27. Dezember 2015

Livraria Lello - Pilgerfahrt in eine wunderschöne Buchhandlung

Ihr Lieben,

an dieser Stelle möchte ich mich zuerst entschuldigen, dass es auf meinem Blog so still ist - jetzt leider schon etwas länger. Hauptsächlich liegt das daran, dass ich zurzeit weniger lese oder länger an dicken Büchern lese und somit auch weniger Rezensionen für meinen Blog schreibe. Ich hoffe jedoch - und habe es mir als Neu-Jahres-Vorsatz vorgenommen - wieder mehr zu lesen und mehr hier zu posten.

Und nun zu Weihnachten habe ich ein besonderes Schmackerl für euch: die Livraria Lello & Irmão - eine wunderbare Buchhandlung in Porto im Norden Portugals. Es war keine Frage, dass ich da vorbei schauen MUSSTE, als wir unseren Städtetrip nach Porto planten. =)



Was? Ihr habt noch nicht davon gehört?! Also dann mal fix schlau machen...

Die Livraria Lello e Irmão (deutsch: "Buchhandlung Lello und Bruder") wurde 1869 als Livraria Chardron eröffnet. Diesen Namen ist noch heute auf der Hausfassade verewigt. 1894 verstarb der Besitzer 45-jährig und die Buchhandlung wurde verkauft. So wechselte das Gebäude den Besitzer und auch den Namen. Die Livraria Chardron gehörte neu José Pinto de Sousa Lello, der zusammen mit seinem Schwager schon eine andere Buchhandlung unterhielt . Doch bald verstarb dieser Schwager und José Lello gründete später mit seinem Bruder António Lello den Verlag "Lello & Irmão, Lda". Die neue Buchhandlung Lello eröffnete dann am 13. Januar 1906. Im Jahre 1995 wurde die Buchhandlung renoviert und steht unter 2013 umfassend unter Denkmalschutz.

Seit Eröffnung war die Buchhandlung ein beliebter Ort für die kulturell interessierten Kreise Portos und im Laufe der Zeit für verschiedenste Schriftsteller. Bekannt sind auch die Besuche von J.K. Rowling, die im ersten Stockwerk umgeben von Büchern gerne einen Kaffee trank und am ersten Band von Harry Potter schrieb.

Und somit ist es auch ein Pilgerort für alle J.K. Rowling Fans - ich inklusive!

die berühmte Treppe von oben 
Wer einmal in dieser Buchhandlung war, kann der Autorin nachfühlen und entdeckt nicht nur eine wunderhübsche Buchhandlung, sondern auch diverse Quellen zur Inspiration. Das Jugenstil-Gebäude mit auffallend detaillierter und weisser Fassade im neogotischen Stil ist ein Eye-Catcher im Zentrum Portos. Im Inneren stapeln sich die Bücher auf Tischen und massigen Buchregalen aus dunklem Holz bis an die Decke. Diverse portugiesische Schriftsteller wachen in Form von Büsten über die Räumlichkeiten und schauen auf die Besucher hinunter. Das absolute Highlight ist jedoch die wohl tausendfach fotografierte rote Treppe, die sich schwungvoll und einzigartig in das obere Stockwerk windet. Als ich die Stufen emporstieg, mit den Fingern über das Blumen verzierte Geländer streichend, erwartete ich oben fast ein Käfig voller Monsterbücher oder Hogwarts-Studenten in schwarzen Mänteln, die an mir vorbei huschen, die Arme voller Bücher, die auf ihrer Liste stehen für das neue Schuljahr. Es ist nicht zu leugnen, dass die Buchhandlung Lello unsere liebe J.K. Rowling zu Flourish and Blotts in der Winkelgasse inspirierte!


Oberes Stockwerk - Galerie
Auch weitere Orte in Porto haben Rowling augenscheinlich inspiriert. So stammt beispielsweise die Schuluniform ebenfalls aus Portugal, wo Studenten der lokalen Universität (aber auch in anderen portugiesischen Städten) schwarze Mäntel über ihrer Schuluniform tragen, die in der Eile hinter ihnen her wehen. Es ist nicht belegt, jedoch schwer anzunehmen, dass einige Studenten Rowlings Wege kreuzten und somit zur Schuluniform Hogwarts beitrugen. Auch andere Geschäfte dürften zum Bilde der Winkelgasse beigetragen haben, so verfügen diverse Geschäfte in älteren Gebäuden vielfach eine Holzfassade (meist Holzrahmen um die Fenster und über der Tür mit dem Namen oder dem Angebot), wie eben auch Ollivanders Wand Shop, Madam Malkins Kleider für jede Gelegenheit, der tropfende Kessel oder Potages Kesselladen.
Enge Gassen, in denen eine Katze oder ein Hund (vielleicht ein Animagnus?) von einer dunklen Ecke in die nächste huscht und Bahnhöfe wie São Bento dürften sich ebenfalls in die Skizzen zu Hogwarts eingeschlichen haben.

Guide und Infoblatt
Diese Bekanntheit ist für die Buchhandlung jedoch Segen und Fluch zugleich. Denn obwohl viele Besucher die Livraria Lello aufsuchen, kommen viele davon "nur" für Fotos und nicht, um ein Buch zu kaufen. Die Buchhandlung funktioniert jedoch noch heute als normale Buchhandlung wie andere eben. Aufgrund der kleinen Räumlichkeiten (auch wenn das oft auf Fotos nicht so scheint), behindert die hohe Touristenanzahl das alltägliche Geschäft. Deshalb wurden neue Regeln eingeführt, die ab 2015 gelten:

- Man bezahlt neu 3.- Euro Eintritt (bei Kauf eines Besuches werden diese 3.- Euro vom Preis abgezogen! Somit bezahlen nur die Foto-Touristen tatsächlich Eintritt.)

