17. Februar 2013

Félix J. Palma - die Landkarte der Zeit

Autor: Félix J. Palma
Titel: Die Landkarte der Zeit



Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-25319-5
Erschienen: 2010
Seiten: 716


 
Eine Reise durch die Jahrhunderte.
Eine Liebe ohne Grenzen.
Eine Geschichte voller Wunder.
 
London, 1896: Die Vergangenheit ändern, die Zukunft sehen - alles scheint möglich durch Expeditionen in die vierte Dimension. Andrew, ein wohlhabender Fabrikantensohn, reist in der Zeit zurück, um seine grosse Liebe vor Jack the Ripper zu retten. Claire, frustriert vom viktorianischen London, flieht dagegen in die Zukunft - und verliebt sich dort. Inspektor Garrett jagt einen Mörder, der mit Waffen tötet, die noch gar nicht erfunden wurden. Alle Fäden der Geschichte laufen zusammen bei einem dämonischen Bibliothekar. Denn nur er kennt das Geheimnis der Landkarte der Zeit...
 
 
 
Der Auftakt einer grossen Trilogie und ausgezeichnet mit dem Premio Ateneo de Sevilla. Der Ruf dieses Romanes hat meine Neugierde schon länger geweckt, aber leider am Schluss enttäuscht.

Das Buch ist aufgebaut wie es der Klappentext schon voraussagt: erst Andrew, dann Claire und schlussendlich Inspektor Garrett haben so ihre liebe Mühe mit der Chronologie und den Regeln der Zeit. Ihre Geschichten sind durch einen ersten, zweiten und dritten Teil sehr übersichtlich voneinander getrennt, dennoch erscheinen die Figuren (besonders immer mehr gegen Schluss) in den Geschichten der anderen, spielen dort aber je nachdem nur eine Nebenrolle bzw. der Leser nimmt sie erst als Nebenrolle wahr, da er die Bedeutung der Situation erst am Schluss der Geschichte begreift. Das Netzwerk der Figuren und das Verweben der einzelnen Ereignisse, sind eindeutig ein Talent des Autors sehr viele Situationen und Charaktere in verschiedenster Art miteinander zu verknüpfen. Höchst paradox fand ich daher auch, da trotz vieler Geschichten und Figuren ich als Leser dennoch die Orientierung nicht verliere und trotzdem den Zusammenhang aller Erzählungen nicht begreife. Obwohl ich die Verknüpfungen der Geschichten mit der Lektüre immer besser vor Augen hatte, blieb mir die volle Auswirkung davon jedoch unbewusst. So spinnt der Autor ein dermassen grosses Netz an Möglichkeiten, in welchem er sich selbst verfängt am Schluss.

Hinzu kommt, dass mir nur sehr wenige Figuren einigermassen zusagten. Viele Charaktere, und ich spreche nicht nur von den Bösewichten, missfielen mir und ich empfand viele Handlungen als unauthentisch und eher unnatürlich. Das komischste an diesem Roman fand ich jedoch, dass es eine Geschichte innerhalb dieser Geschichte gibt. Der Autor (mit der Stimme der Autoren im Buch, also Figuren) deren Geschichte schlecht redet und als Betrug bezeichnet, was jedoch wiederum bedeutet, dass Felix Palma innerhalb seiner Geschichte seinen eigenen Roman schlecht redet? Vielleicht ist es nur meine persönliche Verwirrtheit am Ende dieses Romans oder die schiere Anzahl an Möglichkeiten, die der Autor mit den Zeitreisen und Paralleluniversen anbietet, dass am Ende mehr Chaos als Aufklärung bleibt. So werden die Rätsel um Andrew, Claire und Inspektor Garrett (und weiterer Figuren) gelöst, für mich persönlich geht die Rechnung aber nicht ganz auf und der Autor selbst hat Mühe seine verworrenen Wege wieder fein zu entknüpfen.

Der Schreibstil zeugt von einem intelligenten Mann, der mit seinen langen und komplizierten Sätzen aber leider meinen Lesefluss ausbremste und meiner Meinung nach auch zu viele unnötige Informationen aufzählt. Ausserdem schreibt er manchmal als aktiver Erzähler, was mir jedoch auch weniger gefällt (Beispiel: anstatt zu sagen, dass die Figur zum Hafen läuft, schreibt Felix Palma, dass er nun zwar langweiligerweise sagen könnte, dass die Figur zum Hafen läuft und sogar erzählen, dass dessen Schuhe dabei schmutzig würden. Dies interessiert Sie als Leser aber sicher wenig und trägt auch nicht wesentlich zu Geschichte bei, also vergessen wir das einfach wieder.) Diese Art zu schreiben ruft bei mir nur einen Gedanken hervor: Warum bitte schön schreibt man, dass man etwas nicht schreiben muss, weil es zu langweilig ist oder unnötig ist? Damit man noch mehr Seiten "verschwenden" kann? Denn so gross die Erzählkunst, das Talent für Beschreibungen und Dramatik, der Reichtum an Fantasien und Ideen und die Kunst mit Worten umzugehen auch zu sein scheint beim Herrn Palma, so hätte man die Geschichte auch in der Hälfte der Seiten erzählen können.

Gegen Ende, zur Auflösung aller Rätsel, kommen noch Gedankengänge hinzu, die schon sehr philosophisch anmuten. Diese Überlegungen fand ich sogar sehr interessant, hatte allerdings das Gefühl plötzlich in einem Philosophiewerk gelandet zu sein. Doch ich lese Romane zur Unterhaltung. Würde ich philosophieren wollen, würde ich ein philosophischen Werk (von Sokrates oder wem auch immer) zur Hand nehmen...

Ein Klappentext, der eine tolle Fantasy-Science-Fiction-Geschichte erhoffen lässt, sich dann aber leider "nur" als grossartig inszeniertes Theater entpuppt. Ein Meisterwerk an heisser Luft, leider, leider...oder Geschmackssache...

 
2 von 5 Lese-Echsen
 
 
Félix J. Palma wurde 1968 in Sanlúcar de Barrameda geboren und lebt heute in Madrid. Er absolvierte eine Ausbildung als Werbefachmann in Sevilla, bekam jedoch für seine ersten Erzählungen und Romane bereits so viele Stipendien und Preise, dass er den erlernten Beruf nie ausübte.
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Kommentare:

Jessica Stobaugh hat gesagt…

Ich habe gespannt auf deine Rezension dieses Buches gewartet (seit ich deinen Blog vor einigen Tagen entdeckt habe). Der Klappentext klang vielversprechend und ich habe mich damals vom Argument "Bestseller" zum Kauf überzeugen lassen (wie so oft). Leider war ich auch ziemlich enttäuscht und ich kann deine Rezension 1:1 so unterschreiben! Ich habe mir gedacht, dass ich vielleicht etwas übersehen habe und deshalb den Roman zu wenig zu schätzen weiss, aber deine Eindrücke scheinen genau dieselben zu sein - es liegt wohl doch nicht an mir. :-P

Danke für diese Rezension!

Chrissi hat gesagt…

Guten Abend,
Ich habe gestern ebenfalls angefangen dieses Buch zu lesen und kann mich ebenfalls nicht sehr dafür begeistern.
Ich habe deine Rezension jetzt nur überflogen, da ich die Landkarte der Zeit ja doch noch beenden möchte, aber auch mir ist da zu viel Theater um das Buch. Viel zu viel abschwifendes Geschwaffel, wie ich finde...

Liebe Grüße
Chrissi