21. Mai 2018

Karen M. McManus - One of us is lying

Image result for one of us is lyingAutorin: Karen M. McManus
Titel: One of us is lying



Verlag: cbj
ISBN: 9783570165126
Erschienen: 2018
Seiten: 445





Eine Highschool, ein Toter, vier Verdächtige...

An einem Nachmittag sind fünf Schüler in der Bayview High zum Nachsitzen versammelt. Bronwyn, das Superhirn auf dem Weg nach Yale, bricht niemals die Regeln. Klasschenschönheit Addy ist die perfekte Homecoming-Queen. Nate hat seinen Ruf als Drogendealer weg. Cooper glänzt als Baseball-Spieler. Und Simon hat die berüchtigte Gossip-App der Schule unter seiner Kontrolle. Als Simon plötzlich zusammenbricht und kurz darauf im Krankenhaus stirbt, ermittelt die Polizei wegen Mordes. Simon wollte am Folgetag einen Skandalpost absetzen. Im Schlaglicht: Browyn, Addy, Nate und Cooper. Jeder der vier hat etwas zu verbergen - und damit ein Motiv.




Ein rasanter Jugendthriller, der zwar sehr mit Klischeefiguren spielt, trotzdem aber einen interessanten Spannungsbogen aufweist und sehr zu unterhalten weiss.

Ich bin ja grundätzlich vorsichtig mit gehypten Büchern. Dabei war One of us is lying, zu Deutsch einer von uns lügt, keine Ausnahme. Wie viele Fotos habe ich auf Instagram und Blogs von diesem Buch gesehen? Zu viele für meinen Geschmack und trotzdem hat es mich neugierig gemacht. Als ich es dann als Monats-Schnäppchen im meinem E-Reader-Shop gesehen habe, musste ich es mir dann doch runterladen. Und ich wurde nicht enttäuscht, sogar im Gegenteil, überraschend mitgerissen.

Die vier bzw. fünf Hauptfiguren könnten nicht klischeehafter sein: ein Nerd, ein Püppchen, ein hübscher Sportjunge und ein Aussenseiter. Dazu kommt das Opfer Simon, der auch seine Geheimnisse hatte. Dass all diese gemeinsam zum Nachsitzen versammelnt werden, ist von Anfang an komisch und passt irgendwie nicht, sei es für sie selbst im Buch oder eben auch für den Leser, der dank Klappentext schon weiss, dass einer nicht mehr lebendig aus dem Nachsitzen kommt. Grundlage gegeben und weiter nicht spannend, aber schonmal eine neugierig machende Grundidee. Dadurch, dass die Figuren sehr klischeehaft und zusammen schnell und eher oberflächlich vorgestellt werden, hatte ich nicht von Anfang an Sympathien - für niemanden davon. Das wird sich im Verlauf der Geschichte jedoch ändern.

Wer es getan hat, müsst ihr selber lesen. Ich kam nach etwa zwei Drittel des Buches auf die Spur des Täters. Zum einen dank detailkleinen Indizien, zum anderen eine als Idee. Doch ich war bis zur Auflösung auch nicht sicher, hatte bloss so eine Vorahnung. Und die Auflösung ist ein kleiner Knall, wenn man keine Vorahnung hat. Auf jeden Fall einfallsreich!

Der Schreibstil ist angenehm und die Erzählung wird aus der Sicht der vier Hauptverdächtigen abwechselnd erzählt, was mir sehr gefiel. So bekommt der Leser kleine Informationen, die andere Hauptfiguren erst später erhalten, wodurch der Leser mehr weiss, aber doch nicht zu viel. Ausserdem finde ich Erzählungen, besonders mit Rätseln und Geheimnissen, immer interessanter aus verschiedenen Sichten, weil es das umso autenthischer macht und neue Blickwinkel auf Ereignisse gibt. Das Ganze hat mich ausserdem sehr stark an Pretty Little Liar und ein wenig an Gossip Girl erinnert: Highschool Gerüchte, polizeiliche Untersuchungen wegen Mord, junge Erwachsene auf Spurensuche parallel zur Polizei obwohl sie selbst in der Schusslinie stehen und die ganze Schule zerreist sich das Maul über die brodelnde Gerüchteküche. Auch deshalb kann ich mir dieses Buch sehr gut verfilmt vorstellen - egal ob Netflix-Serie oder als Film. Wäre sicherlich unterhaltsam, wenn auch nicht ganz neu.

