31. Oktober 2015

John Boyne - Haus der Geister





Autor: John Boyne
Titel: Haus der Geister


Verlag: Piper
ISBN: 978-3--492-06004-2
Erschienen: 2014
Seiten: 333





Eine unheimlich gute Geistergeschichte

Als Eliza Caine nachts am nebligen Bahnhof von Norwich ankommt und wenig später müde und durchgefroren die Empfangshalle von Gaudlin Hall betritt, wird sie von Isabella und Eustace Westerley begrüsst - den beiden Kindern, die von nun an unter ihrer Obhut stehen werden. Zu Elizas Verwunderung leben die beiden offenbar allein in dem alten englischen Anwesen. Von den Eltern und anderen Angestellten fehlt jede Spur. Auch die Gouvernante, die bisher auf die Geschwister aufgepasst hat, ist fluchtartig abgereist. Da Eliza die beiden Kinder aber unmöglich einfach ihrem Schicksal überlassen kann, bleibt sie in Gaudlin Hall und beschliesst, gleicht am nächsten Tag für etwas Ordnung zu sorgen. Als sie endlich allein in ihrem Zimmer ist und sich über die seltsamen Umstände ihrer neuen Anstellung wundert, fühlt sie sich plötzlich von jemanden beobachtet - oder von etwas - und schnell wird ihr klar, dass sie mit den beiden Kindern doch nicht allein ist...



Irgendwie haben es mir Geistergeschichten angetan und diese hat mich nicht enttäuscht. Trotz einiger kleiner Klischees, bietet die Geschichte vorhersehbare, aber auch viele unvorhersehbare Vorkommnisse, Gruselmomente und ziemlich üble Taten, die dazu führten, wie es eben heute ist. 

Der Schreibstil hat mich ziemlich schnell in die Erzählung gesogen. Die Geschichte wird von einer Erzählerstimme aus Sicht von Eliza widergegeben und ganz allgemein entstand bei mir der Eindruck, an einem Kaminfeuer mit einer Tasse Tee zu sitzen und einem älteren britischen Onkel bei einer alten Familiengeschichte oder einem Schauermärchen zuzuhören. Die Lektüre dieses Buch ist für sehr zartbeseitete Leser vielleicht weniger für die Nacht empfehlenswert, doch auch ich gehöre nicht zu den härtesten Horrorfans und kenne eindeutig grausamere Bücher. Ich würde es somit ins Mittelfeld klassifizieren: Etwas Blut, ein wenig Horror und als Film oder im wahren Leben durchaus hässliche Szenen, aber für richtige Gruselfans nicht wirklich etwas, das zu Albträumen führt. 

Die Figuren wurden dem Zeitalter (England, 1867) entsprechend entworfen und so fand ich manches Benehmen von Eliza und anderen Damen ziemlich weltfremd und (entschuldigt) dämlich, allerdings damals gewöhnlich. Als der Dorfpfarrer und allgemein die Männer die Welt verstanden und leiteten, die Frauen hingegen für Kochherd und Kinder sorgten, war Eliza für ihr Alter schon eine alte Jungfer und wurde einfach als verrückt erklärt, als sie beginnt, von einem Geist zu sprechen. Sie wurde mir aber im Verlauf der Geschichte immer sympathischer, umso verrückter sie galt. Die Kinder hingegen, Isabella und Eustace, waren mir bis zum Schluss komisch. Natürlich haben die Kinder viel durchmachen müssen und haben unterschiedliche Strategien, damit umzugehen. Eustace wird zum kleinen verschlossenen, verängstigten Jungen. Isabella legt ein durchaus unverständlicheres Verhalten an den Tag, was jedoch sicher zu dem ganzen Spuk gehört. 

