24. Juli 2013

Katja Büllmann - Mit einer Reise fing alles an

Autor: Katja Büllmann
Titel: Mit einer Reise fing alles an




Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-27335-0
Erschienen: 2012
Seiten: 271



 
Zur Nachahmung empfohlen: Reisen in ein neues Leben
Am Strand unter thailändischen Palmen oder beim Meditieren in den Schweizer Alpen, während eines Sabbaticals in Australien oder anlässlich eines Sprachkurses in Barcelona: Jede Reise eröffnet neue Horizonte, und manchmal verändert sie ein ganzes Leben. Die Autorin Katja Büllmann, selbst passionierte Reisende, porträtiert die unterschiedlichsten Frauen, die ein anderes Land zu ihrer neuen Heimat machten – aus Begeisterung für einen fremden Flecken Erde, für einen neuen Beruf oder die grosse Liebe. Eine Auswahl spannender Lebenswege, die Mut machen und die eigene Reiselust wecken.
 
Eine tolle Lektüre über, von und für Reisende. Zwar handelt es sich um (meist allein-)reisende Frauen, doch lesen kann es jeder – egal ob Frau oder Mann, ob jung oder alt, egal ob von hier oder dort. Dies ist kein Reiseführer, obwohl die Orte alle tatsächlich existieren. Es ist kein Geschichtsbuch, auch wenn es über Dinge erzählt, die tatsächlich passierten in der Vergangenheit. Es ist eine Sammlung von persönlichen Geschichten, die das Leben schrieb, und dies sind bekanntlich die besten.
Aufgrund vieler Autorinnen in einem Buch, sind auch die Schreibstile unterschiedlich. Einige Geschichten werden erzählt, als würde man einem Monolog zuhören, der Person tatsächlich mit Kaffee in der Hand gegenübersitzen. Andere Beiträge sind in Tagebuchform verfasst. Wieder andere sind Ausschnitte von Briefen, die Erlebtes nach Hause tragen sollen, von der Fremde berichten. Katja Büllmann verfasste das Vorwort und leitet in manchen Geschichten den Bericht ein, erzählt manchmal wo und wie sie an die Geschichten kam. Auch das Layout stammt von ihr: Ein Zitat aus der jeweiligen Geschichte als Titel und ein kleiner Rahmen, in welchem die Umstände zusammengefasst werden (z.B. Welche Person wohin weshalb ging, wie was heute daraus geworden ist bzw. wo sie heute lebt). Die Geschichten sind Ausschnitte einer Reise, ganze Reiserouten oder sogar persönliche Notizen.
Persönlich haben mir einige Geschichten besser gefallen als andere. Manche waren spannender oder lustiger erzählt als andere, dafür waren die einen mir persönlich nahestehender und nachvollziehbarer oder von anderem Wert. So denke ich, dass für jeden Leser etwas dabei ist. Jeder findet eine Geschichte, die er selbst schon ähnlich erlebte, die man sehr gerne mal selber erleben möchte oder die einfach Spass macht zu lesen. Egal was man aus diesen Berichten erfährt und lernt, das ist eine individuelle Angelegenheit, doch sie haben alle etwas gemeinsam: Sie wecken die Reiselust.
Ideal ist diese Form ausserdem für Reisende, die schon auf einer Reise sind. Denn die Aufteilung in kleine Geschichten erlaubt ein „Stück-für-Stück-Lesen“, was unterwegs sehr angenehm sein kann. Eine Geschichte für die Wartezeit am Flughafen. Eine Geschichte als Gutenachtgeschichte. Eine Geschichte auf einer langen Busreise, am Strand oder in der Hotellobby…

 
Ideal für unterwegs und für alle mit chronischem Fernweh
 
4 von 5 Lese-Echsen
 
 
 
Katja Büllmann, geboren 1969, arbeitete als Redakteurin und Textchefin für Amica, Cosmopolitan und Freundin, ehe sie sich als reisende Reporterin auf den Weg um die Welt machte. Heute lebt sie in Apulien.
 