Abgesehen von einigen Schwachstellen bezüglich Indizien, die ein wenig allzu auffällig waren oder ungeklärt bleiben, sind es dennoch bloss Kleinigkeiten und das ganze wirkt nicht künstlich und konzipiert. Trotz meinem Vorurteil gegenüber dem Hype konnte mich die Geschichte sehr unterhalten und ist sehr empfehlenswert. Besonders für Liebhaber von Pretty Little Liars und Gossip Girl, weil genau auf dieser Schiene läuft auch dieser Highschool-Mord ab.




4,5 von 5 Lese-Echsen




Karen M. McManus hat einen Bacherlor-Abschluss in Englisch am College of the Holy Cross absolviert und einen Master-Abschluss in Journalismus an der Northwestern University. Wenn sie nicht gerade in ihrer Heimatstadt Cambridge, Massachusetts, ihrer Arbeit nachgeht oder sich dem Schreiben widmet, bereist sie mit Vorliebe mit ihrem Sohn die Welt.

Image result for karen m mcmanus buchOne of us is lying ist ihr Debütroman, der auf Anhieb die New York Times-Bestsellerliste stürmte.





10. Mai 2018

Laura Kneidl - Verliere.mich.nicht

Autorin: Laura Kneidl
Titel: Verliere mich nicht


Verlag: LYX
ISBN: 978-3-73630-639-4
Erschienen: 400
Seiten: 2017





Sie fürchtet sich vor der Liebe. Doch noch mehr fürchtet sie, ihn zu verlieren...


Mit Luca war Sage glücklicher als je zuvor in ihrem Leben. Er hat ihr gezeigt, was es bedeutet, zu vertrauen. Zu leben. Und zu lieben. Doch dann hat Sage' dunkle Vergangenheit sie eingeholt - und ihr Glück zerstört. Sage kann Luca nicht vergessen, auch wenn sie es noch so sehr versucht. Jeder Tag, den sie ohne ihn verbringt, fühlt sich an, als würde ein Teil ihrer selbst fehlen. Aber dann taucht Luca plötzlich vor ihrer Tür auf und bittet sie, zurückzukommen. Doch wie soll es für die beiden eine zweite Chance geben, wenn so viel zwischen ihnen steht?



YA vom Feinsten. Bin ich zu alt dafür geworden? Obwohl mir der Schreibstil sehr gefallen hat, ist mir die Geschichte einfach zu langweilig, obwohl Buch eins noch sehr gute Basis gelegt hat. Doch die Spannung fehlt leider komplett...

Bei diesen beiden Bänden handelt es sich um perfekte Exemplare des Genres Young Adult - also für junge Erwachsene. Meist leicht kitschige Liebesgeschichten von Schülern und Studenten. Oft können mich die wundervollen Covergestaltungen und interessant klingenden Klappentexte noch dazu verleiten, solche Bücher zu lesen. Auch werden Romane dieses Genres regelmässig gehypet, so dass man kaum daran vorbei kommt. Doch bei oder nach der Lektüre bin ich zu oft leider etwas enttäuscht oder sogar gelangweilt. Grund dafür: Das immer wieder gleiche Aufbausystem, die vorhersehbare Entwicklung der Charakteren. Lässt man die feingeschliffenen Details mal weg, ist es doch immer der gleiche Plot. Zwei junge Menschen, meist aus unterschiedlichen, ja sogar komplett gegensätzlichen, Welten und Hintergründen verlieben sich gegen alle Logik. Doch dann finden sie nicht direkt zusammen wegen diesem oder jenem Was-auch-immer, nur um dann am Ende nach grossem Gefühlschaos doch zusammen zu finden. Tadaaa!

