchs in New South Wales in einer Familie von Büchernarren und Geschichtenerzählern auf, weshalb sie sich schon früh für literatur zu interessieren begann. Sie arbeitet als Grafikerin und hat lange Reisen ins australische Outback, nach Asien, Neuseeland, Europa und Amerika unternommen, wo sie viel Stoff sammelte, den sie in ihren Bildern und Texten verarbeitet. Ihr erster Roman "das Rosenholzzimmer" lebt von ihrer Faszination für vergessene Tagebücher und Briefe, dunkle Familiengeheimnisse und alte Häuser und ihrer Liebe zur einzigartig schönen australischen Landschaft. 

Die Autorin lebt in einem abgelegenen Landsitz im nördlichen New South Wales. 



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Freitag, 5. August 2016

Jojo Moyes - Über uns der Himmel, unter uns das Meer





Autorin: Jojo Moyes

Titel: Über uns der Himmel, unter uns das Meer



Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-26733-8
Erschienen: 2016
Seiten: 508



Über das Meer zu dir

Australien 1946: Sechshundert Frauen machen sich auf eine Reise ins Ungewisse. Ein Flugzeugträger soll sie nach England bringen, dort erwartet die Frauen ihre Zukunft: ihre Verlobten, ihre Ehemänner - englische Soldaten, mit denen sie oft nur wenige Tage verbracht hatten, bevor der Krieg sie trennte. Unter den Frauen ist auch die Krankenschwester Frances. Während die anderen zu Schicksalsgenossinnen werden, bleibt sie verschlossen. Nur in Marinesoldat Henry Nicol, der jede Nacht vor ihrer Kabine Wache steht, findet sie einen vertrauten. Eines Tages jedoch holt Frances ausgerechnet der Teil ihrer Vergangenheit ein, vor dem sie ans andere Ende der Welt fliehen wollte...



Ein toller Schmöcker mit interessanten Charakteren, einem Teil wahrer Geschichte und vielen Gefühlen und besonderen Schicksalen wie wir es von der Autorin kennen. Dieser Roman ist aber noch eine Spur besonderer, weil die Grossmutter von Jojo Moyes selbst eine Kriegsbraut war und somit auch die Inspiration und das spezielle Band zu dieser Geschichte ist.

Der Schreibstil ist wunderbar angenehm und liest sich wie immer sehr fliessend. Sehr schön fand ich die Zitate am Anfang jedes Kapitels, die übrigens allesamt real sind. Auf den letzten Seiten werden dazu einige Quellennachweise aufgelistet, über Zeitungen von damals oder privaten Tagebüchern, die der Autorin zur Recherche zur Verfügung gestellt wurden. Diese Zitate passen nicht nur herrlich zu den jeweiligen Kapiteln und was als nächstes passiert auf dem Schiff, sondern spielen eine entscheidende Rolle für die Authentizität der Geschichte.

Zuerst scheint die Erzählung um die vier Frauen, deren Schicksale wir näher betrachten dürfen, erst ein wenig langatmig, die Geschichte braucht Aufbau, etwas Vorgeschichte und schliesslich passiert ja auf einem Schiff nicht wirklich viel. Nur die Weite des Horizontes und die Tiefe des Meeres bieten zwar eine atemberaubende, aber nicht die spannenste Kulisste. Für Ereignisse sorgen allerdings die sechshundert Frauen an Bord, die mit hunderten Männern (Soldaten, Kriegsrückkehrer, etc.) auf dem Flugzeugträger zusammengepfercht wurden. Die Frauen-Männer-Trennung ist dabei nicht nur Regeln, um die Männer nicht bei der Arbeit zu stören oder die Frauen vor gefährlichen Maschinenräumen zu schützen, sondern auch aus sittlichen Gründen, da die Geschichte ja 1946 spielt. Doch nicht nur gesellschaftliche Normen und Umgangsformen, sondern auch die Mischung der Besatzung bietet Spielraum für diverse Diskussionen. Schon die vier Hauptprotagonistinnen könnten kaum unterschiedlicher sein: Margaret (Maggie) ist die liebevolle, sympathische Farmerstochter, die zudem schwanger ist. Frances,die Krankenschwester, ist eher die stille, mysteriöse Begleiterin, deren Vergangenheit sie noch einholt und mich wirklich überrascht hat. Avice, eine verwöhnte junge Dame aus besserem Haus, die ziemlich zickig, aber auch unterhaltsam sein kann. Und dann noch Jean, die erst 16-jährige quirlige Braut, die alles aufmischt. Diese vier in die gleiche Kabine einquartiert verspricht schon viel Zunder und Unterhaltung. Auch Schicksale und Geschichten der Männer werden von der Autorin mit eingewoben, besonders die Vergangenheit von Henry Nicols, dessen Geschichte mit Frances mich sehr verzauberte, und auch der Kapitän des Schiffes, der mir gegen Ende immer sympathischer wurde.