Ein weiteres Buch, eine Ansammlung Geschichten von Reisenden, wurde von ihr zusammengestellt und veröffentlich: Eine einzige Reise kann alles verändern
 

18. Juli 2013

Info an meine lieben Leser

Hallo zusammen,

ich habe eine etwas traurige Nachricht für euch. Auf diesem Blog wird es etwas ruhiger...

Und zwar liegt das daran, dass ich für ein Praktikum im Ausland bin und deswegen weniger zu deutscher Lektüre komme. Ausserdem sind 20 Kilo Bücher nicht einfach herum zu schleppen, und Kleider brauche ich ja auch, weswegen ich Prioritäten setzen musste. Einige dickere Bücher haben es ins Gepäck geschafft und werden hier sicher gebloggt. Vielleicht finde ich deutsche oder englische Secondhand-Taschenbücher, die ich rezensieren kann, doch ich garantiere noch für nichts.

Dieser Blog ist also weiterhin online und ich lese auch immer noch, nur werde ich die nächsten Monate nicht so häufig rezensieren können wie erhofft. Ich hoffe, ihr versteht das und seid nicht allzu traurig. Doch leider bin ich zu beschäftigt mit der neuen Arbeit, dem fremden Land (das ich auch in der Freizeit entdecken möchte) und mit meinem zweiten Blog, wo ich über mein Auslandaufenthalt berichte.

Ich wünsche aber allen weiterhin grossen Lese-Spass, niemals endende SuBs und einen tollen Sommer!

Eure Lese-Echse

9. Juli 2013

Dan Brown - Inferno

Autor: Dan Brown
Titel: Inferno


Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7857-2480-4
Erschienen: 2013
Seiten: 682



 
Mein Geschenk ist die Zukunft.
Mein Geschenk ist die Erlösung.
Mein Geschenk ist...Inferno.
 
Dante Alighieris "Inferno", Teil seiner "Göttlichen Komödie", gehört zu den geheimnisvollsten Schriften der Weltliteratur. Ein Text, der vielen Lesern noch heute Rätsel aufgibt. Um dieses Mysterium weiss auch Robert Langdon, der Symbolforscher aus Harvard. Doch niemals hätte er geahnt, was in diesem siebenhundert Jahre alten Text schlummert. Gemeinsam mit der Ärztin Sienna Brooks macht sich Robert Langdon daran, das geheimnisvolle "Inferno" zu entschlüsseln. Aber schon bald muss er feststellen, dass die junge Frau ebenso viele Rätsel birgt wie Dantes Meisterwerk.
 
Und erst auf seine rJagd durch halb Europa, verfolgt von finsteren Mächten und skrupellosen Gegnern, wird ihm klar: Dantes Werk ist keine Fiktion. Es ist eine Prophezeiung. Einer Prophezeiung, die uns alle betrifft. Die alles verändern kann. Die Leben bringt. Oder den Tod.
 
 
Ein weiterer Roman mit Robert Langdon, der die Leser schon in Illuminati, Sakrileg und das verlorene Symbol in seine Welt voller Geheimnisse, Symbolik, Mystik und guten sowie schlechten Omen mitnimmt. Dass ich dieses dicke Buch innerhalb 2 Tagen gelesen habe, will was heissen.
 
Gewohnt rasant und voll gepackt mit Weltgeschichte, Mystik und Zeichen entführt Dan Brown erneut in eine Welt von Gut gegen Böse. Ein Thriller mit Highspeed, diesmal auf dem Hauptpfad der "Göttlichen Komödie" Dantes, der noch heute das Bild der Hölle, der Unterwelt und den Todsünden prägt. Man muss sein riesiges Werk nicht gelesen haben, um schon einmal irgendwie etwas über Dante aufgeschnappt zu haben. Es spielt jedoch keine Rolle, wie viel man im Vorfeld weiss, denn Dan Brown schrieb mit "Inferno" nicht nur einen neuen Thriller, sondern auch indirekt einen Dante-Kurs: Zusammenfassung seiner wichtigsten Werke, hier und da mal etwas Biographisches über Dante, welche Genies Dante nacheiferten, welche Werke er zukünftig beeinflusste...was alles auch zu Bertrand Zobrist führt.
 