Dies ist leider auch der Fall bei Laura Kneidls Berühre mich nicht und Verliere mich nicht. Den ersten Teil fand ich ja noch sehr unterhaltsam und durchaus gefühlvoll. Der zweite Band hingegen hatte seine Längen. Nach meinem Geschmack, hätte man die beiden Bücher zusammenlegen können, etwa  zweihundert Seiten kürzen können und es wäre ein toller junger Roman daraus geworden. Der böse Cliffhanger am Ende des ersten Buches, war einfach nur konstruiert und marketingtechnisch notwendig, um die Spannung und Kauflust für Band zwei aufrechtzuhalten. Viele kleine Ereignisse im zweiten Band sind zwar sehr süss und gefühlvoll, jedoch relativ unnötig, um zum Schluss zu kommen.

Bitte nicht falsch verstehen, ich möchte niemandem zu nahe treten, denn ich weiss, vielen haben diese Bücher sehr sehr gut gefallen. Die Autorin hat eindeutig Talent, ihr Schreibstil ist locker leicht und sehr angenehm zu lesen. Auch hat sie Feingefühl für die Figuren und beschreibt Ereignisse sehr detailreich und aussagekräftig. Das Einzige, was mich stört, ist die nicht vorhandene Spannung, die dramatischen Beschreibungen wie: Ich kann nicht mehr ohne ihn Leben! Oder: Für ewig wird dieses Missgeschick mein schwarzen Loch im restlichen Leben sein. Mein Gott, regt euch ab, ihr seid 17-jährig und habt noch sehr viel Stück Leben vor euch... obwohl, ist das nicht schon wieder authenthisch für Teenager? Ich weiss es ehrlich nicht, aber viel kann ich nicht mehr damit anfangen, obwohl ich früher solche Romane auch sehr mochte. Sie können mich heute nur noch kurzweilig unterhalten, aber nicht mehr wirklich berühren. Schade eigentlich.

Wer also auf Gefühlsachterbahn, süsses und kitschiges Ping-Pong-Spielen bzw. um den heissen Brei tanzen mag, der ist mit diesen beiden Büchern sicherlich wahnsinnig glücklich! Die Figuren sind sehr empathisch gezeichnet, die Ereignisse toll beschrieben, das Schreibtalent der Autorin gesichert. Bloss das Genre ist wohl nicht mehr mein Ding...




3 von 5 Lese-Echsen



Laura Kneidl schreibt Romane über unverfrorene Dämonen, rebellische Jäger, stilsichere Vampire und uniformierte Luftgeborene. Sie wurde 199O in Erlangen geboren und entwickelte bereits früh in ihrem Leben eine Vorliebe für alles Übernatürliche. Inspiriert von zahlreichen Fantasy-Romanen begann sie 2009 an ihre eigenen Buchprojekte zu arbeiten, seitdem wird ihr Alltag von Büchern, Katzen, Pinterest und Magie begleitet.
 

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2. Mai 2018

Michael White - Leonardo da Vinci

Resultado de imagem para leonardo da vinci michael white erste wissenschaftlerAutor: Michael White
Titel: Leonardo da Vinci - der erste Wissenschaftler


Verlag: Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-1619-0
Erschienen: 2007
Seiten: 422




