26. Juli 2015

Livraria Bertrand - die älteste Buchhandlung der Welt

Liebe Leser und Leserinnen,

ruhig ist es auf meinem Blog geworden. Das tut mir Leid, aber dafür gibt es eine simple Erklärung: Ich bin momentan in Portugal, habe somit nur wenige Bücher mit mir aus Platz- und Gewichtgründen und bin ehrlich gesagt auch in einer kleinen Leseflaute. Ich lese zwar noch regelmässig, aber langsamer. Ich bin viel unterwegs und schreibe etwas mehr auf meinem anderen Blog über diese Reisen und meinen momentanen Alltag in der Algarve.

Einen Reisebeitrag habe ich allerdings auch für meinen Bücherblog. In Lissabon besuchte ich nämlich die älteste Buchhandlung der Welt: die Livraria Bertrand. Sie ist seit 1732 geöffnet und überlebte Revolutionen und Finanz- und Wirtschaftskrisen. Beim grossen Erdbeben 1755 wurde sie allerdings zerstört, doch schliesslich an der heutigen Adresse (Rua Garrett 73) wieder eröffnet. Sie liegt im Stadtviertel Chiado in der portugiesischen Hauptstadt, gleich in der Nachbarschaft des bekannten Cafés A Brasileira, vor dem eine Bronzestatue von Fernando Pessoa (portugiesischer Dichter und Schriftsteller) am Tisch sitzt. Auch andere grosse Namen der Literatur verkehrten dort, in diesem Stadtviertel überhaupt und in ebendieser Buchhandlung. 1909 wurde die Buchhandlung durch die Anschaffung von Druckmaschinen auch zur Druckerei. Als älteste noch noch bestehende Buchhandlung wurde die Livraria Bertrand im März 2011 erklärt und hat eine Platz im Guiness-Buch der Rekorde. Eröffnet wurde die Buchhandlung vor über 250 Jahren von Franzosen Paulo Faure. Auch zwei seiner Töchter heirateten Franzosen, die sich in Lissabon niederliesen: Madalena heiratete João José Bertrand, der zusammen mit seinem Bruder Martinho Bertrand (verheiratet mit Catherina) nach dem Tod von Faure zum Teilhaber und Namensgeber der Buchhandlung wurde (damals noch Irmãos-Bertrand, also Bertrand-Brüder). Heute leitet die Buchhandlung der Círculo de Leitores (einziger Bücherclub Portugals und Verlag).

Wenn man die Buchhandlung betritt, merkt man sogleich, dass es ein alter Ort voller Bücher ist. Die Holzregale sehen wuchtig und alles andere als modern aus, allerdings sehr gepflegt und geben dem Besucher dieses "In-der-Buchhandlung-Zuhause-Gefühl". In den Regalen stehen neue wie auch alte Werke, wobei die Abteilungen in mehreren Räumen aufgeteilt wurden. Der Boden hebt sich an einigen Stellen und bildet Blasen, was ebenfalls auf die alte Bauweise hindeutet. Die Uhr im Eingangsraum und die Torbögen von Raum zu Raum gefallen mir besonders. An der Wand im ersten Raumdurchgang erinnert ein gerahmter Text und ein Bild an die Brüder Bertrand.

Von aussen ist die Buchhandlung relativ unscheinbar, nichts scheint auf ihr Alter und ihre Wichtigkeit hinzuweisen, sie sieht einfach aus wie eine normale, etwas ältere Buchhandlung. Die Mauern mit den typischen portugiesischen Kacheln verziert, die Tür mit Holzrahmen und im Schaufenster die aktuelle Auslage.

Fernando Pessoa (1888-1935) ist noch heute einer der bekanntesten Poeten, Philosophen und Schriftsteller Portugals. Auch ich besitze ein Gedichtband mit seinen schönsten Texten, die in unzählige Sprachen übersetzt wurden. Die meisten Fotos wie auch heutige Abbildungen zeigen ihn mit Hut und Brille, die zu seinem Markenzeichen wurden.

Nach dem Tod seines Vaters heiratete seine Mutter nach Südafrika, wo Pessoa einen Grossteil seiner Jugend verbrachte, bevor er wieder nach Lissabon zurückkehrte und Literaturwissenschaft studierte. Er verwendete diverste Decknamen, u.a. Alberto Caeiro, Alvaro de Campos und Ricardo Reis, für die er ganze Biographien und Charakterzüge erstellte. Vieler seiner Dichtungen schrieb er anfangs in Englisch, später auch in Portugiesisch. Seine Werke erlangten erst nach seinem Tod Berühmtheit und sind bis heute noch nicht alle veröffentlicht, obwohl er schon zu Lebzeiten Diverses veröffentlichte und mit einem anderen Dichter die Zeitschrift Orpheu gründete. Er befasste sich auch mit politischen Themen, war dem Alkohol sehr zugeneigt und rauchte viel. Schliesslich starb er an einer Leberzirrhose. Seinen letzten Satz schrieb er auf Englisch: I know not what tomorrow will bring - Ich weiss nicht, was der morgige Tag bringen wird.

Er (sowie seine anderen Persönlichkeiten Caeiro, Campos und Reis) gelten als Nationalgut und Literaturvater Portugals. Heute sind unzählige Denkmäler erbaut, Bücher über sein Werk und sein Leben erschienen und eine Universität in Porto gegründet worden.


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