- Selfie-Sticks und dergleichen sind verboten (Verletzungsgefahr und Platzmangel)

- Fotos sind erlaubt, aber mit Respekt für alle Mitmenschen und Nicht-behindern der Angestellten zu knipsen. Irgendwo habe ich auch gelesen, dass sie eine Foto-Stunde eingeführt haben von 9:00-10:00 morgens (also die erste Stunde morgens nach Ladenöffnung), den restlichen Tag sind Fotos verboten.

Ganz allgemein kann ich bestätigen, dass die Buchhandlung schnell voller Leute ist und es sich deshalb lohnt, morgens bei Türöffnung dort zu sein. Eintrittskarten werden in einer kleinen roten Hütte vor der Buchhandlung verkauft und man erhält dazu einen Guide mit einiger Information zum Ort, über portugiesische Schriftsteller und mit den Verhaltensrichtlinien. Ausserdem der "Buchkauf-Gutschein", um die 3.- Euro an der Kasse wieder umzutauschen.

Natürlich konnte ich auch nicht widerstehen. Unmöglich aus dieser Buchhandlung nichts mitzunehmen! Ein ganzes Regal ist voller Harry-Potter-Bände mit den unterschiedlichen Covern, in Portugiesisch und Englisch erhältlich. Auch Souvenirs sind nicht rar: Postkarten, Hefte, Stifte, Tassen, etc. Ich verliebte mich sogleich in das Buch "Magic Places", das neben Illustrationen und Bildern aus dem Film, viele Informationen zu allen Orten in Hogwarts beinhaltet. Wo wurde gedreht? Welche Herausforderungen wurden bewältigt? (Zum Beispiel die bewegten Bilder oder die Decke in der grosse Halle.) In welchen Filmen tauchen die Orte auf und welche Figuren spielen dort? Die Geschäfte in der Winkelgasse, die Schulräume diverser Professoren, Howarts allgemein, die Quidditch-Arena oder Privet Drive Nr.4... alles erklärt und bebildert. Ausserdem fand ich eine kleine Überraschung erst zuhause: Auf der letzten Seite in einem schlichten Umschlag befindet sich eine Karte der Winkelgasse <3



Damit dieses hübsche Hardcover knickfrei im Hotel und später daheim ankommt, konnte ich zudem nicht widerstehen, mir eine Tasche der Livraria Lello zu kaufen. Mein Weihnachtsgeschenk an mich selbst dieses Jahr.


Die Livraria Lello wurden von The Guardian auf den dritten Platz gewählt der schönsten Buchhandlungen der Welt: *Link*

Für mich persönlich war es die schönste Buchhandlung, die ich bisher besuchen durfte und so nahm ich nur schwer Abschied...

Wer von euch möchte auch nach Porto? Wer von euch war vielleicht schon dort? Erzählt mir eure Erlebnisse oder Wünsche in den Kommentaren! Ich freue mich darüber zu lesen und mich an diese tolle Reise zu erinnern =)


9. Dezember 2015

Jessica Spotswood - Töchter des Mondes 3





Autorin: Jessica Spotswood
Titel: Töchter des Mondes 3
Schicksalsschwestern

Verlag: Egmont INK
ISBN: 978-3-863-96026-1
Erschienen: 2015
Seiten: 384






Die Verfolgung der Hexen in Neuengland nimmt weiter zu. Auch innerhalb des geheimen Hexenbundes scheinen Cate und ihre Schwestern nicht mehr sicher zu sein. Verrat und Intrigen spalten die einst eingeschworene Gemeinschaft. Und die Visionen, die Cates kleine Schwester Tess immer häufiger heimsuchen, lassen keinen Zweifel daran, dass sich die unheilvolle Prophezeiung erfüllen wird. Cates, Tess' und Mauras vorherbestimmtes Schicksal scheint nicht aufzuhalten zu sein: Eine Schwester wird die andere vor Beginn des neuen Jahrhunderts töten...



Die Spannung steigt, das grosse Finale der Trilogie soll Klarheit schaffen über die Prophezeiung, das Schicksal der drei Schwestern und jenes der Hexen in Neuengland. Die Bruderschaft schürt die Hetzjagd immer weiter. Hat da die Liebe zwischen Finn und Cate eine Chance? Besonders nachdem, was im zweiten Band passierte? 

Der Cliffhanger am Ende des zweiten Buches hat meine Neugierde sehr angestachelt und endlich konnte ich den abschliessenden Band lesen. Endlich die Auflösung über das Schicksal der Schwestern, wobei es die Autorin schafft, trotz Prophezeiung, Vorahnungen und bisheriger Verlauf der Geschichte, neue Überraschungen und Wendungen einzubauen. Das Ende fand ich gelungen: Kein 100% Happy End, ein wenig vorhersehbar, aber im Ganzen doch angemessen. Ich persönlich mag es nicht, wenn alles glücklich endet, ohne jegliche Einbussen, traurigen Schicksalen (sei es bloss von Nebenfiguren) oder noch offene Fragen. Oft verliert die Geschichte somit an Glaubhaftigkeit, weil es einfach wenig authenthisch ist, wenn trotz Weltuntergang alles rosarot paradiesisch endet. Deswegen bin ich glücklich über das Ende der Trilogie, obwohl es durchaus traurige Anteile hat.