Leonardo wurde im toskanischen Vinci als unehrlicher sohn eines Notars geboren. Seine Ausbildung als Maler und Bildhauer erhilet er in Florenz bei Andrea Verrocchio, bevor er ab etwa 1478 als Künstler und Wissenschaftler u.a. in die Dienste des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza sowie des berüchtigen Cesare Borgio trat. Nach seinem Tod 1519 hinterliess Leonardo da Vincii über dreizehntausend Seiten Eintragungen über die verschiedensten Wissensgebiete, vor allem Wasser, Optik und Anatomie. Michael White interessieren die Bedingungen, unter denen sich Leonardo, dem wegen seiner unehelichen Geburt eine höhere Schulbildung verwehrt blieb, dieses immense Wissena angeeignet hat. Er folgt dem Werdegang des jungen Leonardo und entwirft ein anekdotenreiches Bild der sozialen, politischen und intellektuellen Verhältnisse im Norditalien des späten 15. Jahrhunderts. Seine einfühlsame und anschauliche Schilderung macht verständlich, wie der Wissenschaftler und der Künstler in der Person Leonardos zusammengehören: Er war der Rennaissancemensch par excellence, technisch und künstlerisch gleichermassen versiert und somit der schöpferische Mittelpunkt seiner Welt. Zugleich vermittelt White ein sehr persönliches Bild des vielbegabten Leonardo, der ständig um seine Erfindungen bangte, Aufträge meist nicht zu Ende brachte, der chaotisch von einem Interesse zum nächsten wechselte, persönliche Kontakte zu Männern wie Nicolo Machiavelli pflegte, das Leben eines Dandys führte und schliesslich zum Weisen wurde.




Leonardo, ein vielseitig interessierter Mann, der seiner Zeit definitiv voraus war. Ein Künstler, der wissbegierig, wenn auch nicht gebildet wie ein Wissenschaftler war und Erkenntnisse in seinen Notizbüchern festhielt, die damals nicht verstanden wurden, später entdeckt und weiter ausgearbeitet wurden und schliesslich auch Michael White als eine Art Tagebuch diente, um den Menschen Leonardo besser zu verstehen. Eine Roman-ähnlich erzählte Geschichte, die trotz vieler Unsicherheiten als Realität angesehen werden kann, auch wenn vieles nur geahnt und interpretiert werden kann.

Um ehrlich zu sein, stiess mich dieses Buch in eine kleine Leseflaute. Als ich das Buch auf einem Mängelexemplartisch entdeckte, dachte ich mir: Oh wie interessant! Auch wenn ich kein spezifisch grosser Fan von Leonardo da Vinci bin, ist es doch Unterhaltung und Geschichtsstunde zugleich und sicherlich die Lektüre wert. Das hat sich grundsätzlich auch bewahrheitet, doch mit dem Schreibstil von Michael White kam ich nur so mittel klar. Das Buch liest sich zwar fliessend und gut erklärt, auch wissenschaftliche Konzepte und Fachbegriffe werden erklärt und für nicht-Wissenschaftler zugänglich gemacht. Doch der Autor ist ohne Zweifel ein sehr grosser Fan von da Vinci und so wirkt seine Erzählung an manchen Stellen wie Lobgesang. Ausserdem wiederholt er sich in einigen Dingen ziemlich oft; beispielsweise dass Leonardo unehelich geboren war, sein Vater kein Interesse an ihm zeigte, Kunst als Nichtsnutz abtat und seine leibliche Mutter nicht bei und mit ihm, aber ganz in der Nähe von Leonardo lebte und weitere Kinder grosszog, dass Leonardo deswegen keine Schulbildung hatte und wegen einer Flut in seiner Kindheit, sein Leben lang Respekt vor der Kraft von Wasser hatte. Ich weiss nicht, wie oft ich diese Fakten las, aber meiner Meinung weit zu oft. Auch die Art, wie der Autor Interpretationen anderer Biographen, Autoren oder Wissenschaftler abtut, um seine eigenen Interpretationen über die Notizen von Leonardo aufzustellen und das Leben des damaligen Leonardos zu zeichnen, naja, gefiel mir nicht immer, weil einfach die Argumentation fehlte. Einige Interpretationen kann er aus festen Gründen widerlegen, doch an vielerlei Stellen gibt Michael White auch seine eigene Meinung über Leonardos Leben und ich zweifelte oft daran, wie viel tatsächlich Hintergrund recherchierte Interpretation und wie viel Admiration für die Person Leonardo da Vinci dahinter steckte.