Der Bösewicht diesmal, Bertrant Zobrist, ist ein Schweizer Genforscher, welcher fanatischer Vertreter transhumanistischer Ansichten ist. Ein brillianter und gleichzeitig kranker Kopf, dem es scheinbar gelungen ist, die Welt zu verseuchen. Um dessen zerstörerischen Plan in letzter Sekunde noch zunichte zu machen, gerät Robert Langdon in einen Wirbelsturm der Ereignisse. Regierungen, die WHO (World Health Organisation) und weitere Organisationen und Interessengruppen liefern sich eine Hetzjagd durch Europa. Angefangen und einen grossen Teil: Florenz. Die Heimat Dantes, eine italienische Stadt der Kunst, voller Symbolik, Genies alter Zeiten, religiösen Bauwerken....Doch die Reise endet nicht in Italien, sondern führt via Venedig bis nach Istanbul.
 
Der Schreibstil ist wie die Handlung: rasant. Trotz eher einfacher Wortwahl (einmal abgesehen von den Fachbegriffe aus den Bereichen Biochemie, Gentechnik, etc., was aber auch oft erklärt wird), zeugt der Text von Weltwissen. Es ist zwar weniger sprachlich ausgereift, die Schönheit der Worte steht nicht im Vordergrund und Poetik kommt "nur" in Form von Dantes Werken und den seinem Idol nacheifernden Reimen von Zobrist (=Hinweise auf der Schnitzeljagd), doch auch der Schreibstil hat eben bloss nur ein Ziel: Spannung. Sämtliche Figuren sind ständig in Bewegung. So sehr, dass selbst der Leser irregeführt wird. Öfters werden Geheimnisse gelüftet über Personen, Figuren wechseln die Seiten, kämpfen einmal scheinbar gegen Langdon, dann an seiner Seite. So irrt der Leser mit Robert Langdon durch den Roman (er erwacht im ersten Kapitel in einem fremden Krankenhaus, verletzt und bekommt die Diagnose Amnesie --> er erinnert sich nicht an die letzten beiden Tage, was die Sache noch mehr verkompliziert). Man darf niemanden trauen, jeder scheint nicht immer die ganze Wahrheit zu sagen,, manche bewusst, manche sogar unbewusst. Missverständnisse entstehen, allgemeine Verwirrung herrscht.
 
Dan Brown bewies wieder einmal sein Talent, reale Fakten der Weltgeschichte, faszinierende mystische Legenden und in einer fiktiven Krimigeschichte zu mischen. Inferno ist rein fiktiv, trotz der Anzahl tatsächlicher Orte und Bauwerken, etc. Auch die Problematik, die Dan Brown in seinem neusten Roman thematisiert, ist real: der Fortschritt der Technik im Bereich Gentechnologie und das Problem der steigenden Bevölkerung der Erde. Diese Tatsachen regen zum Nachdenken, obwohl die Geschichte wie gesagt fiktiv bleibt. Das Ende ist unvorhersehbar und irgendwie beängstigend, aber irgendwie auch nicht schlecht. Ein klassisches Happy End darf man hier jedoch nicht erwarten.
 
 
Dan Brown in Bestform
 
 
 
5 von 5 Lese-Echsen
 
 
Dan Brown unterrichtete Englisch, bevor er sich ganz seiner Tätigkeit als Schriftsteller widmete. Als Sohn eines mehrfach ausgezeichneten Mathematikprofessors und einer bekannten Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen. Die Kombination ist es auch, die den weltweiten Erfolg des Autors begründet.

