15. September 2015

Rachel Joyce - Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry




Autorin: Rachel Joyce
Titel: Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry


Verlag: Fischer 
ISBN: 978-3-8105-2198-9
Erschienen: 2014
Seiten: 397







Wer ist die Frau, zu der Harold Fry 1000 Kilometer läuft?


Als Queenie Hennessy erfährt, dass ihr früherer Kollege Harold Fry auf ihren Abschiedsbrief hin durch ganz England zu ihr ins Hospiz läuft, reagiert sie schockiert: Er bittet sie, auf ihn zu warten. Aber wie soll sie denn warten? Sie ist schliesslich todkrank. Doch dann beginnt Queenie, einen weiteren Brief an Harold Fry zu schreiben. Während er auf seiner Wanderung ist, wird sie ihm ihre Geschichte erzählen. Und die Wahrheit, die er nicht kennt.




Eine berührende, tiefgehende und traurig-schöne Geschichte, um die andere Sicht dieser Pilgerreise und das Leben von Queenie Hennessy kennen zu lernen. Tatsächlich verband sie nicht nur eine kurzweilige Freundschaft und eine Zeit als Arbeitskollegen, sondern beide hingen ihr Leben lang den Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit nach. Beide fühlen sich dem anderen etwas schuldig, möchten endlich die Wahrheit erzählen, die sie so lange in sich tragen und die sie innerlich zu erdrücken scheint. Harold Fry ist losgelaufen... und Queenie Hennessy hat ein letztes Mal zum Stift gegriffen.

Der Schreibstil der Autorin ist wie ein Sog. Mit wenig Kitsch und sorgfältiger Wortwahl schafft sie es, unglaublich gefühlsgewaltige Situationen zu schaffen, egal ob Trauer, Freude, Wut oder Sehnsucht. Sie schreibt aus der Sicht von Queenie Hennessy, wie sie ihre Tage im Hospiz wahrnimmt und welche Gedanken sie beschäftigen. Unterbrochen wird die Geschichte im Heute von Erinnerungen aus Damals, die Geschichte von Harold und Queenie aus ihrer Sicht, Verknüpfungen, von denen Harold und auch wir Leser im ersten Buch noch wenig ahnten, Begegnungen, die sie wieder auferstehen lässt. Der nie abgeschickte Liebesbrief ist nicht nur ein Liebesbrief, sondern eine Lebensgeschichte, ein Gelübde und irgendwie erreicht ihn Harold doch.

Leider habe ich die Bücher in zu grossen Abständen gelesen. Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry begeisterte mich 2012 so sehr, dass ich das Geheimnis der Queenie Hennessy kaum erwarten konnte. Während der Lektüre musste ich jedoch feststellen, dass ich viele Kleinigkeiten nicht mehr präsent hatte, vergessen oder nur schemenhaft in Erinnerung. Ich fand es schade, weil ich so die Bedeutung von Schlüsselmomenten und essentiellen Vergangenheitsstücke zwar spürte, mir aber immer ein kleines Etwas zu fehlen schien. So las ich nach diesem Roman auch nochmals das Ende des ersten Buches, um den Schlussakt aus beiden Seiten betrachten zu können. Denn nur mit dem Blick von Harold, aber auch dem Blick von Queenie ist das Ende - in beiden Büchern - so bedeutungsvoll und schön, obwohl es traurig ist.

Ganz allgemein ist das zweite Buch stiller, trauriger und eindeutig von einer Person, die vor ihrem Tod sich an ein ganzes Leben erinnert und abschliessen möchte. Dieser triste Nebel zieht sich ganz fein durch den ganzen Roman und schafft somit eine Atmosphäre der Nachdenklichkeit. Trotzdem glitzern Hoffnung, Liebe und Freude wie verlorene Perlen auf, die gerade deswegen umso mehr glänzen. Wieder zeichnet die Autorin liebevolle Persönlichkeiten: Die Nonnen des Hospiz, die sich um Queenie sorgen, Mitbewohner und andere Patienten, die zu Queenies engsten Freunden werden, David, der Sohn von Harold und auch Maureen, seine Frau, kommen wieder vor...

Zwei Schätze im Bücherregal, die meiner Meinung so nahe wie möglich nacheinander gelesen werden sollten, um sich gegenseitig zu vervollständigen!




4,5 von 5 Lese-Echsen





Rachel Joyce hat über 20 Original-Hörspiele für die BBC verfasst und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Daneben hat sie Stoffe fürs Fernsehen bearbeitet und auch selbst als Schauspielerin für Theater und Film gearbeitet. 
Dies ist ihr erster Roman, der in über 30 Sprachen auf der ganzen Welt gelesen wird.
Sie lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Cloucestershire auf dem Land.

Mehr auf: Rachel Joyce - Harold Fry



Rezension zu Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

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