Zugegeben, der Roman ist streckenweise (besonders anfangs und in der Hälfte) etwas langatmig, weil kaum Spannung aufkommt. Doch die Autorin hat noch viele Überraschungen parat und überzeugt ganz sicher jeden Zweifler am Schluss. Das Ende ist ein Feuerwerk der Gefühle, die Ankunft des Schiffes und der Moment der Wahrheit für viele Kriegsbräute. Nur soviel, ohne dass ich spoilern möchte: Nicht jede wird von ihrem sehnsüchtig erwarteten Ehemann freudig in die Arme geschlossen.

Obwohl die Verfilmung von "ein ganzes halbes Jahr" gerade aktuell in den Kinos läuft, möchte ich die beiden Bücher nicht miteinander vergleichen. Mir haben beide sehr gut gefallen, aber spielen in zwei ziemlich unterschiedlichen Genres trotz einiger Gemeinsamkeiten (Stichwort Liebesgeschichten und Frauenschicksale). Ich werde sicher wieder zu einem Buch von Jojo Moyes greifen, denn sie schafft es einfach immer, mich aus meinem Alltag zu ziehen, in fremde Welten zu entführen, mich mit dem Leben fiktiver Persönlichkeiten zu fesseln und mir die ein oder andere Träne in die Augen zu treiben...manchmal weil ich mitleide, manchmal weil es so schön ist.



4,5 von 5 Lese-Echsen




Jojo Moyes, geboren 1969, ist in London aufgewachsen und hat Journalistik studiert. Sie schrieb für die "Sunday Morning Post" in Hongkong und den "Independent" in London und aktuell u.a. für den "Daily Telegraph". Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf einer Farm in Essex.

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Sonntag, 31. Juli 2016

Tommy Jaud - Einen Scheiss muss ich





Autor: Tommy Jaud
Titel: Eine Scheiss muss ich


Verlag: S. Fischer
ISBN: 978-3-596-03227-3
Erschienen: 2015
Seiten: 319






Weniger trinken? Mehr Sport machen? Rausgehen, wenn die Sonne scheint? - Einen Scheiss muss ich!

Sean Brummel ist einer der bestgelaunten Persönlichkeitstrainer unserer Zeit, seine Bücher sind Bestseller und in über 703 Ländern erhältlich. Brummel ist zudem Präsident seiner eigenen Heim-Brauerei sowie Schirmherr und Sponsor der legendären "Free Til U Pee Charity Nite" im Molly Mc Gregor's Irish Pub.

Nur wenige Jahre zuvor war Brummel einer der unglücklichsten Menschen Kalifornierns: Gefangen in einer trsolosen Ehe und einem schrecklichen Job sah man ihn bestenfalls nach dem siebten Bier lächeln. Ausgerechnet ein Knastaufenthalt lehrte ihn, dass der Grund für sein ganzes Unglück massloses Müssen ist. Brummel kündigt Job und Fitnessstudio, kauft sich seine erste Brauanlage und lässt sich scheiden. Erstmals frei von Verpflichtungen verwirklicht er seine träume: das elftstärkste Bier Klaiforniens bruaen, einen echt grossen Grill kaufen und ohne schlechtes Gewissen ausschlafen. Mit Karen aus dem Brauereibedarf tritt sogar endlich die passende Frau in Seans Leben. Sie ist es auch, die ihn überzeugt, ein Buch über den magischen Satz zu schreiben, dem er sein neues Glück zu verdanken hat: Einen Scheiss muss ich!




Der scheinbare Autor Sean Brummel ist ein fiktiver (wobei wahrscheinlich real-inspirierter) Charakter, der durch das Buch führt wie ein Personal Trainer. Tommy Jaud scheint mir in diesem Anti-Ratgeber mit einigen gesellschaftlichen Konventionen abzurechnen, was ihm grundsätzlich glückt.

Der Schreibstil ist direkt, schonungslos, witzig, aber manchmal auch etwas primitiv. Genauso, wie ich mir die Figur Sean Brummel vorstellte. Sein Appell, sein Muss-Monster (auch bekannt als die kleine fiese Stimme im Kopf, das schlechte Gewissen) möglichst abzutöten ist ein humorvoller, aber dennoch realer Ratschlag. Warum müssen wir alle Karriere machen? Warum müssen wir alle die perfekte Modelfigur anstreben? Warum müssen wir alle pinke Strumpfhosen tragen, weil es gerade in Mode ist, obwohl es kaum jemandem steht? Warum haben wir immer dieses schlechte Gewissen, wenn mir einmal etwas nicht tun, was wir anscheinend müssen? Medien, Freunde & Familie, Nachbaren, Lehrer, Arbeitskollegen... alle schwimmen im gleichen Strom und geben uns vor, was wir scheinbar müssen. Und genau diese Muss-Monster deckt Sean Brummel auf und zeigt Lösungsansätze. 

Der Aufbau des Romanes ist sehr überschaubar und tatsächlich wie ein Ratgeber. Kapitel sind ordentlich in Themen und Unterthemen gegliedert und am Schluss jedes Kapitels gibt es die Tipps noch einmal zusammen gefasst. Ausserdem bittet der Autor im Anhang immer noch um eine Unterschrift (obwohl ich die bei der Lektüre nicht gegeben habe). Ebenfalls witzig ist ganz am Anfang die Nutzungsbedingungen zur Lektüre dieses Romanes. Alles sehr ironisch und sarkastisch zu verstehen natürlich. 

