13. Mai 2013

Sam Savage - Firmin

Autor: Sam Savage
Titel: Firmin - ein Rattenleben



Verlag: List (Ullstein)
ISBN: 978-3-548-60921-8
Erschienen: 2009
Seiten: 204


 
Boston in den 60er Jahren. Im schäbigen Keller der Buchhandlung am Scollay Scare wird Rattenjunge Firmin geboren. Er ist der Kleinste im Wurf und kommt immer zu  kurz. Als der Hunger eines Tages zu schlimm wird, knabbert er die in den Regalen lagernden Bücher an. Eines nach dem anderen wird gefressen, bis Firmin entdeckt, dass auf dem Papier etwas steht, was ihn sein Elend vergessen lässt: Ob Lolita oder Ford Madox Ford, ob Moby Dick oder Cervantes, die Welt der Menschen verspricht Abenteuer und Liebe, Krieg und Frieden, kurz: alles, was eine Ratte nicht hat. Voller Neugier sucht Firmin die Freundschaft zu Buchhändler Norman.
 
 
 
Firmin ist nicht nur eine Leseratte - nein, er ist wortwörtlich eine LESENDE RATTE!
 
Trotz seines niedrigen Standes, in der Hierarchie seiner Familie wie auch im allgemeinen Leben, boxt sich Firmin tapfer durch sein Leben. Er wählt nicht das übliche Schicksal einer Ratte, tagein tagaus nach Futter zu suchen, in der Nacht durch Rinnsale und dunkle Gassen zu huschen, Abfall zu verzehren als wäre es ein Gourmetmenü und blind weiblichen Ratttenhintern hinterherzurennen. Stattdessen zeigt er guten Geschmack in der Buchhandlung - erst beim Kauen grosser Literatur, später beim Lesen davon. Schnell kennt er die Buchhandlung wie seine Westentasche und hat verschiedene Lieblingsplätze, von wo er Norman und die Kundschaft beobachtet.
 
Der Kontakt zu den Menschen kommt zwar zustande, allerdings nicht gleich so, wie der Leser es sich möglicherweise wünscht. Jeden, der nun eine schöne Freundschaftsgeschichte wie im Disneyfilm "Ratatouille" (eine Ratte mit Spitzenkochqualitäten in Paris) erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Dennoch findet Firmin auch einen menschlichen Freund...

Firmin's Schreibstil (denn die Geschichte wird als eine Art Biographie von Firmin selbst erzählt) ist flüssig, oft ungewollt witzig und spiegelt perfekt seinen Charakter: Er erzählt von seinen Schwächen, seiner Hässlichkeit, aber auch seinem Intellekt. Er sucht nach dem Sinn seines Daseins, erlebt Höhen und Tiefen. Und dies alles ist auch der Grund, warum ich mich bedingungslos in diese eher depressive, verkrüppelte (mehr dazu im Buch) und dennoch lebensfrohe Ratte verlieben konnte.
 
Die Kulisse beschränkt sich nicht nur auf die Buchhandlung, sondern betrifft den ganzen Scollay Scare, den es tatsächlich in Boston gab und der Autor dort tatsächlich in einer Buchhandlung ein und aus ging. Auch andere Schauplätze gibt oder gab es wirklich, wie der Autor in einem kurzen Nachwort erzählt. Etwas Geschichte in Form von Krieg und der Zerstörung dieses Platzes gibt dem Buch einen traurigen, grauen Hintergrund, der jedoch angenehm melancholisch wirkt.
 
Zum Schluss möchte ich euch verraten, dass ich ein neues Lieblingszitat habe - aus diesem Buch: "Auf Wiedersehen Reissverschluss".
Dieser Satz brachte mich unglaublich zum Lachen und wird mir auch zukünftig ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Wer nun aber wissen will, was dahinter steckt, dem lege ich dieses Buch wärmstens ans Herzen!
 
 
Die Lebensgeschichte einer ganz besonderen Ratte!
 
 
5 von 5 Lese-Echsen
 
 
 
Sam Savage wurde in South Carolina geboren und lebt heute in Madison, Wisconsin. Er promovierte in Philosophie, unterrichtete auch kurzfristig, arbeitete als Tischler, Fischer, Drucker und reparierte Fahrräder. Dies ist sein erster Roman.
 
Mehr auf: --> Youtube-Video mit tollen Bildern aus Firmin's Leben
 
 
 
 
 


 

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