20. August 2017

Mördermädchen - Elizabeth Little

Titel: Mördermädchen
Autorin: Elizabeth Little


Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3442483471
Erschienen: 2015
Seiten: 448




Janie Jenkins hat alles: Ruhm, Geld und gutes Aussehen. Doch dann wird ihre Mutter ermordet - und alle Beweise sprechen gegen sie. Das Problem: Janie kann sich selbst nicht daran erinnern, was in jener Nacht geschehen ist. Als sie zehn Jahre später aus dem Gefängnis entlassen wird, macht sie sich auf die verzweifelte Suche nach der Wahrheit. Eine Spur führt sie in die kleine Stadt Adeline in South Dakota, wo sie unter falscher Identität Stück für Stück die Vergangenheit ihrer Mutter entschlüsselt. Warum musste diese sterben - und trägt Janie tatsächlich Schuld an ihrem Tod?



Ein frecher Schreibstil, eine Stadt im Nirgendwo, die ganze Presse hinter einer jungen Frau, die selber nicht mehr weiss, ob sie ihre Mutter ermordet hat oder nicht und die Jagd ist programmiert. 

Der Klappentext konnte mich gleich packen, der Inhalt distanzierte sich von vielen anderen Romanen im Regal und das Cover hatte sofort meine Aufmerksamkeit. Die Geschichte wird zwar als Roman deklariert, hat aber definitiv Krimi- und Thriller-Elemente mit dabei, die dem ganzen etwas Pfeffer geben. Ich war sehr darauf gespannt und habe ziemlich schnell angefangen zu lesen. Zuerst war vieles wie erwartet, doch dann hat sich die Atmosphäre leicht verändert, der Fokus leicht verschoben. Nach einer gewissen Zeit bzw. Seitenzahl geht es nämlich nicht mehr nur um die Frage, ob sie ihre Mutter getötet hat und falls nicht, wer war es dann... sondern es wird die komplexe Frage aufgerollt, wer Janies Mutter überhaupt war, denn darüber ist sich die eigene Tochter irgendwann nicht mehr sicher. 

Obwohl rechtsmässig aus dem Gefängnis verlassen, gibt es noch immer Leute, die Janie für eine Mörderin halten und online nun eine Jagd anzetteln, wordurch sie nach Adeline flüchtet und sich dort einer falschen Identität bedient. Das verstärkt das Bild der Mörderin allerdings nur mehr, ohne dass wir wissen, was dazumal überhaupt geschehen ist. Auch war mir Janie anfangs eher wenig sympathisch, durch den Roman wurde sie aber immer sympathisch, weil sie irgendwie menschlicher wurde. Anfangs empfand ich sie zu sehr als Glamour-Girl-Tussi, doch dann kam sie aus dem Gefängnis als taffe Knastbraut, was irgendwie nicht zu ihren 26 Jahren und vorherigem Luxusleben passt. Ihre falsche Identität ist dann die dritte Persönlichkeit, die ich ihr nicht ganz abkaufen möchte und manchmal etwas gekünstelt wirkte, sodass ich doch die Mischung ihrer Identitäten irgendwann interessant und sympathisch fand. Ausserdem konnte ich mich immer besser in sie versetzten im Verlauf ihrer Ermittlungen bezüglich ihrer Mutter, ihrer Zukunft und der damaligen Nacht.

Die Nebenfiguren waren mir zum Grossteil unsympathisch oder einfach zu wenig interessant, manche sogar zu plakativ. Abgesehen von einer Hand voll Personen, waren sie einfach Figuren im Spiel, mehr oder weniger wichtige Teile der Geschichte, aber nicht weiter faszinierend. Erfrischend fand ich hingegen den Schreibstil. Hier und da benutzte Janie eine sehr junge, freche Sprache, schwarzer Humor, Ironie und Sarkasmus fliessen ihr wohl im Blut - aber genau sowas liebe ich zu lesen! An einigen Stellen könnte es jedoch etwas aufgesetzt wirken für den einen oder anderen Geschmack. Ich kann zwar nicht erklären warum, aber an einigen Stellen konnte ich mir Cara Delevigne hervorragend in der Buchverfilmung vorstellen. Und das, obwohl ich kein grosser Fan von ihr bin.