Im Generellen fand ich die Grundidee sehr unterhaltsam mit einem gesunden Kern Wahrheit. Tatsächlich werde ich mir den Leitsatz "einen Scheiss muss ich" wohl öfters vornehmen und nicht blind, jeder Anklage meines Muss-Monsters folgen. Dennoch würde ich die Lebensweise von Sean Brummel nicht wirklich vorschlagen, denn der Roman bleibt ein fiktives Werk und soll vor allem Unterhaltung bieten. Diesbezüglich muss ich allerdings zugeben, dass der Witz irgendwann verpufft, bis es am Schluss nur noch eher heisse Luft ist. Der Aufbau sowie die Tipps sind zu repetitive und bieten kaum Spannung. Der immergleiche Humor wird langweilig, weil die Pointe nicht mehr überrascht und so hatte ich gegen Ende ziemlich genug davon.

Unter dem Strich eine tolle Idee, witzig umgesetzt, aber irgendwann zu viel des Guten oder eben nicht der Humor von jedermann. Ganz im Sinne des Titels: "Man muss das Buch nicht gelesen haben", aber ich kann es auch nicht schlecht nennen... hervorragend allerdings ebenso wenig. 




3 von 5 Lese-Echsen






Tommy Jaud wurde am 16. Juli 1970 in Schweinfurt geboren und ist neben seiner Schriftstellerei auch Drehbuchautor und freier Autor für diverse Fernsehproduktionen. 

Image result for tommy jaudEr leistete nach seinem Abitur den Zivildienst in einem Kindergarten und begann anschliessend ein Studium der Germanistik an der Universität Bamberg. In seiner Zeit als Student moderierte Jaud eine Radiosendung bei Antenne Thüringen und schrieb als freier Mitarbeiter für die Harald Schmidt Show. Nach Abbruch seines Studiums zog er nach Köln. Hier war er für verschiedene Fehsehproduktionen tätig. 


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Freitag, 8. Juli 2016

Diana Evans - Als würde ich fliegen





Autorin: Diana Evans
Titel: Als würde ich fliegen


Verlag: btb
ISBN: 978-3-44-74310-0
Erschienen: 2012
Seiten: 384



Lucas lebt in London auf einem Boot auf dem Grand Union Kanal neben dem Friedhof Kensal Green, wo seine Mutter begraben liegt, die starb, als er noch ein kleines Kind war. Seine ältere Schwester wohnt mit ihm auf dem Boot, aber sie ist ein bisschen lebenstüchtiger als er. Während Denise einen Blumenstand auf der Portobello Road hat, lässt sich Lucas, mittlerweile 25, treiben als unbezahlter Praktikant eines lokalen Musik-Magazins. Von seinem Vater, dem Tänzer und Choreograf Antoney Matheus, weiss er nur, dass er ertrunken ist. Eines Tages wagt es Lucas, den staubigen Kleiderschrank, der die Sachen seiner Eltern enthält, zu öffnen, und er begibt sich auf die Spuren von Antoney und seiner grossen Liebe. Immer mehr taucht er ein in die flirrende Zeit des Londons der 60er Jahre, in den zauberhaften, strahlenden Aufstieg seines Vaters zur Tanzsensation. Und dessen jähen Absturz.



Mein Jahres-Flopp, der mich sogar fast in eine Leseflaute bugsierte. Obwohl ich mich auf eine Reise in die Vergangenheit erwartete - und dabei nicht enttäuscht wurde - war es ganz anders als erwartet und dies leider nicht im Positiven. 

Dass der Roman sich um das Tanzen dreht, kündigt ja schon der Klappentext an. So auch, dass es sich um einen (fiktiven) professionellen Tänzer aus London handelt. Aber dass die ersten Kapitel eine theoretische Tanzstunde werden, hätte ich dann doch nicht erwartet. Fachbegriffe für Drehungen, Dehnübungen, Tanzstile und Namen grosser Künstler überforderten mich leicht und trugen meiner Meinung nur wenig zur Geschichte bei. Einfach weil es zu viele Begriffe waren, die ich hätte nachschlagen müssen, um sie zu verstehen. Und dabei waren sie für den Handlungsstrang nicht einmal nötig, sondern Ausschmückung. Das machte die Lektüre besonders zum Anfang schwerfällig, gab mir einen holprigen Einstieg und liess mich nicht gleich warm werden mit der Geschichte.