Grundsätzlich ist das Buch aber sehr informativ und man bekommt nicht nur einen Einblick in das Leben von Leonardo, sondern wie im Klappentext erwähnt, auch in die Alltagsverhältnisse, politische Machtverhältnisse und grössere Ereignisse von Mitte bis Ende des 15. Jahrhunderts sowie Anfang 16. Jahrhunderts. Obwohl mich persönlich mehr der Alltag des allgemeinen Volkes interessierte, als allzu detaillierte politische Diskussionen und Machtverschiebungen, gehört die Geschichte von Leonardos Begünstigern und Auftraggebern natürlich dazu. Auch landschaftliche Beschreibungen zeichnen ein gutes Bild von Norditalien damals. Doch die ausführlichsten Beschreibungen, sowohl von White wie auch aus Zitaten von Da Vinci, sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Einige sogar mit Skizzen und Zeichnungen demonstriert, wie beispielsweise die Anatomie des Auges, Muskeln und Sehnen von männlichen Torso, Gesichtsausdrücke von Menschen und Tieren sowie einige seiner berühmtesten Werke: z.B. der Vitruviano, der Mann auf dem Coverbild mit gespreizten Armen und Beinen in einem Kreis stehend.

Unter dem Strich muss ich sagen, dass die Lektüre obwohl sehr wissensreich, mich irgendwann gelangweilt hat und der Schreibstil mir zu repetitiv und trocken vorkam. Dennoch muss ich dem Autor tiefgehende und langzeitige Recherche, Liebe zum Detail und Genauigkeit mit dem Wunsch zur Perfektion kreditieren. Denn das spürt man in jedem Kapitel - dieses Buch war Arbeit wie auch Vergnügen. Der Autor hat viele Informationen, Zeit und Mühe darin gesteckt und es gibt eine interessante, lehrreiche Biografie über einen grossartigen Mann, der Weltgeschichte schrieb.




 3 von 5 Lese-Echsen




Michael White arbeitete als Wissenschaftsredakteur des Magazins British GQ, leitete die naturwissenschaftliche Fakultät des D Overbroeks Colleges und gehörte üerdies als Musiker der in den achtziger Jahren erfolgreichen britischen Band The Thompson Twins an. Er verfasste wissenschaftliche Beiträge für Zeitungen und Magazine wie Sunday Times und Daily Telegraph. Ausser den Bestsellern Stephen Hawking - A Life In Science und Einstein - A Life In Science sind von ihm verschiedene Biographien erschienen, u.a. über Mozart, John Lennon, Galileo und Isaac Newton.

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3. April 2018

Jodi Picoult - kleine grosse Schritte

Bildergebnis für jodi picoult grosse kleine schritteAutorin: Jodi Picoult
Titel: Kleine grosse Schritte


Verlag: Bertelsmann
ISBN: 978-3-570-10237-4
Erschienen: 2017
Seiten: 592





Ruth Jefferson ist eine äusserst erfahrene Säuglingsschwester. Doch als sie ein Neugeborenes versorgen will, wird ihr das von der Klinikleitung untersagt. Die Eltern wollen nicht, dass eine Afroamerikanerin ihren Sohn berührt. Als sie eines Tages allein auf der Station ist und das Kind eine schwere Krise erleidet, gerät Ruth in ein moralisches Dilemma: Darf sie sich der Anweisung widersetzen und dem Jungen helfen? Als sie sich dazu entschliesst, ihrem Gewisesn zu folgen, kommt jede Hilfe zu spät. Und Ruth wird angeklagt, schuld an seinem Tod zu sein. Es folgt ein nervenaufreibendes Verfahren, das vor allem eines offenbart: den unterschwelligen, alltäglichen Rassismus, der in unserer ach so aufgeklärten westlichen Welt noch lange nicht überwunden ist...



