27. April 2012

Urs Richle - "das taube Herz"

Autor: Urs Richle
Titel: Das taube Herz

Verlag: Albrecht Knaus
ISBN: 978-3-8135-0379-1
Erschienen: 2010
Seiten: 348


Inhalt:

Jean-Louis Sovary ist ein Kind des 18. Jahrhunderts und als Sohn des Schweizer Jura von klein auf fasziniert von Uhren und ihrer Mechanik. In einem dubiosen Atelier in der Nähe von Genf kann er seine Begabung ausleben und wird zum Fälscher der besten Uhrwerke seiner Zeit. Dies bleibt auch dem französischen Orgelbauer Montallier nicht verborgen, der ihn nach Paris lockt, um ihn in seine Kellerwerkstatt einzusperren. Dort soll er einen aussergewöhnlichen Automaten bauen, mit dem Montallier den berühmten Schachtürken besiegen will. Das geht jedoch nicht ohne ein geniales menschliches Gehirn, das Montallier in der Person von Ana de la Tour bereits in petto hat. Und Jean-Louis macht die Erfahrung, dass selbst die ideale Kombination von Maschine und Hirn unvollständig ist - ohne ein empfindsames Herz.


Meine Meinung:

Da ist es mir wieder einmal gelungen, auf einem Trödeltisch für Bücher einen kleinen Diamanten zu erhaschen.  Ohne zu ahnen, dass dieses Kunstwerk von einem Schweizer stammt und mich auch sonst weniger für Maschinen interessiere, wanderte dieser Roman in meine Tasche.

Urs Richle erzählt darin die Geschichte von Jean-Louis Sovary: von seiner Kindheit, die Zeit seines grossen Durchbruchs im Uhrengeschäft und besonders natürlich die Ereignisse in der fragwürdigen Werkstatt des etwas wahnsinnigen Montallier in Paris. Mittels weniger Ausschnitte seines Lebens, erweckt Urs Richle dennoch den Eindruck beim Leser, dass wir die Hauptfigur schon längstens kennen würden. Jean-Louis wurde mir schnell vertraut und ich verfolgte jeder seiner Schritte voller Erwartungen und Hoffnungen.

Anfangs paralell wird auch die Geschichte vom Baby bis zur Erwachsenen von dem rätselhaften Wesen Ana de la Tour erzählt. Ein derartiges Genie ist natürlich als Aussenseiter dargestellt, ein "gestörtes" und "unnormales" Menschlein, das die Leute (besonders im 18. Jahrhundert, aber das wär auch heute noch so) in atemloses Staunen versetzt.

Der Autor verwebbt deren Geschichten gekonnt und lässt dann in Paris ein gewaltiges Feuerwerk von Erzählkunst los. Mit eher wenigen Personen schafft er es eine pompös-wirkende Atmosphäre zu schaffen, wobei besonders Montallier und sein Widersacher Kempelen (der Erbauer des Schachtürken) in den Vordergrund drängen.

Das Sahnehäubchen dieses Romanes ist jedoch die Frage über Technik und den Menschen, die der Autor aufwirft. Wie weit kann die Technik gehen und wie weit sollte sie gehen? Wann hat der Mensch eine Maschine erschaffen, die er selber nicht mehr kontrollieren kann? Wann ist der Punkt erreicht, wo die Technik ihre Grenzen hat? Und schlussendlich: was unterscheidet die Technik heute noch vom Menschen?

Antworten liefert das Buch nur teilweise, aber es ist auch eindeutig mehr als blosse Unterhaltung!
Der einzige kleine "Abrundungs-Punkt" gibt es, weil mir der Schreibstil in der zweiten Hälfte doch etwas zu ausholend, etwas abschweifend vorkam.

Fazit:
4,5 von 5 Lese-Echsen





Autor:
Nach einem Versuch als Radio- und Fernsehelektroniker wechselte er ins Lehrerseminar Wattwil (Schweiz). Nach einem Jahr Lehrtätigkeit in Gais AR zog er von September 1989 bis 1992 nach Berlin, um dort Soziologie und Philosophie zu studieren. Seit 1993 lebt Urs Richle als freier Autor in Genf. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

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