Der Schreibstil konnte mich wie in den vorherigen Büchern sofort fesseln. Die Beschreibungen der Szenerien lassen detaillierte Bilder bei der Lektüre entstehen und der Leser bekommt ein tolles Gefühl des Geschehens, als wäre man selbst dabei. Man wir Teil der Schwesternschaft, Verbündeter der Hexen, gewinnt neue Freunde und spürt jede Auseinandersetzung zwischen Cate, Tess und Maura. Neue Bekannte kommen nochmals hinzu, die mehr oder weniger wichtig für den finalen Kampf um die Regierung von Neuengland werden. Zudem wütet ein Fieber in der Stadt, welches das Volk belastet und zu einer zusätzlichen Probe der Hexen wird. 

Inwiefern die Erzählung sich an realen Gegebenheiten orientiert, mag ich nicht beurteilen. Die Hexenverfolgung in Neuengland, die Kirche als oberste Gewalt, Seuchen unter der vor allem ärmeren Bevölkerung und Aufstände gegen die Regierung sind faktisch belegt. Einzelheiten und die Existenz dieser drei Hexenschwestern ist Fiktion, allerdings sehr unterhaltsame Fiktion meiner Meinung. Was mir ausserdem besonders gefällt, ist die Tatsache, dass es neben einer Liebesgeschichte, der Hexenjagd und der Bruderschaft vor allem auch um den Zusammenhalt unter Freunden und Geschwistern geht. Cate, Tess und Maura sind mal gegenteiliger Meinung, mal eine gemeinsame starke Front. Sie streiten und lieben sich...Und so hat jede ihren ganz eigenen Charakter, der von der Autorin über die drei Bücher sehr fein herausgearbeitet wurde.

Die Trilogie kann ich jedem Hexenbegeisterten nur wärmstens empfehlen, aber auch allen anderen Lesern, die gerne Fantastisches lesen, das in der realen Welt angesiedelt ist. Fans vom damaligen England oder allgemein Geschichten in der Vergangenheit und Familienerzählungen dürften ebenfalls Freude an dieser Trilogie haben. Ich bin stolzer Besitzer aller Bände als Hardcover und bin immer wieder über deren Gestaltung entzückt - sie sind einfach wunderschön so im Regal!



4,5 von 5 Lese-Echsen



Jessica Spotswoods Leidenschaft fürs Schreiben und für Bücher begann schon in frühester Kindheit. Bis heute liebt sie romantische Geschichten und lässt sich von ihnen und ihren Figuren verzaubern. Nach ihrem Studium versuchte sie sich zuerst am Theater, merkte aber schnell, dass ihre wahre Berufung das Schreiben ist. Zusammen mit ihrem Mann und ihrer Katze Monkey lebt sie heute in Washington D.C. 

Mehr auf: Jessica Spotswood

24. November 2015

Michelle Richmond - Im blauen Licht der Nacht




Autorin: Michelle Richmond
Titel: Im blauen Licht der Nacht


Verlag: Diana Verlag
ISBN: 978-3-453-35697-9
Erschienen: 2013
Seiten: 334



Viele Jahre nach dem Tod ihrer Jugendfreundin unternimmt Jenny in China eine Schiffsreise, um Amanda Ruths Asche im Jangtse-Fluss zu verstreuen. Begleitet wird Jenny von ihrem Ehemann Dave. Es ist ein letzter Versuch, die Ehe der beiden zu retten, der schnell fehlschlägt. Dave fängt bald eine Affäre mit einer jungen attraktiven Frau an, und als Jenny eines Abends an Deck den Australier Graham näher kennenlernt, vertraut sie sich ihm an. Bis heute meint Jenny, Schuld zu sein am gewaltsamen Tod der Freundin, denn die Wahrheit über die heimliche Liebesbeziehung der beiden Mädchen schockierte damals deren Familien zutiefst. Erst mit Grahams Hilfe findet Jenny die Kraft, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch auch Graham ist auf Jennys Freundschaft und Beistand angewiesen.





Eine schöne Chinareise, die wunderbar beschrieben ist, ein Beziehungs-Hin-und-Her, das leider etwas sehr in den Vordergrund drückte und ein Todesfall, der schon lange zurückliegt, aber immer noch Auswirkungen in die Zukunft hat. Eine Mischung, die mich gut unterhalten hat, aber doch nicht vom Hocker reissen konnte.

Die Geschichte wird aus Jennys Sicht erzählt, ihre Erfahrungen und Gefühle auf der Schifffahrt, ihren Umgang mit Dave, die Begenung mit Graham und ihren Blick auf China. Unterbrochen werden die Szenen von Erinnerungen, Rückblicke auf ihr Leben mit Amanda, bevor sie starb. Momente eines glücklichen Sommers, blaue Nächte und die Liebe zu ihrer Heimat. Jedoch auch Erinnerungen an die Hetzjagd nach Amandas Tod, die polizeilichen Befragungen und ihre Trauerverarbeitung. Das alles hat die Autorin sehr authentisch geschrieben, weswegen ich schon vermutete, dass die Autorin viel aus eigenen Erfahrungen schöpft. Mit Blick auf ihre Webseite bestätigt sich diese Vermutung, denn die Geschichte spielt in der Ortschaft, wo die Autorin aufwuchs. Und auch die Autorin reiste den Jangste-Fluss hinauf.