Allgemein war mir, sofern ich mich erinnern kann, noch nie ein solch grosser Unterschied im Schreibstil aufgefallen von Anfang bis Ende. Die erste Hälfte des Romanes bescherte mir beinahe eine Leseflaute und ich war kurz davor, das Buch ganz weg zu legen. Die zweite Hälfte allerdings, wurde plötzlich interessanter und angenehmer zu lesen. Die Kapitel wechseln von Lucas im Heute zu Antoney in den 60er Jahren und sind, obwohl nicht mit Jahreszahlen gekennzeichnet, doch meist gut trennbar. Was mich eher störte, waren die vielen Namen, die nicht konsequent genutzt waren. So hatten die Tänzer um Antoney Matheus meist Spitznamen und wurden mal mit den Vornamen, mit den Nachnamen und dann wieder mit dem Spitznamen genannt. Wenn man mit den Personen vertraut ist, dann geht das ja. Wenn man die Figuren aber erst kennen lernt, ist das leider eher verwirrend, weil man so nicht nur den Überblick verliert (oder gar nicht erst gewinnt), sondern vor allem auch den Eindruck bekommt, dass es viel mehr Personen in der Geschichte hat, als es tatsächlich sind. Verdoppelt wird der Effekt teilweise, weil einzelne Figuren (z.B. die Eltern von Lucas, Antoney und Carla) in beiden Zeiten und somit in verschiedenen Altersstufen oder nur in Erinnerungen auftauchen.

Die Geschichte mit dem Schrank voller Erinnerungsstücke und der Reise in die Vergangenheit war leider die grösste Enttäuschung. Ich freute mich, Gegenstände von Tänzern in den 60er Jahren mit ihrer Geschichte zu verknüpfen. Auf eine Schnitzeljagd der Vergangenheit zu gehen. Details aus dem Leben über Lucas und Denises Eltern zu entdecken, anhand eigener Nachforschungen. Was sich damals abspielte, wie die Tanzgruppe berühmt wurde und dann in Vergessenheit geriet und auseinander viel... das alles erfährt der Leser, aber weil er die Geschichte im Rückblick einfach serviert bekommt und nicht Lucas diese Erinnerungen aufspürt. So weiss bis zuletzt der Leser viel mehr als Lucas und ausserdem konnte so nie wirklich Spannung aufkommen und mein Interesse schwand. 

Ein weiter Punkt sind die Figuren, besonders die Hauptrollen, die zwar gut beschrieben sind, ausführlich vorgestellt und zum Anfassen echt, doch leider alle eher traurig, wütend, unentschlossen, gestresst...einfach irgendwie negativ. Nur wenige Personen waren mir überhaupt sympathisch, einige hätte ich sogar nie kennen lernen wollen oder habe das Gefühl, ein schlechtes Bild von ihnen bekommen zu haben. Eine zickige Tänzerin, ein verbitterter Journalist, ein toter Freund, ein depressiver Vater, ein antriebsloser und bekiffter Lucas und einer Mutter-Ersatz-Denise, die mir meist auf den Keks ging. 

So liess mich die Geschichte am Schluss enttäusch und unbefriedigt zurück. Viele Antworten, auf deren Frage ich vergeblich gewartet habe, wurden nicht beantwortet. Auch Fragen, die ich nicht erwartete, blieben offen oder unklar. Und obwohl in der zweiten Hälfte interessantere Ereignisse passierten und die Figuren lebendiger wurden, konnten sie den schlechten Einstieg nicht mehr weg machen. Unterm Strich war der Roman alles andere, als der Titel verspricht: kein Höhenflug.



1,5 von 5 Lese-Echsen



Diana Evans, geboren 1973, lebt mit ihrer Familie in London. Sie war Tänzerin und Journalistin, bevor sie sich ihrer literarischen Arbeit zuwandte. Ihr Debütroman "26a" gewann den Orange Prize für das beste Debüt 2005.
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Mittwoch, 22. Juni 2016

Núria Masot - Im Schatten des Templers





Autorin: Núria Masot
Titel: Im Schatten des Templers


Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-72154-8
Erschienen: 2007
Seiten: 400






Man schreibt das Jahr 1265: Bernard Guils, ein Templer, reist als Söldner getarnt auf einem Schiff von Zypern nach Barcelona. Er soll wertvolle Pergamente nach Spanien bringen. Doch Guils wird auf der Reise vergiftet, die geheimen Pergamente werden gestohlen. Auf dem Sterbebett kann er den alten jüdischen Arzt Abraham Bar Hiyya noch bitten, den Orden der Templer zu benachrichtigen Abraham erfüllt den letzten Wunsch des Toten; im Haus der Templer trifft er auf Guillem de Montclar, Guils' jungen Schüler. Der ist tief erschüttert über die Nachricht vom Tod seines geliebten Mentors und macht sich auf die Suche nach dem Dieb und Mörder. Ihm zur Seite stheen Guils' alter Gefährte Jacques Le Breton und Bruder Dalmau. Auf der abenteuerlichen Jagd durch Barcelona wird den Templern bald klar, dass ausser ihnen noch andere geheimnisvolle Mächte auf der Jagd nach den Papieren sind. Doch erst spät erkennt Guillem, von welch brisanter Bedeutung der Inhalt der Pergamente tatsächlich ist und welch grosse Gefahr sie für ihren Besitzer darstellen.