Der Spannungsbogen hält sich gut von Anfang bis Ende. Dazwischen gibt es mehrere kleinere Kapitel, die etwas langatmiger waren und ich mich fragte, wo das Ganze noch hinführen möchte. Doch zum Schluss wird es wieder rasant und das Finale war doch ziemlich unvorhersehbar. Was ich schade fand, ist die Tatsache, dass vieles bezüglich der Mordnacht nicht konsequent aufgelöst wurde. Einige Dinge wurden konkret genannt, andere Rätsel konnte man zwischen den Linien lösen, aber doch einiges blieb ungeklärt betreffend dem Mord. (Oder habe ich das vielleicht überlesen?) Dafür wurden viele Antworten auf die vielen neuen Fragen gegeben, die im Verlauf des ganzen Familiendrama aufgewickelt wurden.

Die Mischung macht's ! In diesem Fall ein Roman mit Teilen aus Krimi, Thriller, High Society und Glamour sowie Familiengeheimnisse.


4 von 5 Lese-Echsen



Elizabeth LittleElizabeth Little ist in St. Louis geboren und aufgewachsen. Sie studierte an der Harvard University und veröffentlichte Artikel in der New York Times und dem Wall Street Journal. 
Nach zwei Sachbüchern wurde ihr Debütroman auf Anhieb ein Los Angeles Times Bestseller. Elizabeth Little lebt mit ihrer Familie in Los Angeles.

Mehr auf: Elizabeth Little

7. August 2017

Simone Jöst - Die Oma und der Punk



Autorin: Simone Jöst
Titel: Die Oma und der Punk


Verlag: dotbooks Verlag
ISBN: 978-3-9582-4792-5
Erschienen: 2016
Seiten: 343 (E-Book)





Für Abenteuer ist man nie zu alt !

Oma Emma hat die Nase voll. Erst vertreibt ihre geldgeile Familie sie aus ihrer Villa und nun soll sie in dieser "Seniorenresidenz" versauern. Kurz entschlossen haut sie ab - und trifft Jule, eine... nun ja, extrovertierte junge Frau mit bunten Rastalocken und schweren Stiefeln. Mangels Alternativen folgt Emma ihr in deren WG. Schlimmer kann das alles ohnehin nicht mehr werden, glaubt sie. Falsch gedacht! Denn Jule nimmt es mit Recht und Ordnung nicht immer ganz genau und so schlittern die beiden von einem Abenteuer ins nächste.



Eine kleine Glücksperle, die ich als Schnäppchen erstanden habe. Ein lustiger Titel, ein vielversprechender Klappentext und Lust auf leichte Lektüre verführte mich in die schräge Welt von Emma und Jule und ich habe die beiden ins Herz geschlossen.

Ein verrücktes Duo, das nicht unterschiedlicher sein könnte. Natürlich bedient sich die Autorin an Klischees - zu den schweren Stiefeln und den bunten Rastalocken kommt eine Vorgeschichte auf der Strasse, ein loses Mundwerk und viel billiger Schmuck. Zur Oma, die aus der Seniorenresidenz abhaut, kommen die extrem guten Manieren, biedere Kleidung und lieb gemeinten Ratschläge. Und doch entwickeln sie sich entgegen der Klischees: Jule zeigt Moral und Manieren, Oma Emma verwandelt sich in einen Teilzeit-Hippie und Hobbydetektivin. Hinzu kommen Mitbewohner der unterschiedlichsten Art in der WG, die Familie von Emma und eine Handvoll Schurken, die den beiden nichts Gutes wollen.

