2. Juli 2013

Jan-Philipp Sendker - das Herzenhören

Autor: Jan-Philipp Sendker
Titel: Das Herzenhören



Verlag: Karl Blessing
ISBN: 978-3-453-41001-5
Erschienen: 2012
Seiten: 287


 
Auf der Suche nach ihrem vermissten Vater reist Julia Win von New York nach Kalaw, einem malerischen, in den Bergen Burmas versteckten Dorf. Ein vierzig Jahre alter Liebesbrief ihres Vaters an eine unbekannte Frau hat sie an diesen magischen Ort geführt. Hier findet Julia nicht nur einen Bruder, von dem sie nichts wusste, sondern stösst auf ein Familiengeheimnis, das ihr Leben für immer verändert. Die epische Geschichte einer jungen Frau, die lernt, dass ein Mensch nicht mit den Augen sieht, dass man Entfernungen nicht mit Schritten überwindet, und dass man Schmetterlinge an ihrem Flügelschlag erkennen kann.
 
"Wir erkennen die Liebe nur, wenn wir geliebt werden, so wie wir selbst lieben."
 
 
 
Ein unvergleichliches Buch über Liebe, über wahre und tiefe Liebe. Ein Liebespaar, das ganz anders ist, aber nicht nur deswegen besonders. Ein tiefgründiger Roman, der viel Weisheit birgt, mich aber dennoch etwas enttäuschte.
 
Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr schon viel gute Kritiken über ein Buch gehört oder gelesen habt oder aus einem anderen Grund sicher seid, dass dieser Roman sehr gut sein muss? Kennt ihr die Enttäuschung, wenn es dann nicht so ist? Ich denke, die Erwartungen waren zu gross, die positiven Stimmen zu laut und die Geschmäcker eben verschieden. Obwohl ich nicht behaupten kann, dass es ein schlechtes Buch ist, kann ich auch nicht behaupten, dass es mich aus den Socken gehauen hat. Die Figuren blieben etwas zu zweidimensional, abgesehen von den beiden Hauptfiguren Tin Win und Mi Mi (der Vater von Julia und die "unbekannte Frau").
 
Die Geschichte fängt mit der Reise Julias nach Burma an, wo sie auf ihren Bruder trifft. Sie weiss jedoch noch nicht, dass es ihr Bruder ist und dank Klappentext wurde hier dem Leser die Spannung geklaut. Aber auch ohne Spoileralarm ist diese Verwandtschaft ziemlich schnell vorhersehbar in der Geschichte. Der restliche Verlauf der Geschichte ist zum Glück nicht vorhersehbar und so trifft man in jedem Kapitel auf neue Situationen und Personen. Wer nun auf eine Art Detektivsuche hofft, bei der Julia durch Burma reist, den Indizien des Liebesbriefes hinterher...den muss ich leider enttäuschen. Julia trifft wie gesagt auf ihren Bruder und dieser erzählt ihr dann die Geschichte ihres (gemeinsamen) Vaters. Deswegen fand ich den Rahmen der Geschichte auch eher minimal.
 
Die Hauptgeschichte um Tin Win (Vater Julias) und Mi Mi (die geliebte, unbekannte Frau) ist dafür umso schöner, einfühlsamer und bezaubernder. Der Leser wird auf die Lebensreise des Vaters mitgenommen, was ihm als Kind geschah, wie und wo er aufwuchs, wie er Mi Mi kennen lernte, was sie zusammen manchten, was zur Trennung führte....die ersten 20 Jahre seines Lebens, bevor er nach New York kam, heiratete und der Vater von Julia wurde. Denn einmal in Amerika sprach Tin Win nie über seine Jugend, verschwieg seine Kindheit....und verschwand plötzlich. Julia kann dieses Rätsel lösen bzw. erfährt von ihrem "neuen" Bruder das Geheimnis und kann somit einiges in ihrer Vergangenheit erklären und findet den Frieden mit dieser Geschichte.
 
Besonders betonen möchte ich den Wert dieses Buches betreffend folgenden Themen: nicht nur Liebe, sondern auch Blindheit, körperliche Behinderungen, Familienzusammenhalt und Schicksal. Auch einen Einblick in burmesische Traditionen bekommt man. Auch wenn die Geschichte eher ruhig verläuft und es nun wie ein Asia-Spruch-Kalender klingt: Das Herz sieht mehr als die Augen. Während der Lektüre wird man sich bewusst, einmal auf seine anderen Sinne zu achten. Nicht nur mit den Augen nehmen wir unsere Welt wahr, man vergisst im Alltag zu oft, richtig hinzuhören, Düfte wahrzunehmen und Oberflächen zu ertasten. Zu laut ist die Kakophonie der Grossstädte. Zu bunt gemischt alle Gerüche, sodass wir nicht mehr imstande sind, uns auf einen Duft zu konzentrieren. Zu gestresst sind wir, zu sehr auf unsere Augen fixiert, als einfach mal wie ein Kind alles in die Hand zu nehmen, zu ertasten und zu fühlen....man sollte sich die Zeit wieder einmal dazu nehmen. Nicht nur weil sonst die anderen Sinne abstumpfen, sondern einfach auch weil es die kleinen Freuden im Leben sind!
 
 
Wertvoller Inhalt, ruhig erzählt, schön bis poetisch...doch die Fortsetzung "Herzenstimmen" werde ich wohl nicht lesen.
 
 
3,5 von 5 Lese-Echsen
 
 
 
Jan-Philipp Sendker, geboren 1960 in Hamburg, war von 1990 bis 1995 Amerika- und von 1995 bis 1999 Asien-Korrespondent des "Stern". Er lebt mit seiner Familie in Potsdam.
 

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