24. März 2013

Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon

Autor: Pascal Mercier
Titel: Nachtzug nach Lissabon


Verlag: btb
ISBN: 978-3-442-73436-8
Erschienen: 2006
Seiten: 495


 
Mitten im Unterricht steht der Lateinlehrer Raimund Gregorius auf und verlässt seine Klasse. Aufgeschreckt vom plötzlichen Gefühl der verrinnenden Zeit, lässt er sein wohlgeordnetes Leben hinter sich und setzt sich in den Nachtzug nach Lissabon. Im Gepäck hat er ein Buch von dem Portugiesen Amadeu de Prado, dessen Ausführungen über das Leben, über Liebe, Einsamkeit, Endlichkeit, Freundschaft und Tod ihn nicht mehr lsolassen. Er macht sich auf die Suche nach den Spuren dieses faszinierenden Menschen. Langsam meint Gregorius zu ahnen, wer der Schriftsteller war. Doch was hat das für Konsequenzen für sein eigenes Leben? Kann man denn einfach so ausbrechen und alles Gewohnte hinter sich lassen? Dieser Roman ist ein vielstimmiges Epos von einer Reise nicht nur durch Europa, sondern auch durch unser Denken und Fühlen.
 
 
Nehmen wir den Zug mit Pascal Mercier (Pseudonym von Peter Bieri) und reisen nach Portugal. Wer sich kein Ticket leisten kann, sollte sich zumindest das Buch oder notfalls den Film leisten.
 
Sich einfach aus dem Staub machen, alles stehen und liegen lassen, nicht an die Konsequenzen denken und Risiken und Sicherheiten abwiegen, keine Pläne machen...einfach aus dem Leben flüchten, um in ein neues zu starten? Gregorius nimmt den Nachtzug nach Lissabon nicht, um aus seinem gewohnten Leben zu flüchten, was er schon auf der Reise nach Portugal schmerzlich vermisst. Er ist auf der Suche nach einem portugiesischen Schriftsteller und Arzt, einem Poeten und Widerstandskämpfer, jagd einer Geschichte hinterher, die nicht seine ist....aber zu seiner wird.
 
Mit diesem Roman dem Autoren nicht nur eine mitreissende, spannende Reisegeschichte gelungen, sondern auch eine wertvolle, philosophische Erzählung und somit nicht nur eine physische, sondern auch eine psychische Reise, in die jeder Leser unweigerlich eingesogen wird. Wer während der Lektüre dieses Buches nicht selbst ins Grübeln kommt, mal in melancholischer Stimme ist oder Reiselust verspürt - der ists meiner Meinung gefühlslos.
 
Dies hat natürlich auch zur Konsequenz, dass der Schreibstil gehobener ist. Dabei sind es keine Fremdwörter (trotz etwas Portugiesisch, welches zwar übersetzt wird) oder anderen hochgestochen Vokabular, welches das "normale Volk" nicht versteht - oder zumindest selten. Die Geschichte aus Sicht von Gregorius wird in einem flüssigen, angenehmen Stil erzählt und durch die Briefe und Buchkapitel von Amadeu de Prado ergänzt (die hauptsächlich philosophischer Natur sind).
 
Die Begegnungen mit diversen Persönlichkeiten, ob Familie, Freunde oder Bekannte aus Prados Leben, die wiederum Bekannte und sogar Freunde von Gregorius werden, sind irgendwie detailreich ohne Details zu nennen beschrieben. Der Autor schafft eine gewaltige Atmosphäre, die dem Leser nicht an der Wortwahl oder dem Schreibstil auffällt, sondern die Atmosphäre ist einfach - ungekünstelt, echt und doch unbewusst.
 
Der Film konnte diese Atmosphäre sehr gut aufgreifen und ich habe mich genüsslich in den wundervollen Bildern verloren. Zwar muss ich anmerken, dass es einfacher ist, wenn man schon selbst einmal in Lissabon war. Ausserdem war ich schon davor grosser Portugal-/Lissabon-Fan, weswegen ich den Film nur schon deswegen schaute. Die Rollenbesetzungen (u.a. Jeremy Irons als Gregorius, Christopher Lee, Jack Huston, Mélanie Laurent, Martina Gedeck, Bruno Ganz, August Diehl, etc) fand ich sehr passend.
 
Philosophie zu verfilmen ist jedoch schwierig und so ist es auch hier der Fall, dass nicht alles übertragbar ist. Wer den Film schaut ohne das Buch zu kennen, wird ihn möglicherweise mögen. Wer den Film schaut und das Buch kennt, wird vielleicht beides mögen oder nicht. Aber sicher werden ihm/ihr die Unterschiede auffallen: einige Personen kommen im Film gar nicht vor. Orte wie Coimbra, zu welchen Gregorius reist, oder seine kurze Rückkehr in die Schweiz, nur um wieder nach Lissabon zu fahren - im Film gestrichen! Am meisten enttäsucht hat mich jedoch die Vater-Sohn-Beziehung der Prados, die im Film viel gestörter / feindseliger dargestellt wurde, ohne es zu erklären. Im Buch werden jedoch Feinheiten sichtbar, die mich die Beziehung mit ganz anderen Augen sehen liess. Die Krankheit des Vaters - im Film gestrichen. Die kleine Schwester von Prado - unerwähnt. Gregorius' Begegnung mit Estefânia - im Film ganz anders. Das Filmende und das Buchende - sehr unterschiedlich. Beide Male bleibt es offen, beide Male soll der Leser / Zuschauer sich sein Ende selbst interpretieren. Das gefällt mir hier besonders, obwohl ich sonst weniger ein Liebhaber von Cliffhanger bin. Doch hier passt es einfach. Undenklich hätte der Autor hinter dieser Geschichte einen gezielten Punkt gesetzt! Das Filmende sagt mir zwar etwas mehr zu, vielleicht weil man dort eher eine Art Happy End interpretieren könnte...
 
 
 
Absolut lesenswertes Buch - nicht nur wegen der Geschichte per se, sondern deren Inhalt.
 
 
5 von 5 Lese-Echsen
(Film: 4 von 5 Lese-Echsen)
 
 

 
Pascal Mercier ist das Pseudonym vom Schweizer Autoren Peter Bieri. Er wurde 1944 in Bern geboren und ist heute Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin. Für sein Romanwerk wurde er mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis 2006 ausgezeichnet.
 
Mehr auf: Peter Bieri
Film-Website: Nachtzug nach Lissabon
 
 
 
 
 
 


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