Manchmal gebe ich einem Genre die Chance, mich zu begeistern, das ich sonst eigentlich nicht lese. Dazu gehören auch historische Romane. Dieser hier konnte mich anfangs mitreissen, wurde in der Mitte etwas langatmig und liess mich am Ende mit einem Gefühl der Ratlosigkeit zurück. 

Grundsätzlich ist es gut geschrieben, obwohl ich mich anfangs an die manchmal umständlichen Satzstrukturen gewöhnen musste. Der Schreibstil passt jedoch zum Jahrhundert, was auch die Gespräche unter den Templern wesentlich authentischer macht. Anfangs jeden Kapitels ist eine Art Zitat gedruckt, allerdings ohne Angaben zum Verfasser. Ich nehme an, dass es sich nicht um Zitate aus anderen Werken handelt, sondern ebenfalls aus der Feder von Núria Masot stammt. Denn meist betrifft es Regeln des Templerordens, ähnlich einer Mitgliederordnung, und geben eine erste Vorahnung auf das nächste Kapitel. 

Der Schatten aus dem Buchtitel ist zweideutig zu verstehen. Zum einen geht es vor allem um Machenschaften von Ordensmitglieder und somit Ereignissen im wortwörtlichen Schatten des Templerordens und der Kirche. Zum anderen ist der Schatten aber auch eine Person, ein allzu bekannter Templer, um den es vielerlei Gerüchte gibt und mit dem besonders Bernard, Dalmau, Jacques (und noch ein paar andere) eine Rechnung offen haben. 

Was die Charakteren betrifft bin ich gespaltener Meinung: Auf der einen Seite gibt es Personen wie Bernard, Guillem, Dalmau und der Schatten, die immer mal wieder abwechselnd im Fokus stehen und die Hauptrolle übernehmen. Bei ihnen habe ich ein Bild vor Augen, kann mir sie vorstellen, wie sie ungefähr ausgesehen haben, was sie fühlten, worum sie tun, was sie eben tun. Auf der anderen Seite gibt es jedoch eine Vielzahl Nebenfiguren, die mal mehr, mal weniger wichtig sind und weniger genau beschrieben wurden. Ein gewisser Bruder Berenguer war mich höchst unsympathisch, aber zumindest eine "lebendige" Figur. Viele zusätzlichen Personen, die plötzlich auftauchen, aber genauso schnell wieder verschwinden, blieben mir leider zu zweidimensional und ungenügend vorgestellt, trotz ihres meist kurzen Auftrittes. Ausserdem wird die blosse Anzahl an Personen irgendwann ziemlich viel und man muss ein geübter Leser sein (oder Notizen machen), um den Überblick zu behalten. Dies gestaltet sich besonders schwierig, aufgrund der vielen Verknüpfungen und Beziehungen. In einem grandiosen Netzwerk von Bekanntschaften oder Feindschaften verstricken sich Lüge, Intrige, unverhoffter Schutz und Unterstützung, Verrat und Treue, manchmal sogar Liebe oder andersartige Ergebenheit. 

Ein Krimi auf sozialer Ebene auf der Bühne der katholischen Kirche in Barcelona, mit Referenzen nach Rom, Frankreich und Palästina. Gewürzt mit ein wenig Legenden und Mystik mittels den Pergamenten und einem Kreuz, das der Schlüssel für ein grossen Geheimnis ist. Doch wie gesagt: Anfangs fand ich es spannend, wurde in das Verwirrspiel und die gegenseitige Jagd der Beteiligten gezogen und las die erste Hälfte des Romanes sehr schnell. In der zweiten Hälfte wurde es aber zu viel des Guten, zu viel Verwirrung, zu viele Personen, zu viel Spannungsaufbau und nicht immer keine Lösung, so dass mein Interesse plötzlich verpuffte. Trotz einem interessanten Ende, hatte ich schlussendlich nur noch wenig Lust, all die verschiedenen Rätsel zu entwirren. Vieles wurde aufgelöst, wenn auch teilweise recht schnell und unspektakulär, einige Fragen blieben sogar offen. Unter dem Strich kein Fehlgriff, wieder einmal in ein anderes Genre zu schnuppern, aber so schnell greife ich wohl nicht wieder nach historischen Geschichten oder Templern.






3,5 von 5 Lese-Echsen



nuriaNúria Masot wurde 1949 in Palma de Mallorca geboren. Zunächst arbeitete sie als Journalistin für die spanische Tageszeitung Diario de Barcelona und den Sender Radio Barcelona. Nach einer Zeit am Theater widmet sie sich derzeit der Malerei und Schriftstellerei. Sie lebt in einem Dorf in Katalonien. 
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Sonntag, 12. Juni 2016

Ali Shaw - Der Mann, der den Regen träumt





Autor: Ali Shaw
Titel: Der Mann, der den Regen träumt


Verlag: script5
ISBN: 978-3-8390-0146-2
Erschienen: 2013
Seiten: 336






"Wie Kreide, vom Regen zu einem weissen Schleier verwaschen, begannen seine Umrisse zu verschwimmen und seine Konturen schwanden beinahe unmerklich. Im eien Moment sah Elsa einen Mann vor sich und im nächsten nur noch eine graue Silhouette. Seine Haut wurde zu Nebel. Die sonne hinter ihm liess ihn erstrahlen und umrahmte ihn mit ihrem goldenen Schein, bis er nichts mehr von einem Mann an sich hatte, sondern immer mehr einer Wolke glich, die durch Zufall die Form eines Menschen angenommen hatte."