Wenn jemand fragen sollte, warum es wichtig ist, auch fiktive Geschichten zu lesen, dann nehmt diesen Roman von Jodi Picoult als Beispiel. Obwohl es sich um eine fiktive Erzählung handelt bezüglich der Hauptcharakteren, so sind diese doch sehr stark von realen Personen inspiriert und es ist wohl kaum zu leugnen, dass es sich um ein tatsächliches, wahres und alltägliches Problem handelt: Rassismus. Auf gefühls- und ausdrucksstarke Weise zeigt uns die Autorin einen Schneeballen, der zur Lawine wird, eine Geschichte, die man wohl kaum vergessen kann und sie lehrt uns, dass wir über Rassismus gar nicht oder noch immer ungenügend Bescheid wissen und reden.

Rassismus ist nicht nur ein Skinhead, der voller Hass und herausstehender, pulsierender Ader am Hals, die Hand zur Faust geballt, afroamerikanische Mitmenschen als dreckige N*** beschimpft. Rassismus ist nicht nur die Diskriminierung am Arbeitsplatz, wo weisse Angestellte in der Überzahl sind, besser verdienen und eher befördert werden. Rassismus ist auch das Privileg, sich über Rassismus kaum Gedanken zu machen, das Problem ignorieren zu können und keinen Gedanken daran zu verschwenden, warum man bevorzugt behandelt wurde (denn meist wird dies überhaupt nicht wahrgenommen). Wie oft bist du mit Freunden am Wochenende ausgegangen und auf dem Heimweg läufst du einer dunklen Gestalt über den Weg, jemand Unbekanntes. Ist deine Angst grösser, falls dieser Jemand schwarz ist? Männlich ist? Tätowiert ist? Wir alle haben Vorurteile und wir sind uns über einige bewusst, aber über viele auch unbewusst. Viele Vorurteile lernen wir mit der Erziehung, von den Eltern, den Lehrern, unserem Umfeld allgemein, Freunde, Nachbarn, Fernsehen, Radio, Internet... uns wird vorgelebt und gesagt, wie wir in xy Situation zu reagieren haben. Doch nicht immer hat das mit Manieren und gutes Benehmen zu tun. Wir lernen über den gleichen Kanal auch Vorurteile, unsichtbaren Rassismus. Wir Weisse sollten uns öfters über unsere Privilegien bewusst sein und dankbar dafür. Und damit meine ich alle weltweit, denn auch in den fortgeschrittensten Ländern, die Gleichstellung aller verschiedenen Personen zu leben scheinen, gibt es Rassismus. Einfach mal im Alltag genauer auf Details achten und ihr werdet schauen. Einmal bemerkt, könnt ihr es nicht mehr negieren.

Ich weiss nicht, wie oft mir die Tränen bei der Lektüre kamen, wie oft sich Wut durch meine Venen frass wie eine giftige Schlange. Vielleicht brauchte ich deshalb länger für das Buch, weil sein Inhalt trotz Fiktion so intensiv war, weil ich so oft den Blick heben musste, in die Ferne schweifen liess und kurz Luft holte von dem gerade Gelesenen. Die Emotionen sprudelten stetig und ab und zu spie die Erzählung wie ein Geysir mit heissem Wasser. Wer das Buch oder den Film "die Jury" kennt (Original: "a time to kill" mit Matthew McConaughey, Sandra Bullock und Samuel L. Jackson. Basierend auf dem gleichnamigen Buch von ), kann sich die Atmosphäre dieser Geschichte vorstellen. Auch hier geht es um einen schwierigen Gerichtsfall, Mordanklage, Rassismus und Medienrummel. Es geht um Schwarz gegen Weiss und doch geht es um so viel mehr und so viel anderes. In "die Jury" vergewaltigen zwei weisse betrunkene Männer ein schwarzes, 10-jähriges Mädchen und versuchen sie danach zu töten. Ihr Vater, traurig und wütend und zudem im Glauben, dass die Täter zu leicht davonkommen wegen ihrer weissen Hautfarbe, übt Selbstjustiz und landet vor Gericht mit einer Mordanklage. Ruth in Picoults Geschichte kommt in eine Situation, in der sie nur verlieren kann: entweder ihren Job, weil sie sich den Anweisungen widersetzt und das weisse Baby berührt. Oder sie verliert das Baby, weil sie ihm nicht versucht, das Leben zu retten... und auch ihren Job.