Mehr auf:
Dan Brown
 

8. Juli 2013

Lucinda Riley - der Lavendelgarten

Autor: Lucinda Riley
Titel: Der Lavendelgarten
 
 
 
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-47797-5
Erschienen: 2012
Seiten: 508
 
 
 
 
Über viele Jahre führte Emilie de la Martinières ein zurückgezogenes und bescheidenes Leben in Paris. Doch als ihre Mutter Valérie im Sterben liegt, kehrt sie zurück an den Ort ihrer Kindheit, das Château de la Martinières, den herrschaftlichen Stammsitz der Familie in der Provence. Ihr Vater Édouard starb, als Emilie vierzehn Jahre alt war, und so lastet nach dem Tod Valéries, einer zeitlebens ausserordentlich glamourösen, aber auch unnahbaren Frau, das Erbe ihrer Herkunft schwer auf Emilies Schultern: Sie ist nicht nur Alleinerbin des Landsitzes und der umliegenden Weinberge, sondern auch eines vornehmen Stadthauses in Paris. Eine Bürde der Verantwortung, denn das Château ist dringend renovierungsbedürftig und das Anwesen hochverschuldet. Der Zufall spielt Emilie eine Sammlung handschriftlich verfasster Gedichte in die Hände, geschrieben von ihrer Tante Sophia, deren Leben von einem tragischen Geheimnis umschattet war. Fasziniert folgt Emilie Sophias Spur bis zu dem dunkelsten Punkt in der Geschichte der Familie - und zu einer verbotenen Liebe, die die Geschichte der de la Martinières seit Zeit erkennt Emilie, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und ihren eigenen Weg gehen kann...
 
 
Ein Herrenhaus in der Provence, eine adelige Familie und eine schicksalhafte Liebe...
 
...was braucht man mehr? Die Klischees dieses Genre sind somit alle erfüllt und hier wunderbar umgesetzt. Trotz der Ähnlichkeit innerhalb des Genres und obwohl ich schon einige Romane wie diesen gelesen habe, kann ich nicht genug davon bekommen.
 
Die Geschichte muss erst einmal aufgebaut werden, weswegen der Anfang noch nicht mit Spannung punkten kann. Spannend wird erst später, dafür aber richtig. Aufgebaut ist der Roman in zwei Zeitperioden: dem Jetzt und der Vergangenheit. Einmal ist Emilie die Hauptperson, in der Vergangenheit führt Constance durch die Geschichte. Beide Frauen sind charakterstarke, dennoch bodenständige Hauptfiguren, die sich in schwierigen Zeiten durchsetzen müssen. Obwohl der Roman in der Vergangenheitsform und ohne Ich-Erzähler auskommt, wirkt es nicht wie eine Geschichtchen, dass man erzählt bekommt. Man hat dank flüssigem Schreibstil das Gefühl, mittendrin zu sein und dass alles jetzt und heute passiert. An der Seite der Hauptfiguren tauchen viele Personen auf, die ich liebgewonnen habe. Natürlich gibt es auch "Bösewichte", Randfiguren und Figuren, die erst nett wirken, sich dann jedoch als böse entpuppen, aber sogar die waren mir irgendwie sympathisch.
 
Irritierend finde ich leider den Titel "Lavendelgarten". Denn obwohl der Garten des Herrenhauses eine zentrale Rolle bekommt, habe ich im ganzen Buch niemals das Wort "Lavendel" gelesen. Einzig im Epilog schreibt die Autorin über die Idee für dieses Buch: Dass sie in den Ferien in der Provence selbst bei einem Herrenhaus in einem Lavendelgarten etwas getrunken hat. Diese Ort hat sie sogleich zu einer Geschichte inspiriert und diente als Bühne. Das Herrenhaus und auch einige Namen in diesem Zusammenhang gibt es also wirklich, wenn auch leicht abgeändert (z.B. der tatsächliche Ort des Herrenhauses). Da ich jedoch selbst einmal in der Provence war und in Nizza, konnte ich mich wunderbar in die Szenerie einfühlen und so erinnerte mich dieser Roman auch an meinen Sprachaufenthalt, weil ich den Lavendelduft eben kenne. Im Original heisst der Roman jedoch "the light behind the window" (das Licht hinter dem Fenster), was auf eines der Gedichte von Tante Sophia zurückzuführen ist.
 