Nach dem Tod ihres Vaters lässt Elsa alles hinter sich und flüchtet aus ihrem bisherigen Leben an einen abgelegenen Ort. Thunderstown ist ein kleines, einsames Städtchen und hier, so sagt man, erwatcht das Wetter zum Leben. Genau das glaubt Elsa zu erleben, als sie zum ersten Mal auf Finn trifft, der zurückgezogen in den Bergen lebt, die das Dorf umschliessen. Finn ist kein gewöhnlicher Mann, ihn umgibt ein Geheimis. Es ist der Grund für sein Einsiedlerleben und der Grund, warum die Einwohner von Thunderstown ihm nicht wohlgesinnt sind. Doch trotz aller Gerüchte und Anfeindungen hält Elsa zu Finn. Gemeinsam versuchen sie, ihre Liebe gegen all die Widerstände zu behaupten.




Nachdem ich "das Mädchen mit den gläsernen Füssen" schon zauberhaft fand, habe ich für diesen Roman nur noch ein Wort übrig: Magisch. Wieder einmal beweist der Autor nicht nur eine wunderbare Vielfalt an Ideen, unglaublich viel Fantasie, Talent für emotionale und bildgewaltige Momente, sondern auch einen unvergleichlichen Schreibstil, der mich sofort in die Geschichte gesogen hat.

Die detailreiche Beschreibungen von Ereignissen und Kulissen sind zum einen geradezu poetisch, zum anderen wirkt dies aber niemals schwerfällig. Der Schreibstil zeugt von einem reichen Wortschatz und einem treffsicheren Wortgebrauch, sodass eindrückliche Bilder entstehen und dem Geschehen ein unglaublich reales Leben einhauchen. Es scheint mir fast unmöglich, als Leser diesem Sog in das Buch, dieser starken Strömung des Geschichtsflusses widerstehen zu können. Schnallt euch eine Schwimmweste um und lasst euch von dieser Erzählung mitreissen, denn diese Gewässer gründen eindeutig tief.

Elsa und Finn sind kein gewöhnliches Paar und das nicht nur, weil Finn nicht gewöhnlich ist. Sie verbindet etwas Unerklärliches, das auch mit der Vergangenheit von Elsa und ihrem Vater in Verbindung steht. Wer auf eine romantische Liebesgeschichte hofft, muss ich allerdings enttäuschen. Trotz Momenten schöner Zweisamkeit, liegt der Fokus nicht auf ihrer Liebe an sich, sondern auf ihr Kennenlernen, ihrer ersten Annäherungen, dem Gefühlschaos und dem Geheimnis rund um Finn. Ausserdem mischen weitere wichtige Figuren, wie zum Beispiel Finn's Vater und andere Einwohner aus Thunderstown mit, was erheblichen Einfluss auf die Zukunft von Finn (und Elsa) hat. Meine Lieblingsperson ist diesmal jedoch eine Nebenfigur, einfach weil sie mich faszinierte und ich gerne mehr über sie erfahren hätte: Dot, die kleine Nonne mit mehr als einem Geheimnis und ganz viel altem Wissen.

Thunderstown, die Donnerstadt, umgeben von vier Bergen, die ziemlich unterschiedlich und doch alle eher steinig und karg sind, ist das Lebenszentrum von gläubigen und ziemlich verängstigten Einwohner, die dem Wetter und allem, was damit zusammenhängt, nicht trauen und es deshalb verteufeln. Seltsame Kreaturen scheinen die Stadt zu bedrohen, Wassertiere, die allesamt Ausgeburten des Teufels seien. Alles weitere Beispiele für die blühende Fantasie und eindrückliche Ideensammlung des Autors, den ich dafür sehr bewundere. Es ist ein Roman, der aus der Masse sticht, durch seine Einzigartigkeit brilliert und mich begeistert über die Geschichte, aber traurig über deren Ende zurücklässt. Gerne hätte ich nochmals 300 Seiten weitergelesen. Das finale, wortwörtliche Gewitter noch einmal genossen. 

Ich schaue aus dem Fenster, beobachte die Wolken, bauschige Wattebälle, die sich träge über den Himmel ziehen. Einzelne Regentropfen des letzten Gewitters kleben noch an der Scheibe, die Luft riecht gereinigt, klar und frisch. Nach diesem Buch werde ich Wolken mit anderen Augen sehen und bei Regen innehalten und mit Freude an diese Geschichte zurückdenken. So grau und dunkel sie manchmal scheint, so ein glänzendes Highlight ist sie nun in meinem Buchregal. Absolut empfehlenswert, besondern während einem Gewitter zu lesen! Wenn mit dem echten Donner, der Herzschlag der Erzählung folgt und man im Rhythmus der Regentropfen, die ans Fenster trommeln, die Seiten umblättert und die Zeit vergisst. 