Beide Geschichten weisen viele Parallelen auf bezüglich der Themenebene, Konflikte und Rassismus im Alltag und vor Gericht, doch auch viele Unterschiede in den Handlungen. In beiden Fällen ist es allerdings augenöffnend und eine höchst wichtige Botschaft: Rassismus ist noch immer ein grosses, alltägliches Problem, für die einen mehr als für andere, aber für alle gleich betreffend! Dieser Roman ist nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein Appell an jeden Leser. Wie können wir die Welt etwas besser machen? Welche Vorurteile haben wir selbst? Wie können wir - bewusst über unsere Vorurteile - in verschiedenen Situationen reagieren, ohne zu kaschieren oder schönreden? Jodi Picoult geht sogar so weit zu behaupten, dass wir alle Rassisten sind! Auch  Gutmenschen, die schwarze Freunde haben. Auch Schwarze, die sich in der weissen Gesellschaft akzeptiert fühlen. Es gibt immer Situationen, in denen ein Schatten von Rassismus über dem Geschehen liegt, ein bitterer Beigeschmack von Vorurteilen, manchmal instinktive Reaktionen, denen wir selbst nicht bewusst waren.

Es ist nichts Neues, dass Jodi Picoult heisse Eisen für ihre Bücher wählt und genau deswegen liebe ich sie! Food for thought! Gedankenfutter, nicht nur Unterhaltung, sind ausnahmslos alle ihre Bücher. Das wage ich zu behaupten, ohne alle ihre Bücher zu kennen. Noch nicht, denn ich habe mir zum Ziel genommen, alle irgendwann zu lesen!




5 von 5 Lese-Echsen



Bildergebnis für jodi picoultJodi Picoult wurde 1967 in Long Island, New York, geboren. Sie studierte zunächst in Princeton Kreatives Schreiben, später machte sie in Harvard einen Masterabschluss in Pädagogik. Bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, arbeite sie als Texterin und Lehrerin. Bereits in Princeton lernte Jodie Picoult ihren Ehemann Tim van Leer kennen. Die beiden heirateten, und während sie mit ihrem ersten Kind schwanger war, schrieb Jodi Picoult auch ihren ersten Roman, der 1992 veröffentlicht wurde. 
Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im idyllischen Hanover, New Hampshire. Jodi Picoult schreibt ihre Bücher in ihrem Büro im Dachgeschoss ihres Hauses, wo sie mit grosser Disziplin so oft wie möglich schreibt, nur unterbrochen von ihren Kindern, die für sie trotz ihres immensen internationalen Erfolgs und ihren regelmässig erscheinenden Romanen an erster Stelle stehen.




19. März 2018

Meine Wunschliste

Nur ganz kurz ein kleiner Hinweis, dass ich neu auch auf meinem Blog meine "kurze" Wunschliste, mein notierter SuB (Stapel ungelesener Bücher) bzw. TBR (to be read) aktualisiert habe.
Falls ihr kein Account auf wasliestdu.de hast, aber dennoch wissen möchtest, was ich in Zukunft noch gerne lesen möchte - auch wenn ich diese Liste nie nie nie nie nie nie aufholen werden kann - der kann das neu auch auf meinem Blog nachlesen...

--> Sehe oben bei den Seiten-Reitern "Wunschliste", gleich neben meinen Rezensionen.

PS: Nicht erschreckend, die kurze Liste ist ziemlich lang...
PPS: You know... so many books, so little time. Du kennst das Problem auch? ;D