Der Schreibstil zeichnet sich meiner Meinung besonders durch die Dialoge aus. Jules Mundwerk schreckt nicht vor Fluchwörtern und frechen Ansagen zurück. Aber auch Emma hat super Antworten auf Lager und auf jeder Seite kommt ein Spritzer Humor dazu - genau im richtigen Mass. Die Geschichte wechselt von gefühlvoll über spannend-rasant zu traurig, wütend, witzig und nachdenklich. Ein Hin und Her, so dass es niemals wirklich langweilig wird, aber immer glaubwürdig bleibt. Manchmal war der Wechsel jedoch sehr abrupt, worüber ich beim Lesen stolperte und die Handlung ganz kurz an Authentizität verlor,  aber es genauso schnell wieder wett machte mit der nächsten Aktion. 

Die Figuren sind eine liebevolle Mischung aus Klischee auf die Spitze getrieben und frischem Wind,als Anti-Stereotyp, was die Personen gleichzeitig bekannt und aufregend gestaltet. Wenn man denkt, man kennt den nächsten Schritt, kommt doch noch etwas Verrückteres um die Ecke. Wenn man meint, man hat die Figur schon durchschaut, zeigt sie dir plötzlich eine ganz andere Seite. 

Als ich schon meinte, die Erzählung wird unnötig verzögert, entzückte mich dennoch der Umweg, eine kleine Zwischengeschichte, die ganz zum Schluss doch ihren rechten Platz im ganzen Roman hatte. Das war wohl generell das Hauptproblem mit diesem Buch: Nicht voreilig urteilen. Wie oft dachte ich "was soll das jetzt wieder? Was tut dies zur Geschichte?" oder auch "ist dieses Verhalten der Person xy überhaupt logisch oder schon zu gekünstelt?" wurde ich abgelenkt durch die wohl einfachste Erklärung: "Ach egal, macht trotzdem Spass". Und genau so sollte man wohl die Geschichte lesen: Nicht gross hinterfragen oder urteilen, einfach lesen und amüsieren. Ideale Lektüre für Ferien, egal ob Strand, Stadtpark oder Balkonien. 

Anscheinend soll es auch eine Fortsetzung geben: eine heisse Spur. Mal schauen, ob ich mir den auch noch kaufe. Lust, dass mit Emma und Jule in die nächste verrückte Geschichte mitreissen hätte ich ja.



4,5 von 5 Lese-Echsen




Bildergebnis für simone jöstSimone Jöst lebt im Odenwald. Beflügelt von der Lust, sich ständig neue Geschichte auszudenken, stolperte sie beinahe zufällig in das Krimigenre. Seitdem publizierte sie zahlreiche Krimi-Kurzgeschichten und arbeitete als freie Mitarbeiterin in einem kleinen Verlag. Sie ist Herausgeberin diverser Krimianthologien und liebt nichts mehr als schwarzen Humor und weisse Schokolade.
Mehr zu den Emma-Jule-Büchern und die Autorin auf: Simone Jöst

1. Juli 2017

S.K. Tremayne - Eisige Schwestern



Autor: S. K. Tremayne
Titel: Eisige Schwestern


Verlag: Knaur
ISBN: 978-3-4265-1635-5
Erschienen: 2015
Seiten: 395




Ein Jahr nachdem die sechsjährige Lydia durch einen tragischen Unfall ums Leben kam, sind ihre Eltern Sarah und Angus psychisch am Ende. Um neu anzufangen, ziehen sie zusammen mit Lydias Zwillingsschwester Kirstie auf eine atemberaubend schöne Privatinsel der schottischen Hebriden. Doch auch hier finden sie keine Ruhe. Kirstie behauptet steif und fest, sie sei in Wirklichkeit Lydia, die Eltern hätten den falschen Zwilling beerdigt.

Bald hüllen Winternebel die Insel ein, Angus ist beruflich oft abwesend, und bei Sarah schliecht sich das unheimliche Gefühl ein, etwas stimme nicht. Zunehmend fragt sie sich, welches ihrer Mädchen lebt. Als ein heftiger Sturm aufzieht, sind Sarah und Kirstie komplett isoliert und den Geistern der Vergangenheit ausgeliefert.