5 von 5 Lese-Echsen




Ali Shaw wurde 1982 geboren und wuchs in einer kleinen Stadt in Dorset, Grossbritannien, auf. nach sienem Abschluss in Englischer Literatur an der Universität von Lancaster arbeitete er als Buchhändler udn in einer Bibliotek in Oxford. Sein Debüt "das Mädchen mit den gläsernen Füssen" war ein grosser Überraschungserfolg und wurde in 18 Sprachen übersetzt.

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Sonntag, 5. Juni 2016

Lori Nelson Spielman - Morgen kommt ein neuer Himmel






Autorin: Lori Nelson Spielman
Titel: Morgen kommt ein neuer Himmel



Verlag: Krüger
ISBN: 978-3-8105-1330-4
Erschienen: 2014
Seiten: 363




Als Brett 14 Jahre alt war, hatte sie noch grosse Pläne für ihr Leben, festgehalten auf einer Liste mit Lebenszielen. Heute, mit 34 Jahren, ist die Liste vergessen und Brett mit dem zufrieden, was sie hat: einen Freund, einen Job, eine schicke Wohnung.

Doch als ihre Mutter Elizabeth stirbt, taucht die Liste wieder auf: Aus dem Mülleimer gefischt, hat ihre Mutter die Liste aufgehoben, und deren Erfüllung zur Bedingung dafür gemacht, dass Brett ihr Erbe erhält. Aber Brett ist nicht mehr das Mädchen von damals! Ein Pferd kaufen? Die grosse Liebe finden? Ein Baby bekommen? Was hat ihre Mutter sich bloss dabei gedacht?

Um Brett zu unterstützen, hat ihre Mutter ihr mehrere Briefe hinterlassen. Briefe mit so viel Liebe, Weisheit und Wärme, wie sie nur eine Mutter geben kann. Briefe, die Brett dazu aufrufen, etwas zu riskieren, ihre Träume nicht aufzugeben und ihr Leben in die Hand zu nehmen - kann Elisabeth ihrer Tochter dabei helfen, sich selbst wiederzufinden?



Eine Liste mit 20 Lebenszielen, wovon noch 10 zu erfüllen bleiben, damit Brett ihr Erbe bekommt. Eine Frau, die scheinbar ein schickes Leben führt und ihren Erfolg auf Oberflächlichkeiten reduziert, was sich allerdings mit der 180 Grad-Drehung, was die Liste bewirkt, auf den Kopf gestellt wird. Brett soll sich wiederfinden. Aber hat sie das wirklich?

Ich hatte grosse Erwartungen in das Buch, von dem ich schon viel Gutes gehört habe. Ein toller Erstlingsroman soll es sein, eine berührende Geschichte über die wahren Werte im Leben. Und das traf auch zu, wenn auch zu übertrieben für meinen Geschmack. Der Einstieg war vielversprechend und Brett war eine dynamische Hauptfigur, die mich sofort in ihre Geschichte ziehen konnte. Der Schreibstil ist manchmal sehr blumig und ausgeschmückt, aber liest sich sehr fliessend. Ich gewann Mitgefühl für Brett, sah sie ebenfalls als "Opfer" der Bedingungen, die ihre Mutter mittels der Liste ihr stellte, um das Erbe zu erhalten und so schien es zu Beginn auch alles sehr schwierig zu werden für Brett, ja geradezu unfair! Doch dann lässt sie sich darauf ein, macht erste Fortschritte und kann erste Ziele erreichen, wofür sie die ersten Briefe für die ersten Punkte der Liste erhält. In diesen schreibt ihre Mutter ganz liebe Worte, scheint hellseherische Fähigkeiten oder einfach eine gute Intuition zu haben und ermuntert Brett, weiter an der Liste zu arbeiten. Im Verlauf des Buches wird diese Liste aber eine To-Do-Liste, die Brett beinahe kopflos befolgt und das Erbe nicht mehr wichtig ist. Sie verwandelt sich von einer noblen, erfolgreichen, mit Gucci-Tasche und Jimmy-Choe-Schuhen bewaffnete Frau aus dem reicheren Viertel zu einer geläuterten "man-kann-von-Luft-und-Liebe-leben"-Powerfrau, die im Armenviertel die Lehrerin gibt, Nächstenliebe predigt und plötzlich ihren Mahagoni-Tisch verschenkt. Gleichzeitig fliegen ihr gerade 3 Männerherzen entgegen - bzw. das glaubt sie zumindest - und dann gleich von einem Arzt, einem Anwalt und dem perfekten Snob, der den edlen Ritter mit weissem Pferd in den Schatten stellen würde. Gerade als sie den Punkt "sich in den Richtigen verlieben" auf ihrer Liste erfüllen sollte? Wie praktisch! Und wie unglaubwürdig...