Diese Erfahrungen führen zu detaillierten, recherchierten und wunderbaren Beschreibungen der Landschaft, dem Fluss-Damm (ein Projekt der Regierung) und seine Auswirkungen auf das Volk, die Flora und Fauna sowie den Fluss selbst. Dabei spürt man auch deutlich die Meinung der Autorin zu diesem Projekt, die Rolle von westlichen Touristen und chinesischer Kultur und Fortschritt. Die Beschreibungen und Chinakenntnisse zeugen ausserdem von einer guten Beobachtungsgabe, wodurch sie es schafft, imposante Bilder im Kopf des Lesers entstehen zu lassen.

Die Beziehungen zwischen den Figuren rückte leider mehr in den Vordergrund als erwartet. Gerne hätte ich mehr über die Aufklärung von Amandas Tod erfahren, mehr darüber, wie es dazu kam. Einfach ein wenig mehr Krimiroman. Doch die Rückblicke sind nur kleine Ausschnitte, meist recht faktisch erzählt und wenig spannend. Die Erinnerungen an Amanda als sie noch lebte, sind sehr gefühlvoll beschrieben, weswegen ich die Lebhaftigkeit der Gefühle all der Jahre nach ihrem Tod stärker erwartet und erhofft hätte. Die Affäre von Dave und die Begegnung mit Graham waren zudem sehr voraussehbar und deswegen auch wenig spannend. Das Geheimnis von Graham wird früh aufgedeckt und nimmt ein bitteres Ende, obwohl dies auch früh voraussehbar war. Die Hauptperson Jenny überraschte mich am meisten, da sich das Bild, das ich erst von ihr machte, sich ganz anders entwickelt als erwartet.

Grundsätzlich zu loben sind also die Beschreibungen, China und die Authentizität der Geschehnisse. Bemängeln muss ich allerdings, das Fehlen von Spannung, die ich eigentlich bei einem "gewaltsamen Tod" erwartete und die für meinen Geschmack manchmal zu vielen Beziehungsdiskussionen.





3,5 von 5 Lese-Echsen




Michelle Richmond wuchs als zweite von drei Schwestern in Alabama auf, studierte in Miami und lebt heute mit ihrer Familien in San Francisco. Sie unterrichtete an verschiedenen Universitäten und ist Herausgeberin des San Francisco Journal of Books. Sie schrieb mehrere erfolgreiche Romane, darunter den New York Times-Bestseller Ein einziger Blick.

Mehr auf: Michelle Richmond

18. November 2015

Meike Winnemuth - Das grosse Los




Autorin: Meike Winnemuth
Titel: Das grosse Los


Verlag: Albrecht Knaus Verlag
ISBN: 978-3-442-74805-1
Erschienen: 2013
Seiten: 329




"Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr."

Sie wollte finanziell ein bisschen unabhängiger sein. Mehr dürfen, weniger müssen. Deshalb hat Meike Winnemuth überhaupt nur bei "Wer wird Millionär" mitgemacht. Zu ihrer Verblüffung räumt sie gross ab: 500'000 Euro. Und nun? Sie entscheidet sich, ein Jahr frei zu nehmen und um die Welt zu reisen. Wie ist es, wenn man das Leben führt, von dem alle träumen? Sie erzählt von einer unglaublichen Reise in 12 Städte auf allen Kontinenten: Sydney, Buenos Aires, Mumbai, Shanghai, Honolulu, San Francisco, London, Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba, Havanna. Und davon, dass man definitiv keine halbe Million braucht, um glücklich zu werden...




Meine neue Reisebibel, schnell schnell mit dir in mein Lieblingsbücher-Regal. Lange bin ich um das Buch geschlichen und endlich habe ich es gelesen. Auf was habe ich bloss so lange gewartet? Ich bin einfach komplett begeistert - von jeder Stadt, jedem Kapitel, jedem Satz...und traurig über den Schlusspunkt.

Die erste Seite: Eine Weltkarte zeigt ihre Stationen, alle Städte auf einen Blick mit zugehörigem Reisemonat und durch Linien verbunden. Zweite Seite: das Vorwort. Und schon bin ich mitten im Geschehen, in der Überraschung und Ungläubigkeit, die Meike Winnemuth nach dem Gewinn überfallen. Schon die erste Stadt, das erste Kapitel begeisterte mich und sog mich in das Buch. Jedes weitere Kapitel fütterte meine eigen Lust sofort die Koffer zu packen. Ich wäre absolut nicht traurig, wenn nochmals 12 Kapitel, 12 Destinationen, folgen würden. Nein, im Gegenteil, ich wäre hysterisch begeistert und wohl die erste, die in den Buchladen rennt.

Der Schreibstil sprüht von Humor und Wortgewandtheit. Es liest sich sehr flüssig (abgesehen von ausländischen Namen und einzelne Wörter in Fremdsprachen) und zauberte mir ein Grinsen ins Gesicht, Runzeln auf die Stirn, feuchte Augen und ein schneller schlagendes Herz. Abenteuer, Faulenzen, neue und alte Begegnungen, Neuentdeckungen, Aha-Erlebnisse, Reise-Frust und Existenzfragen bilden eine Kette voller bunter Perlen. Das Witzige dabei: Ich habe mich schon früher in diese Handschrift verliebt, als ich in einer Frauenzeitschrift eine Kolumne jeden Monat sehnsüchtig erwartet und gefeiert habe. Allerdings fand ich erst heute, als ich diese Rezension schreibe, überhaupt heraus, dass meine Lieblingskolumne wie auch dieses Buch aus der gleichen Feder stammen, dass ich schon Werke dieser Autorin kenne und liebe!
(Hier geht es zu ihren Artikeln: Kolumne "Leben für Fortgeschrittene")

Vervollständigt wird ihr Buch zudem von Fotos. Manchmal sind sie Schwarz-weiss am Textrand neben der betreffenden Geschichte "geklebt". In der Mitte und gegen Schluss gibt es jedoch auch mehrere bunte Seiten mit Farbbildern, die mit witzigen, interessanten und informativen Kommentaren versehen wurden. Bilder, von Personen und neuen Freunden. Bilder von Naturschauspielen und atemberaubenden Landschaften. Bilder von typischen Sehenswürdigkeiten und komische Entdeckungen.