Eine grosse Rolle spielt der Krieg: Contance, eigentlich Britin, kam nach Frankreich, um auf Seiten der Franzosen gegen die Deutschen (Hitler) zu kämpfen, wodurch sie Édouard kennen lernt. Zu viel möchte ich jedoch hier nicht verraten, wie Constance und die Familie de la Martinières zusammen gehören (Spoiler-Alarm!). Doch wie gesagt liebe ich solche Romane über Generationen von Familien, Geheimnisse, etc. Die Gedichte sind zwar wichtig, jedoch an sich nicht im Fokus, aber sehr schön zu lesen. Einige Handlungen waren zudem etwas absehbar (wahrscheinlich wieder typisch dieses Genre, oder ich hab schon zu viele davon gelesen), andere waren wirklich überraschend.
 
 
Ein toller Sommerroman für Fernweh und Provence-Liebhaber.
Genauso empfehlenswert wie ihr erster Roman "das Orchideenhaus".
 
 
5 von 5 Lese-Echsen
 
 
 
Lucinda Riley wurde in Irland geboren und verbrachte als Kind mehrere Jahre in Bangkok. Sie liebt es zu reisen und ist nach wie vor den Orten ihrer Kindheit sehr verbunden. Nach einer Karriere als Theater- und Fernsehschauspielerin konzentriert sich Lucinda Riley heute ganz auf das Schreiben – und das mit sensationellem Erfolg: Seit ihrem gefeierten Debüt, "Das Orchideenhaus", stürmte jeder ihrer Romane die internationalen Bestsellerlisten. Lucinda Riley lebt mit ihrer Familie in Norfolk im Osten Englands und in ihrem Haus in der Provence.

Mehr auf:
Lucinda Riley
 
 
 

2. Juli 2013

Jan-Philipp Sendker - das Herzenhören

Autor: Jan-Philipp Sendker
Titel: Das Herzenhören



Verlag: Karl Blessing
ISBN: 978-3-453-41001-5
Erschienen: 2012
Seiten: 287


 
Auf der Suche nach ihrem vermissten Vater reist Julia Win von New York nach Kalaw, einem malerischen, in den Bergen Burmas versteckten Dorf. Ein vierzig Jahre alter Liebesbrief ihres Vaters an eine unbekannte Frau hat sie an diesen magischen Ort geführt. Hier findet Julia nicht nur einen Bruder, von dem sie nichts wusste, sondern stösst auf ein Familiengeheimnis, das ihr Leben für immer verändert. Die epische Geschichte einer jungen Frau, die lernt, dass ein Mensch nicht mit den Augen sieht, dass man Entfernungen nicht mit Schritten überwindet, und dass man Schmetterlinge an ihrem Flügelschlag erkennen kann.
 
"Wir erkennen die Liebe nur, wenn wir geliebt werden, so wie wir selbst lieben."
 
 
 
Ein unvergleichliches Buch über Liebe, über wahre und tiefe Liebe. Ein Liebespaar, das ganz anders ist, aber nicht nur deswegen besonders. Ein tiefgründiger Roman, der viel Weisheit birgt, mich aber dennoch etwas enttäuschte.
 
Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr schon viel gute Kritiken über ein Buch gehört oder gelesen habt oder aus einem anderen Grund sicher seid, dass dieser Roman sehr gut sein muss? Kennt ihr die Enttäuschung, wenn es dann nicht so ist? Ich denke, die Erwartungen waren zu gross, die positiven Stimmen zu laut und die Geschmäcker eben verschieden. Obwohl ich nicht behaupten kann, dass es ein schlechtes Buch ist, kann ich auch nicht behaupten, dass es mich aus den Socken gehauen hat. Die Figuren blieben etwas zu zweidimensional, abgesehen von den beiden Hauptfiguren Tin Win und Mi Mi (der Vater von Julia und die "unbekannte Frau").
 