Atmosphärisch dicht, am Anfang schwach, dafür am Ende packend, ein Verwirrspiel um Zwillingsschwestern, eine Familientragödie, Geheimnisse, falsche Schlüsse, Trauer und Anschuldigung, Zweifel, ein Neuanfang und eine Insel.

Der Klappentext weckte meine Neugier, hier scheint Potential, Spannung versprochen, ein interessantes Thema und dann wurde die Vorfreude immer schwächer. Der Text zog sich hin, die Banalitäten reihten sich aneinander, der Anfang nahm mir - trotz Tod des einen Zwillings - die schnelle Fahrt, die ich doch aufnehmen wollte. Obwohl der Schreibstil mit schnell in die Geschichte gesaugt hat und auch gut im Griff behielt, wollte die Geschichte selbst so nicht richtig weiterkommen. Etwas Tragisches ist passiert, die Trauerverarbeitung in der Familie ist nachvollziehbar, ein Neuanfang auf der schottischen Insel wird ziemlich detailreich beschrieben. Man kann sich gut in die Figuren hinein versetzten, mit ihnen fühlen, die nächsten Schritte vorhersehen, einfach weil sie logisch sind. Doch die Spannung ist weg.

Wer dran bleibt, wird belohnt: Zugegeben, bis in die Hälfte trällert die Erzählung so dahin wie ein kleines Kind auf dem Nachhauseweg vom Kindergarten, das keine Uhr kennt und auch nicht unbedingt schon daheim ankommen will. Ein Kapitel folgt auf das nächste, Dinge passieren, aber nichts konnte mich so richtig packen und ich zweifelte schon ein wenig am Klappentext. Das Verwirrspiel um die Zwillinge läuft zwar (ist Kirstie oder Lydia gestorben? Und wie kam es genau dazu?), die Eltern zerstreiten sich, geblendet von Trauer, Wut und nur kleinen Teilen unterschiedlichen Informationen. Doch ab der zweiten Hälfte kommt die Geschichte in Bewegung - aber dann wirklich! Zur möglichen Verwechslung der Zwillinge kommt ein Sturm auf, im wahrsten Sinne des Wortes, wie auch Anschuldigungen zwischen den Eltern: Depression? Kindsmisshandlung? Bevorzugung von Lieblingskinder? Besondere Verbindungen zwischen Zwillingsgeschwister? Kindespsychologen zur Trauerverarbeitung? Und sogar Geister?

Richtig, zu einem Zeitpunkt der Geschichte kommt die Verwirrung so weit, dass sich der Roman zur Geistergeschichte entwickelt. Angst vor paranormalen Geschehnissen oder einfach Angst vor der eigenen Verwirrtheit? Die Sprache ist kaum von einem tatsächlichen Geist, doch die tote Zwillingsschwester lässt die Familie nicht ruhen. Dazu die Bühne einer schottischen Insel, wo die Winter dunkel und kalt sind, der Wind ungehalten und stetig um das Leuchtturmhaus fegt und die lokalen Bewohner der Kleinstadt auf dem Festland tuscheln. Atmosphärisch geladen mit Blitzen und Donner, braut sich ein grosser Knall zum Ende hin zusammen. Obwohl ich Teile des Endes ahnte, die sich auch bewahrheiteten, war die zweite Hälfte doch durchwegs spannend. Beeindruckt hat mich aber vor allem das Ambiente, denn schon lange konnte mich ein Roman nicht mehr so in sich saugen, dass ich doch wirklich Mühe hatte, wieder in die Realität zurückzukehren. Da sass ich also mit dem beendeten Buch, in die Landschaft starrend, während der Wind mir an den Haaren zerrt und mir noch Gedanken zu den unzähligen komplizierten Themen des Romans durch den Kopf jagen.