Ihre 1-Jahr-Reise hielt Meike Winnemuth ausserdem in ihrem Blog (Vor mir die Welt) fest. Dort und auf Social Media gewann sie dank Kommentaren neue Freunde, Geheimtipps und kleine persönliche Aufträge. 

Dieses Buch kann ich nur jedem ans Herzen legen. Nicht nur Reisenden und Möchtegern-Reisenden, nicht nur Millionär-Gewinnern, nicht nur Journalistinnen wie sie...sondern allen: Alle, die gerne Koffer packen. Alle, die auch gerne nur gedanklich reisen. Alle, die sich Gedanken über ihr Leben, Gesellschaftskonventionen und das Glück-finden machen. Alle, die ihrem Alltag ein wenig entkommen wollen und vielleicht nicht die Zeit und das Geld für eine Reise haben. Meist braucht es weniger, als man denkt. Und dieses Buch sollte (und muss, meiner Meinung) sich jeder leisten können.




5+     von 5 Lese-Echsen





Meike Winnemuth, 1960 in Schleswig-Holstein geboren und in Hamburg und München lebend, ist freie Journalistin. Bei "Stern", "Geo Saison", "SZ Magain" und vielen anderen Zeitschriften sowie im Netz erschrieb sie sich eine grosse und begeisterte Anhängerschaft. Ihrem Reise-Blog "vor mir die Welt" folgten mehr als 200'000 Leser, er wurde für den Grimme Online-Award 2012 nominiert und bei den Lead Awards 2012 ausgezeichnet.

Mehr auf: Meike Winnemuth






31. Oktober 2015

John Boyne - Haus der Geister





Autor: John Boyne
Titel: Haus der Geister


Verlag: Piper
ISBN: 978-3--492-06004-2
Erschienen: 2014
Seiten: 333





Eine unheimlich gute Geistergeschichte

Als Eliza Caine nachts am nebligen Bahnhof von Norwich ankommt und wenig später müde und durchgefroren die Empfangshalle von Gaudlin Hall betritt, wird sie von Isabella und Eustace Westerley begrüsst - den beiden Kindern, die von nun an unter ihrer Obhut stehen werden. Zu Elizas Verwunderung leben die beiden offenbar allein in dem alten englischen Anwesen. Von den Eltern und anderen Angestellten fehlt jede Spur. Auch die Gouvernante, die bisher auf die Geschwister aufgepasst hat, ist fluchtartig abgereist. Da Eliza die beiden Kinder aber unmöglich einfach ihrem Schicksal überlassen kann, bleibt sie in Gaudlin Hall und beschliesst, gleicht am nächsten Tag für etwas Ordnung zu sorgen. Als sie endlich allein in ihrem Zimmer ist und sich über die seltsamen Umstände ihrer neuen Anstellung wundert, fühlt sie sich plötzlich von jemanden beobachtet - oder von etwas - und schnell wird ihr klar, dass sie mit den beiden Kindern doch nicht allein ist...



Irgendwie haben es mir Geistergeschichten angetan und diese hat mich nicht enttäuscht. Trotz einiger kleiner Klischees, bietet die Geschichte vorhersehbare, aber auch viele unvorhersehbare Vorkommnisse, Gruselmomente und ziemlich üble Taten, die dazu führten, wie es eben heute ist. 

Der Schreibstil hat mich ziemlich schnell in die Erzählung gesogen. Die Geschichte wird von einer Erzählerstimme aus Sicht von Eliza widergegeben und ganz allgemein entstand bei mir der Eindruck, an einem Kaminfeuer mit einer Tasse Tee zu sitzen und einem älteren britischen Onkel bei einer alten Familiengeschichte oder einem Schauermärchen zuzuhören. Die Lektüre dieses Buch ist für sehr zartbeseitete Leser vielleicht weniger für die Nacht empfehlenswert, doch auch ich gehöre nicht zu den härtesten Horrorfans und kenne eindeutig grausamere Bücher. Ich würde es somit ins Mittelfeld klassifizieren: Etwas Blut, ein wenig Horror und als Film oder im wahren Leben durchaus hässliche Szenen, aber für richtige Gruselfans nicht wirklich etwas, das zu Albträumen führt. 

Die Figuren wurden dem Zeitalter (England, 1867) entsprechend entworfen und so fand ich manches Benehmen von Eliza und anderen Damen ziemlich weltfremd und (entschuldigt) dämlich, allerdings damals gewöhnlich. Als der Dorfpfarrer und allgemein die Männer die Welt verstanden und leiteten, die Frauen hingegen für Kochherd und Kinder sorgten, war Eliza für ihr Alter schon eine alte Jungfer und wurde einfach als verrückt erklärt, als sie beginnt, von einem Geist zu sprechen. Sie wurde mir aber im Verlauf der Geschichte immer sympathischer, umso verrückter sie galt. Die Kinder hingegen, Isabella und Eustace, waren mir bis zum Schluss komisch. Natürlich haben die Kinder viel durchmachen müssen und haben unterschiedliche Strategien, damit umzugehen. Eustace wird zum kleinen verschlossenen, verängstigten Jungen. Isabella legt ein durchaus unverständlicheres Verhalten an den Tag, was jedoch sicher zu dem ganzen Spuk gehört. 