Die Geschichte fängt mit der Reise Julias nach Burma an, wo sie auf ihren Bruder trifft. Sie weiss jedoch noch nicht, dass es ihr Bruder ist und dank Klappentext wurde hier dem Leser die Spannung geklaut. Aber auch ohne Spoileralarm ist diese Verwandtschaft ziemlich schnell vorhersehbar in der Geschichte. Der restliche Verlauf der Geschichte ist zum Glück nicht vorhersehbar und so trifft man in jedem Kapitel auf neue Situationen und Personen. Wer nun auf eine Art Detektivsuche hofft, bei der Julia durch Burma reist, den Indizien des Liebesbriefes hinterher...den muss ich leider enttäuschen. Julia trifft wie gesagt auf ihren Bruder und dieser erzählt ihr dann die Geschichte ihres (gemeinsamen) Vaters. Deswegen fand ich den Rahmen der Geschichte auch eher minimal.
 
Die Hauptgeschichte um Tin Win (Vater Julias) und Mi Mi (die geliebte, unbekannte Frau) ist dafür umso schöner, einfühlsamer und bezaubernder. Der Leser wird auf die Lebensreise des Vaters mitgenommen, was ihm als Kind geschah, wie und wo er aufwuchs, wie er Mi Mi kennen lernte, was sie zusammen manchten, was zur Trennung führte....die ersten 20 Jahre seines Lebens, bevor er nach New York kam, heiratete und der Vater von Julia wurde. Denn einmal in Amerika sprach Tin Win nie über seine Jugend, verschwieg seine Kindheit....und verschwand plötzlich. Julia kann dieses Rätsel lösen bzw. erfährt von ihrem "neuen" Bruder das Geheimnis und kann somit einiges in ihrer Vergangenheit erklären und findet den Frieden mit dieser Geschichte.
 
Besonders betonen möchte ich den Wert dieses Buches betreffend folgenden Themen: nicht nur Liebe, sondern auch Blindheit, körperliche Behinderungen, Familienzusammenhalt und Schicksal. Auch einen Einblick in burmesische Traditionen bekommt man. Auch wenn die Geschichte eher ruhig verläuft und es nun wie ein Asia-Spruch-Kalender klingt: Das Herz sieht mehr als die Augen. Während der Lektüre wird man sich bewusst, einmal auf seine anderen Sinne zu achten. Nicht nur mit den Augen nehmen wir unsere Welt wahr, man vergisst im Alltag zu oft, richtig hinzuhören, Düfte wahrzunehmen und Oberflächen zu ertasten. Zu laut ist die Kakophonie der Grossstädte. Zu bunt gemischt alle Gerüche, sodass wir nicht mehr imstande sind, uns auf einen Duft zu konzentrieren. Zu gestresst sind wir, zu sehr auf unsere Augen fixiert, als einfach mal wie ein Kind alles in die Hand zu nehmen, zu ertasten und zu fühlen....man sollte sich die Zeit wieder einmal dazu nehmen. Nicht nur weil sonst die anderen Sinne abstumpfen, sondern einfach auch weil es die kleinen Freuden im Leben sind!
 
 
Wertvoller Inhalt, ruhig erzählt, schön bis poetisch...doch die Fortsetzung "Herzenstimmen" werde ich wohl nicht lesen.
 
 
3,5 von 5 Lese-Echsen
 
 
 
Jan-Philipp Sendker, geboren 1960 in Hamburg, war von 1990 bis 1995 Amerika- und von 1995 bis 1999 Asien-Korrespondent des "Stern". Er lebt mit seiner Familie in Potsdam.