4 von 5 Lese-Echsen



Bildergebnis für sk tremayneS.K. Tremayne wurde in Devon geboren und ist ein englischer Bestsellerautor und preisgekrönter Reisejournalist, der regelmässig für internationale Zeitungen und Magazine schreibt. Zusammen mit seinen beiden Töchtern lebt er in London.

16. Juni 2017

Isabel Wolff - Geister der Erinnerung



Autorin: Isabel Wolff
Titel: Geister der Erinnerung

Verlag: Weltbild
ISBN: 978-3-95569-459-3
Erschienen: 2015
Seiten: 416



Jenni ist eine Schriftstellerin der besonderen Art: Als Ghostwriter schreibt sie die Geschichten anderer Menschen auf. Doch ihre eigene tragische Kindheitsgeschichte möchte sie am liebsten vergessen. Erst als sie Klara begegnet, die im Zweiten Weltkrieg in einem japanischen Lager entsetzliche Erfahrungen gemacht hat, findet Jenni Mut zur Wahrheit. Gemeinsam machen sich die beiden Frauen auf den Weg den Geistern der Vergangenheit ins Auge zu sehen.



Zwei Frauen, die kaum unterschiedlicher sein könnten, jedoch beide eine tragische Geschichte ihrer Vergangenheit fest in sich verschlossen mit sich tragen. Niemanden erzählten sie bisher, was damals genau geschah, bis die Last dieses Geheimnis zu schwer wird. Zwei Schicksale, die beide schwer zu verdauen sind, obwohl sich die Geschichte von Klara ganz klar in den Vordergrund drückt.

Der Schreibstil saugt den Leser recht schnell in das Geschehen. Ein kleiner Prolog gibt den Blick in die Vergangenheit, zu jenem Ereignis, als Jenni noch ein Kind war... und zum Grund, warum sie heute keinen Kontakt mit ihrer Mutter mehr hat. Doch verraten wird nicht gleich alles, es wirkt eher wie ein Cliffhanger, ein zweiter Klappentext. Später lernt der Leser Klara kennen und mit ihr, eine Lebensgeschichte, die leider nicht nur fiktiv ist, sondern sich an tatsächlichen Begebenheiten orientiert. Spätestens als Klara beginnt zu erzählen, wird der Leser gepackt. Der Blick in die Vergangenheit von Klara ist jeweils in einzelnen Kapiteln abgeteilt und trotz mangelnder Überschrift oder Jahreszahl gut von der Handlung im Hier und Jetzt zu unterscheiden. Dank dem Schreibstil und der Erzählpersektive kann man sich sehr gut in die Rolle von Jenni hineinfühlen und wird zum zweiten Zuhörer von Klara, ganz gefesselt von ihrem Leben.

Die Erlebnisse von Klara und ihrer holländischen Familie, die nach Java auswanderten und dort während dem Zweiten Weltkrieg in ein japanisches Lager abtransportiert wurden, ist leider traurige Wahrheit. Sogar der Name des Lagerführers, in dem Klara mit ihrer Mutter und Bruder landen, ist real und in Geschichtsbüchern festgehalten. Methoden der mentalen und körperlichen Folter jagten mir eine Gänsehaut über den Rücken und liessen mir Tränen in die Augen steigen. Wer sich für diesen Roman also entscheidet, sollte sich bewusst sein, dass "Geister der Erinnerung" zwar fiktiv ist, der Geschichtsrahmen von Klaras Vergangenheit jedoch wahrheitsgetreu und fachlich recherchiert ist. Die Besetzung Javas ist dabei mit dem Holocaust unter dem Hitler, Deutschland von den Juden "säuberte" zu vergleichen und spielt in der gleichen Zeitperiode.

Die Vergangenheit von Jenni ist zwar nicht weniger traurig, aber weniger dramatisch im Vergleich und rückt leicht in den Hintergrund. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass die Autorin Jennis Geschichte immer wieder in den Fokus rücken wollte. Während sie sich bei ihren Treffen immer besser kennen lernen, findet die Geschichte ihren Höhepunkt in einer Freundschaft, bei der sich beide endlich öffnen und die Erlebnisse der Vergangenheit verdauen können. Das Ende ist somit kein grosser Knall, aber ein schöner Abklang, den ich genau richtig empfand.