Einiges sind historische Fakten, andere sind Klischees jeder guten englischen Geistergeschichte für jenes Jahrhundert und wieder anderes ist wohl dem Autor und seiner Fantasie zuzuschreiben. So wird Charles Dickens und Plätze in London genannt, die es tatsächlich gibt bzw. gab. Vorhänge werden klischeehaft und ohne Luftzug bewegt, Eliza spürt kalte Finger nach ihr greifen und das ganze spielt in einem alten Herrenhaus, das Schauplatz einer Tragödie wurde. Die Vielfalt und Reihenfolge der Geschehnisse sind jedoch dem Autor anzurechnen und höchst unterhaltsam. Auch wenn sich kleinste Fehler eingeschlichen haben (Eliza ist einmal 21-jährig, dann plötzlich 22-jährig, obwohl nur wenig Zeit verging). Hinzu kommt, dass der Anfang ziemlich viel Aufbau war und somit langatmiger wirkt als der Rest der Geschichte. So stiftet der Autor die ersten 100 Seiten erst Verwirrung, stellt Figuren vor und kreiert Schauplätze. Und dann gewinnt die Erzählung plötzlich an Fahrtwind. Die unerklärlichen Ereignisse in Gaudlin Hall häufen sich, Eliza kommt auf die Spur des Geistes, Schauergeschichten aus der Vergangenheit kommen ins Spiel und verknüpfen die Schicksale der verschiedenen Figuren.

Unter dem Strich eine empfehlenswerte Geistergeschichte. Nicht die beste, aber sicherlich einer meiner liebsten und nicht das letzte Buch von John Boyne, das ich lesen muss.



4,5 von 5 Lese-Echsen




John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman "Der Junge im gestreiften Pyjama", der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als "ein kleines Wunder" (The Guardian) gefeiert wurde. 
Mehr auf: John Boyne



12. Oktober 2015

Lucy Dillon - Das kleine grosse Glück




Autorin: Lucy Dillon
Titel: Das kleine grosse Glück



Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-48217-7
Erschienen: 2014
Seiten: 542



Briefe von dem einzigen Mann, den sie je wirklich geliebt hat...
Ein Andenken an den Vater, den sie nie richtig kennenlernen durfte...
Oder einfach eine wunderschöne Vase, deren Glas das Licht einfängt, selbst an einem grauen Tag...

Wenn du noch einmal ganz neu anfangen könntest - welche 100 Dinge würdest du aus deinem alten Leben mitnehmen?

Nach ein paar schwierigen Jahren fängt die 33-jährige Gina Bellamy noch einmal ganz von vorne an - und stellt dabei fest, dass all die Habseligkeiten, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, gar nicht mehr so recht zu ihr passen wollen. Gina fasst einen Entschluss: Sie behält nur die 100 Dinge, die ihr am wichtigsten sind. Der Rest wird verschenkt oder verkauft. Doch während sie ihr Leben aufräumt, muss Gina sich nicht nur ihrer Vergangenheit stellen - sie erlebt auch eine Zeit voller Überraschungen und Liebe und erkennt, was wirklich wichtig ist.



Ein gefühlvoller Roman, ein Pageturner und eine tolle Idee. Trotz einiger kleiner Klischees und teils absehbarem Ende, sind viele Überraschungen, gelungene Diskurse und wunderbare Beschreibungen in diesem Buch enthalten, das ich sehr genossen habe zu lesen.

Der Schreibstil ist fliessend, abwechslungsreich und manchmal etwas schnulzig, aber das gehört eben in eine emotionale Geschichte. Denn Gina wagt einen Neustart, möchte ihr Glück finden und sich selbst besser verstehen. Die Vergangenheit kann sie deswegen nicht einfach vergessen, sondern muss sie verarbeiten und das kostet Kraft, Zeit und Aussprachen - und eine gute Freundin wie Naomi. Die Figuren waren mir alle sympathisch und wurden mit Stärken und Schwächen gezeichnet. Besonders ins Herz geschlossen habe ich die vierbeinigen Freunde.

Die Geschichte wird aus Ginas Sicht erzählt, wobei sie meist im Heute handelt, jedoch durch Rückblicke in die Vergangenheit ergänzt wird. Jedes Kapitel nennt zudem einen Gegenstand der 100-Dinge-Liste, der mit einer Erinnerung zusammen hängt. Entgegen der Erwartung sind es allerdings nicht 100 Kapitel. Viele Punkte der Liste werden im Verlauf der Geschichte genannt. Diese Liste ist vor allem zu Anfang Thema und wird zwar bis zum Schluss erwähnt, rückt später aber leicht in den Hintergrund. Denn manche Dinge auf der Liste sind besser zu erleben, als zu notieren.

Mir persönlich schien die Erzählung gleichzeitig lang und zu kurz. Ich hätte noch länger weiterlesen können, aber manchmal sah ich auch auf die verbleibenden Seiten und dachte: Noch so viel vor mir. Das soll nicht bedeuten, dass es manchmal lang gezogen wurde. Die Geschichte hat durchaus Höhen und Tiefen, Schicksalsschläge und Überraschungen. Und doch plätschert sie so dahin wie ein ruhiger Bach und wir dürfen uns an sein Ufer setzen und den leichten Wellen zuschauen. Ein sehr angenehmer Schreibstil.