Die Grundidee konnte mich sofort fesseln, auch die Umsetzung zeugt von viel Fantasie, denn jedes Ziel der Liste ist wieder mit einer neuen Geschichte aus der Vergangenheit verknüpft. So kommen neue Personen ins Spiel, viele Überraschungen und diverse Wendungen. Während der Lektüre bekam ich allerdings ein Gespür für diese Überraschungen und Wendungen wurden voraussehbar, einfach weil sie immer passierten und zum Muster wurden. Das finde ich sehr schade, denn die Geschichte zeigt sehr viel Potential und müsste nicht künstlich so aufgebauscht werden. Gegen Schluss verkommt es aber immer mehr einer kitschigen Schnulze, das Happy End ist so absehbar, dass ich hier nicht spoilere, wenn ich sage: Natürlich findet sie ihren Traumprinzen und alles wird gut! Die Schluss-Szene würde in Hollywood jeden dramatikliebenden Regisseur freuen, falls der Roman verfilmt werden soll. Innige Küsse, ewige Liebe, Familie und Freunde um einen Tisch... das ganze Feuerwerk der Gefühle, die das perfekte ach so tolle Schlussbild des Lebens zeigt. Es freut mich für Brett und für alle Leser, die so etwas mögen. Aber mir persönlich war es einfach zu viel Zuckerwatte und zu absehbar. 

Einige Reaktionen von Brett, aber auch von anderen Charakteren, konnte ich teilweise überhaupt nicht verstehen. Entweder, weil sie masslos übertrieben waren (erst ist sie die starke Frau, die alles im Griff hat, im nächsten Moment nach einem einzigen Kommentar von einer anderen Person, mutiert sie zum verwöhnten dummen Opfermädchen, das Krokodilstränen heult) oder zu schnell wechselten (erst ist er der verständnisvollste Typ der Welt, ein Goldschatz ohne Vergleich und dann wird er im nächsten Moment das absolute No-Go für Brett, wegen einer einzigen Aussage seinerseits oder weil ich der perfekte Prinz von einer Zeile auf die nächste nicht mehr gefällt). Auch hat die Autorin etwas zu gut gemeint mit dem lieben Zufall, sodass einfach zu viele Puzzleteile ineinander schliessen. Das wirkt leider nicht authentisch, sondern eher als würde plötzlich das ganze Universum Brett helfen, ihre Liste abzuarbeiten und alle Figuren mutieren zu Zombies, die nur in die Geschichte kommen, um ihr dabei zu helfen. Zu viele Dinge fliegen ihr zu, zu viele Entdeckungen oder Treffen passen zu perfekt, zu viele Ereignisse geschehen viel zu schnell und reibungslos. Sie muss ausziehen? Schwupps, findet sie eine Wohnung, die super schnuckelig, aber bezahlbar ist. Sie soll ein Baby bekommen? Schwupps entdeckt sie, dass sie schwanger ist und trifft kurz später eine Schwangere. Sie soll für immer die Freundin von Carrie sein, obwohl sie sich seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr hatten nach einem schweren Verrat? Schwupps, Facebook-Anfrage und die beiden lieben sich, als wäre nichts gewesen. Die einzelnen Geschichten sind super geschrieben, sehr unterhaltsam und vielfältig. Doch leider habe ich den Eindruck, dass die Autorin sich immer gerade auf einen Punkt der Liste konzentrierte und die restlichen dann links liegen liess. Brett beschafft sich einen Hund, der die Hauptrolle in einem Kapitel gewinnt. Dann kommt das Baby und schwupps, ist der Hund wieder vergessen? Oder sitzt der alleine daheim und heult dem erledigten Punkt auf der Liste nach?

Unterm Strich habe ich den Roman sehr genossen, musste mal schmunzeln und war mal betrübt. Viele tolle Ideen kamen hier zusammen und bilden ein unterhaltsames Ensemble von Teilgeschichten. Die Entwicklung von Brett und der Liste, sowie teilweise dem Schreibstil (bzw. der Wortwahl) wurde mir gegen Ende jedoch zu rosarot, zu perfekt, um glaubwürdig zu bleiben. Ein glücklicher, aber kitschiger Schluss, der mir nicht ganz alle Fragen beantwortete, aber zu einem Roman passt, den ich sicherlich empfehlen kann. 




4,5 von 5 Lese-Echsen




Als Lori Nelson Spielman in einer kleinen, alten Zedernholzschachtel aus ihrer Schulzeit eine längst in Vergessenheit geratene Liste mit ihren Lebenszielen fand, hielt sie die Idee für diesen wunderbaren Roman in den Händen. Wie anders ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie all diese (ehrgeizigen, trivialen, ehrenhaften, unmöglichen oder auch peinlichen) Ziele erreicht hätte? Wäre es besser, schlechter oder nur anders geworden?

Die Autorin lebt mit ihrem Mann in East Lansing, Michigan. Sie leibt es zu reisen, zu lesen und zu schreiben - ihre wahre Leidenschaft. Derzeit arbeitet sie als Hauslehrerin - eines der Ziele ihrer Liste, das sie bisher erreicht hat...


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