Allgemein waren mir die Figuren sehr sympathisch (abgesehen von einigen Personen im Krieg, die entweder Feinde waren oder durch den Überlebenskampf gestresst). Einzig Jennis Freund und die Nebengeschichte mit ihm, die ebenfalls noch angeschnitten wird, fand ich eher lästig und oberflächlich, da die Geschichte nicht genug in die Tiefe geht und neben den anderen grossen Geschichten auch absolut unnötig ist, meiner Meinung nach.
Unterm Strich eine emotionale, gut erzählte Geschichte, die Fakten aus einem leider hässlichen Kapitel der Menschheit miteinwebt.




4 von 5 Lese-Echsen


Ähnliches FotoIsabel Wolff studierte in Cambridge Literatur und arbeitete lange Jahre als Journalistin für die BBC. Sie lebt mit ihrer Familie in London. Ihre Romane wurden in 29 Sprachen übersetzt.

14. Juni 2017

JK Rowling - Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind



Autorin: JK Rowling
Titel: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind


Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-5515-5694-3
Erschienen: 2017
Seiten: 304


Der Magizoologe Newt Scamander will in New York nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen. Doch als sein magischer Koffer verloren geht und ein Teil seiner phantastischen Tierwesen entkommt, steckt Newt in der Klemme - und nicht nur er.



In dieser Rezension möchte ich nicht nur das Buch kommentieren, sondern auch den dazugehörigen Film, da es sich schliesslich um das Originaldrehbuch handelt.

Zur Aufmachung muss ich wohl kaum etwas sagen. Ich kenne niemanden, dem das Cover nicht gefällt, alle schwärmen davon und auch auf den weiteren Seiten im Buch, werden die Ornamente nicht weniger. Am Anfang jedes Kapitels ist ein handgezeichnetes Tierwesen aus der Geschichte. Verzierungen schlängeln sich an der Seite des Text in die Ecken. Überschriften wurden kunstvoll gestaltet, nur der hauptsächliche Text ist in einer leserfreundlichen "einfachen" Schrift gehalten. Ein ganz grosses Lob dafür an MinaLima, dem preisgekrönten Designerstudio von Miraphora Mina und Eduardo Lima, die neben diesem Buch auch an den 8 Harry-Potter-Filmen mitwirkten. Die Illustrationen sind vom Stil der 1920-Jahre (Vintage) inspiriert und wurden allesamt von Hand gezeichnet und später digitalisiert. Nur schon aus diesem Grund musste ich dieses Buch unbedingt besitzen! Denn selbst ungelesen ist ein wahnsinnig hübschen Schatz in meinem Bücherregal.

Zur Geschichte: Als Spinoff von der Harry Potter-Welt war es ein Muss für mich als JK-Rowling und Harry-Fan. Ausserdem interessierten mich die magischen Tierwesen schon von Beginn an und ich bewunderte in jedem Buch wieder die Fantasie, mit der Rowling solch viele unterschiedliche Kreaturen erschuf - inklusive Herkunftsgeschichte, Charakter und Pflege, etc. Die Geschichte von Newt Scamander spielt dabei Jahrzehnte vor der Schulzeit von Harry und seinen Freunden. Sein Werk über die diversen Tiere ist später Schullektüre für Harry und wird sicherlich besonders von Hagrid geschätzt. Rowling spinnt jedoch in das Spinoff nicht die schon bekannten Tierfiguren wie Aragog (Hagrids Riesenspinne) oder Seidenschnabel (Hagrids Hippogreif), weder Drachen noch Zentauren, kein dreiköpfiger Hund und keine sprechenden Schlangen und auch keine Tierverwandlungen wie beispielsweise Animagi. Sondern es kommen neue tolle Tiere dazu, von denen wir noch nichts gehört haben: der Niffler, Bowtruckles, der böse Sturzfalter, Snallygaster, Rugaru, Billywigs und Obscurus... und natürlich auch Kobolde. In den Niffler, ein schmuckklauendes Beuteltier, der im Trailer fast eine Hauptrolle übernimmt, kann man sich nur verlieben. Im Film bekommt der Obscurus jedoch die grössere und wichtigere Rolle.