Schlussendlich hat mir besonders die Idee und Schlussaussage dieses Romans gefallen: Man braucht weniger als man denkt, um glücklich zu sein. Und wahres Glück hat meist nichts mit materiellem Besitz zu tun. Lucy Dillon zeigt dies mit einer zauberhaften Geschichte, die authentisch aus dem Leben gegriffen ist.





4,5 von 5 Lese-Echsen




Lucy Dillon, geboren 1974, lebt in einem renovierungsbedürftigen Bauernhaus in einem Dorf in der Nähe von Hereford. Ihre Romane schreibt sie zwischen Spaziergängen mit ihren Vierbeinern und den Versuchen, den Bauarbeitern nicht in die Quere zu kommen. 

Mit ihren Romanen gewann sie 2010 den Romantic Novel of the Year Award und 2015 den RoNa Award for Best Contemporary Romantic Novel.




Mehr auf: Lucy Dillon

23. September 2015

Waldtraut Lewin - Columbus




Autorin: Waldtraut Lewin
Titel: Columbus


Verlag: cbt
ISBN: 978-3-570-30320-7
Erschienen: 2006
Seiten: 282








Wer war Columbus wirklich?

Christoph Columbus? Der grosse Entdecker Amerikas! Doch jenseits seiner Reisen gibt es wenige gesicherte Erkenntnisse über den grossen Seefahrer, denn kaum einer war verschwiegener als er. Waldtraut Lewin hat dem Menschen Columbus nachgespürt und sein Leben - und seine grosse Liebe zu der Hofdame Beatrix de Bobadilla - in einer dokumentarisch-fiktiven Montagetechnik wie ein Puzzle zusammengesetzt.

Eine abenteuerliche Schnitzeljagd auf den Spuren einer noch weitgehend unentdeckten Persönlichkeit.





Dokumentarisch: Gut recherchiert, aber nichts Besonderes. 
Fiktiv: Leider nicht mein Geschmack.

Als Liebhaber von Kolumbus-Geschichten, ob dokumentarisch oder fiktiv, musste dieses Taschenbuch bei einem Mängelexemplartisch einfach mit. Gelesen habe ich es dann auch, regelrecht verschlungen, aber leider nicht deshalb, weil es mich so sehr fesselte. Die Seiten sind mit einer sehr angenehmen Schriftgrösse bedruckt und der Schreibstil liest sich äussert flüssig.

Über die Geschichte um Kolumbus konnte mir dieser Roman aber nicht mehr verraten, als was ich schon in der Schule oder anderer Lektüre kannte. Die Frage nach seiner wahren Herkunft, die Vorbereitungen seiner Expedition (Kolumbus bzw. seine Ideen wurden als grössenwahnsinnig und sogar ketzerisch betrachtet), sein langes Warten bis er die spanischen Könige überzeugen konnte ihm die Expedition zu erlauben und finanzieren, die Reise ins Ungewisse, die gefundenen Inseln, die Rückkehr, Meuterei, Intrigen....das alles war mir in dieser oder anderer Form schon bekannt. Trotzdem lese ich Historik gerne in Romanform, weil ich es interessant finde, sich in die Persönlichkeit hineinversetzen oder zumindest begleiten zu können und nicht nur trockene Fakten präsentiert zu bekommen. Was die Autorin jedoch hier fiktiv gestaltet, erinnert mich eher an Fanfiction. Eine Historikerin, die sich schon lange gerne der Persönlichkeit Kolumbus widmet und ihn inzwischen als alten Bekannten betrachtet. Eine Frau, die meiner Meinung gerne historische Liebesromane (sorry, mir persönlich zu kitschig, aber das ist Geschmackssache) liest. Und so gestaltet sie die Erzählung um Kolumbus angeblich grosse Liebe des Lebens, wobei seine Entdeckung Amerikas zwar nicht in den Hintergrund tritt, aber doch "nur den Rahmen", die Kulisse, zu bilden scheint. 

Allgemein stiess mir die Leserführung auf. Geschmäcker sind bekanntlich unterschiedlich, aber mir persönlich gefiel die Gangart bei dieser Erzählung überhaupt nicht. Die Autorin scheint den Leser mit auf eine Schnitzeljagd zu nehmen, wie es auch auf dem Klappentext heisst. Anstatt es jedoch spannend zu machen und verschiedene Möglichkeiten zu entdecken, fühlte ich mich wie von einer Besserwisserin an der Hand genommen, die mir im Labyrinth zwar die einzelnen Wege zeigt, aber für mich bestimmt, welchen Weg wir gehen. Dieses explizite "diese Hypothese gibt es zwar, der schenke ich aber nicht viel Glauben, wir wählen also diese Fährte" Geplapper liess mich nicht in die eigentliche Geschichte abtauchen und schmälerte mein Lesevergnügen. 

Ein Dorn im Auge waren mir auch gewisse Diskurse - besonders zwischen Kolumbus und seiner liebsten Beatrix. Obwohl die Autorin immer wieder betont, dass wenig über seine Persönlichkeit und privates Leben bekannt ist, legt sie im Worte in den Mund, die zwar in einer fiktiven Geschichte durchaus legitim sind, die ich jedoch unnötig schmalzig, grossspurig oder mal aufgebauscht fand. 

