10. März 2012

Luca Di Fulvio - "Der Junge, der Träume schenkte"

Autor: Luca Di Fulvio
Titel: Der Junge, der Träume schenkte

Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-404-16061-7
Erschienen: 2011
Seiten: 781


Inhalt:

New York, 1909.
Aus einem transatlantischen Frachter steigt eine junge Frau mit ihrem Sohn Natale. Sie haben ihre süditalienische Heimat verlassen, um in Amerika ihren Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen. Doch ihre Hoffnung weicht schon bald tiefster Ernüchterung, denn in der von Armut, Elend und Kriminalität beherrschten Lower East Side gelten die brutalen Gesetze er Gangs. Nur wer über ausreichend Mut und Kraft verfügt, kann sich hier behaupten. So wie der junge Natale, dem überdies ein besonderes Charisma zu eigen ist, mit dem er die Menschen zu verzaubern vermag...


Meine Meinung:

Was Luca Di Fulvio in dieses Buch gepackt ist eine Wucht! Der Klappentext scheint direkt langweilig dagegen. Es geht nicht nur um eine Frau, die mit ihrem Baby in einem dreckigen Frachter in die neue, unbekannte Welt reist und dort ein besseres Leben sucht. Es geht nicht nur um den Jungen, der ein Talent hat und "Träume schenkt". Und es geht nicht nur um die Kriminalität der Gangs von New York.

In diesem Buch wird das ganze Leben des Jungen Natale, im Buch später (wegen der Einreise nach Amerika) Christmas getauft, und zwar von klein bis gross - 20 Jahre voller Ereignisse. Ich bin sofort warm geworden mit der Hauptfigur und habe schnell vergessen, dass ich selber nicht in New York bin. Denn der Autor beschreibt die Szenen und Charakteren mit Feingefühl und Talent.

Anfangs schien das Buch etwas langatmig bei den vielen Seiten. Doch nach und nach merkt man, dass wirklich jedes dieser "kleinen Ereignisse" wichtig ist, um das Nachfolgende zu verstehen. Es wird in der ersten Hälfte abwechselnd im "heute" (=ca. 1915-1917) und in der Vergangenheit (=1909) erzählt. Dies wirkt erst sehr verwirrend, weil die Daten relativ nahe beieinander liegen, sondern auch noch aus der Sicht der gleichen Person (Cetta, die Mutter von Natale) geschrieben ist.

Die Figuren von Di Fulvio sind zahlreich und dennoch sehr persönlich. Ich erinnere mich kaum an eine Randfigur, die mir nicht im Gedächtnis blieb. Dazu kommen unzählige Haupt- und Nebenrollen im Leben von Natale / Christmas, wie es im echten Leben eben ist: Man trifft ständig neue Leute.
So wird die Geschichte auch immer vielfältiger, als aus der Sicht verschiedener Figuren weitererzählt wird, als jede Figur ihre eigenen Wege geht, jedoch durch die Vergangenheit (und Zukunft) noch mit den anderen verbunden bleibt. Dem Autor gelingt ein grandioses Netzwerk von Persönlichkeiten, die auf ihre eigene Art versuchen, sich in New York dieser Zeit durchzuschlagen und zu überleben. Das einzig mögliche zu kritisieren hier: Mit dermassen vielen Personen und leichten Zeitverschiebungen, muss der Leser ziemlich auf zack bleiben, um die Zusammenhänge nachvollziehen zu können.

Der Titel "der Junge, der Träume schenkte" kommt von der deutschen Übersetzung, denn im Original heisst das Buch "La Gang dei Sogni", also so etwas wie "die Gang der Träume", was meiner Meinung auch sehr schön klingt. Natales Talent kommt jedoch erst im zweiten Teil zum Zuge, was man dem Autor verzeihen mag, weil der erste Teil (die Vorgeschichte) so gut gelungen ist. Denn dann lässt es der Autor nochmals richtig knallen und versprüht gegen Ende ein rechtes Feuerwerk der Schicksale.

Ein kleiner bittersüsser Nachgeschmack hinterlässt das Ende, weil es für mich ein zu schönes "Happy-End" gibt. Ich will noch nichts verraten, und es ist auch kein absehbares Ende. Doch zu diesem Roman passt für mich dieses Ende nicht ganz zu. Es hat mich nicht enttäuscht, es ist ein tolles Ende und alles, aber vielleicht hätte man ein, zwei Dinge/Personen im Ungewissen lassen sollen oder eine Frage aufwerfen, anstatt schlussendlich "alles in Ordnung zu bringen".

Unterm Strich ein grandioser Roman, der in die Anfänge Hollywoods, das Radio, das dreckige New York mit seinen Gangs, Einwanderern und bunten Durcheinander ohne Regeln, entführt und lange unterhaltet.

Fazit:
4,5 von 5 Lese-Echsen





Autor:
Luca Di Fulvio, geb. 1957, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Rom. Sein vielseitiges Talent ermöglicht es ihm, mit derselben Leichtigkeit sowohl packende Thriller für Erwachsene als auch fröhliche Geschichten für Kinder zu schreiben (letztere veröffentlicht er unter Psyeudonym). Einer seiner vorherigen Thriller, "L'Impagliatore", wurde unter dem Titel "Occhi di cristallo" für das italienische Kino verfilmt. Bevor Di Fulvio zum Schreiben kam, hat er in Rom Dramaturgie studiert, und sein Lehrmeister war kein Geringerer als Andrea Camilleri.

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