Die Lektüre: In der Form eines Drehbuches enthielten die einzelnen Seiten bedeutend weniger Text als sonst die Romane, die ich lese. Somit hatte ich das Buch auch ziemlich schnell durch, genau gesagt innerhalb eines Nachmittages. Der Text enthält zudem etwas Wortschatz aus dem Direktor-Vokabular, das jedoch am Ende in einer kurzen, einseitigen Liste erklärt wird (hauptsächlich Kameraeinstellungen, ob Sicht aus Vogelperspektive oder eine Figur im Portrait, zum Beispiel). Auch der Schreibstil war somit anders, viel weniger erzählend, eher kurzgebunden. Schliesslich wurde der Text so verfasst, um später die Bilder zu bekommen, wie die Geschichte erzählt wird. Damit hatte ich zwar kein Problem, empfinde es aber nicht als das gleiche Leseerlebnis wie ein "normaler" Roman. Es wirkt konstruiert, erklärend, was es schliesslich ja auch soll.

Der Film: Die altbekannte Kritik, dass das Buch immer besser ist als der Film kann ich hier nicht wirklich gelten lassen. Grundsätzlich bin auch ich dieser Meinung. Da es allerdings das Drehbuch ist und somit schon mit der Absicht eines Filmes entstanden ist, wird dieses Argument kurzerhand entkräftet. Ich habe zudem den Film kurz nur wenige Tage nach der beendeten Lektüre gesehen und muss sagen: Es hat nichts gefehlt (was bei Roman-in-Verfilmung häufiger passiert, dass Szenen gekürzt, umgewandelt oder ausgelassen werden). Was dafür fehlte aus demselben Grund, war die Spannung. Da ich das Drehbuch noch frisch im Kopf hatte, konnte mich im Verlauf kaum etwas überraschen. Nur eine Szene, der grosse Turn in der Geschichte konnte mich erschrecken. Allerdings nicht, weil ich nicht darauf vorbereitet war, dass eine Person nicht wirklich derjenige ist, für den ihn alle hielten - das wusste ich ja aus dem Buch. Doch erschrak ich bei der Auswahl der Schauspieler - die ich beide liebe! Um hier nicht zu spoilern, werde ich nicht verraten, welche Figur und welcher Schauspieler sich am Ende in eine andere Figur verwandelt - und von einem anderen Schauspieler übernommen wird, der im zweiten Teil eine grössere Rolle einnehmen wird, worauf ich mich sehr freue. Bis dahin müssen wir uns jedoch bis November 2018 gedulden...




5 von 5 Lese-Echsen


Joanne Rowling, geboren 1965, auch bekannt als J. K. Rowling oder unter ihrem Pseudonym Robert Galbraith ist die britische Schriftstellerin, die mit ihrem Zauberschüler Harry Potter weltberühmt wurde. Die Reihe um Harry Potter, seine Freunde und die dazugehörige magische Welt wurde in über 70 Sprachen übersetzt und in 8 Filme verwandelt. Hinzu kommen mehrere Spinoffs, darunter E-Books, ein Drehbuch mit Verfilmung und einem Theaterstück. 

Sie hat eine Tochter aus erster Ehe und ist seit 2001 mit Neil Murray verheiratet, mit dem sie weitere 2 Kinder hat. Neben ihrem schriftstellerischen Tun ist sie politisch aktiv und unterstützte beispielsweise die Better-Together-Kampagne bezüglich der Schottischen Unabhängigkeit. Ausserdem ist sie die Präsidentin der schottischen Multiple-Sklerose-Gesellschaft und besitzt diverse Auszeichnungen.

Bildergebnis für joanne k. rowling