Im Grossen und Ganzen liest sich die Erzählung gut und auch die zeitliche Übersicht am Schluss, die grössere Ereignisse mit Jahreszahlen chronologisch darstellt, ist positiv zu bewerten. Die Umsetzung des fiktiven Teils sowie die explizite (und ungefragte) Leserführung traf absolut nicht meinen Geschmack, weswegen ich leider etwas enttäuscht wurde.




2,5 von 5 Lese-Echsen




Waldtraut Lewin
Waldtraut Lewin, geboren 1937, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin und arbeitete als Opernübersetzerin, Dramaturgin und Regisseurin zunächst am Landestheater Halle und dann am Volkstheater Rostock. Seit 1978 lebt sie als freischaffende Autorin von Romanen, Hörspielen und Drehbüchern, für die sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt. In den letzten Jahren hat sie sich aufs Schreiben für Jugendliche spezialisiert.

Mehr auf: Waldtraut Lewin

18. September 2015

Anna Herzig - Er & Sie - Anatomie einer Liebe




Autorin: Anna Herzig
Titel: Er & Sie - Anatomie einer Liebe


Verlag: Forever Ullstein
ISBN: 978-3-9581-8051-2
Erschienen: 2015
Seiten: 224






ER ist ein erfolgreicher, ungarischer Schriftsteller, gelangweilt vom Leben und der Liebe. SIE ist eine junge, rastlose Malerin auf der Suche nach Inspiration und einem Neuanfang. Etwas scheint sie zu verbinden, eine Anziehung, die sich nicht leugnen lässt. Die beiden gehen einander nicht mehr aus dem Kopf. Zwei Menschen, die Tür an Tür wohnen und auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben. Bis das Schicksal zuschlägt.





Ein etwas anderer Liebesroman, der sehr gefühlvoll ist, obwohl sich das Liebespaar sehr schwer damit tut, sich zu verlieben. Zwei toll gezeichnete Persönlichkeiten, eine unerwartete Wendung und eine Prise Erotik. Eine kurze Geschichte, schaut man auf die Seitenzahl, doch eine lange Geschichte, bedenkt man ihre Intensität.

Der Schreibstil der jungen Autorin ist äusserst poetisch. Dies kann den Lesefluss manchmal leicht hindern, weil es nicht unbedingt einer natürlichen Wortwahl gleicht. Es gibt aber auch viele Stellen, an denen diese Poesie einen wunderbaren Rhythmus erschafft, wie eine kleine Erzählmelodie, der man gerne bei einer Tasse Kaffee oder Tee zuhört. Ausserdem experimentierte die Autorin mit Textsorten und fügte der Geschichte zwei grössere Gedichte hinzu, die mir persönlich sehr gefielen.

Die Geschichte ist aus zweierlei Sicht geschrieben: von IHM und IHR, also Samuel und Helena. Der ungarische Schriftsteller und die talentierte Malerin sind Nachbarn. Doch das ist nicht die einzige Nähe, die die beiden verbindet. Ihre Erzählungen sind aufgeteilt in Tagebuchform, jeweils mit Datum und Zeit versehen. Diese mal längeren und kürzeren Abschnitte eignen sich hervorragend für die Lektüre unterwegs, da man nicht mittendrin aufhören muss, wenn man aus dem Bus oder Zug steigen muss. Gegen Ende kommt sogar noch eine weitere Geschichte hinzu!

Diese zweite Geschichte war für mich erst ein sehr harter Bruch und ich verstand nicht wirklich, weswegen die Autorin eine scheinbar zusammenhanglose Erzählung integrierte. Ausserdem kamen viele neue Namen hinzu, die man erst einmal mit den neu vorgestellten Persönlichkeiten verbinden muss. Im Verlauf der Geschichte tauchen allerdings Details auf, erst kaum bemerkt, dann immer offensichtlicher, bis die Autorin die beiden Geschichten explizit miteinander verwebt. Das war eine Überraschung und gab dem Ganzen einen komplett unerwarteten Hintergrund.

Leider haben sich im zweiten Buch der Autorin, wie es mir scheint, mehr Tippfehler und kleine „Wort-Verdreher“ eingeschlichen. Das ist meist nicht weiter schlimm, doch wenn sie sich häufen, finde ich es doch schade. Allgemein im Vergleich hat mir ihr erster Roman „Zeit für die Liebe“ besser gefallen, weil er mich irgendwie mehr mitreissen konnte.


Dennoch möchte ich mich ganz herzlich bei der Autorin bedanken, dass sie mir ihren Roman zur Verfügung stellte und meine Meinung erfahren möchte. Beide Liebesgeschichten haben mich sehr gut unterhalten und ihr Schreibstil finde ich sehr lyrisch und schön und hoffe, dass sie ihn behält, weil er sich von der grossen Masse abhebt.





4 von 5 Lese-Echsen







Anna Herzig wurde 1987 als Tochter eines Ägypters und einer Kanadierin in Wien geboren. Ihre Begeisterung für Literatur zeigte sich sehr früh. Nach unzähligen gelesenen Büchern beschloss sie bereits im Alter von 14 Jahren, ein eigenes Buch zu schreiben. 2005 erschien ihr erster Roman, der Thriller "Der Tod kann warten". Die junge Österreicherin nahm daraufhin unter anderem an der Kriminacht in Wien teil. SEit 2007 widmet sie sich einem neuen Genre, der Liebesgeschichte. Im Sommer 2013 schloss sie "Zeit für die Liebe" ab. Die Autorin lebt in Wien und arbeitet im Recruiting-Bereich.