Einiges sind historische Fakten, andere sind Klischees jeder guten englischen Geistergeschichte für jenes Jahrhundert und wieder anderes ist wohl dem Autor und seiner Fantasie zuzuschreiben. So wird Charles Dickens und Plätze in London genannt, die es tatsächlich gibt bzw. gab. Vorhänge werden klischeehaft und ohne Luftzug bewegt, Eliza spürt kalte Finger nach ihr greifen und das ganze spielt in einem alten Herrenhaus, das Schauplatz einer Tragödie wurde. Die Vielfalt und Reihenfolge der Geschehnisse sind jedoch dem Autor anzurechnen und höchst unterhaltsam. Auch wenn sich kleinste Fehler eingeschlichen haben (Eliza ist einmal 21-jährig, dann plötzlich 22-jährig, obwohl nur wenig Zeit verging). Hinzu kommt, dass der Anfang ziemlich viel Aufbau war und somit langatmiger wirkt als der Rest der Geschichte. So stiftet der Autor die ersten 100 Seiten erst Verwirrung, stellt Figuren vor und kreiert Schauplätze. Und dann gewinnt die Erzählung plötzlich an Fahrtwind. Die unerklärlichen Ereignisse in Gaudlin Hall häufen sich, Eliza kommt auf die Spur des Geistes, Schauergeschichten aus der Vergangenheit kommen ins Spiel und verknüpfen die Schicksale der verschiedenen Figuren.

Unter dem Strich eine empfehlenswerte Geistergeschichte. Nicht die beste, aber sicherlich einer meiner liebsten und nicht das letzte Buch von John Boyne, das ich lesen muss.



4,5 von 5 Lese-Echsen




John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman "Der Junge im gestreiften Pyjama", der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als "ein kleines Wunder" (The Guardian) gefeiert wurde. 
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12. Oktober 2015

Lucy Dillon - Das kleine grosse Glück




Autorin: Lucy Dillon
Titel: Das kleine grosse Glück



Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-48217-7
Erschienen: 2014
Seiten: 542



Briefe von dem einzigen Mann, den sie je wirklich geliebt hat...
Ein Andenken an den Vater, den sie nie richtig kennenlernen durfte...
Oder einfach eine wunderschöne Vase, deren Glas das Licht einfängt, selbst an einem grauen Tag...

Wenn du noch einmal ganz neu anfangen könntest - welche 100 Dinge würdest du aus deinem alten Leben mitnehmen?

Nach ein paar schwierigen Jahren fängt die 33-jährige Gina Bellamy noch einmal ganz von vorne an - und stellt dabei fest, dass all die Habseligkeiten, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, gar nicht mehr so recht zu ihr passen wollen. Gina fasst einen Entschluss: Sie behält nur die 100 Dinge, die ihr am wichtigsten sind. Der Rest wird verschenkt oder verkauft. Doch während sie ihr Leben aufräumt, muss Gina sich nicht nur ihrer Vergangenheit stellen - sie erlebt auch eine Zeit voller Überraschungen und Liebe und erkennt, was wirklich wichtig ist.



Ein gefühlvoller Roman, ein Pageturner und eine tolle Idee. Trotz einiger kleiner Klischees und teils absehbarem Ende, sind viele Überraschungen, gelungene Diskurse und wunderbare Beschreibungen in diesem Buch enthalten, das ich sehr genossen habe zu lesen.

Der Schreibstil ist fliessend, abwechslungsreich und manchmal etwas schnulzig, aber das gehört eben in eine emotionale Geschichte. Denn Gina wagt einen Neustart, möchte ihr Glück finden und sich selbst besser verstehen. Die Vergangenheit kann sie deswegen nicht einfach vergessen, sondern muss sie verarbeiten und das kostet Kraft, Zeit und Aussprachen - und eine gute Freundin wie Naomi. Die Figuren waren mir alle sympathisch und wurden mit Stärken und Schwächen gezeichnet. Besonders ins Herz geschlossen habe ich die vierbeinigen Freunde.

Die Geschichte wird aus Ginas Sicht erzählt, wobei sie meist im Heute handelt, jedoch durch Rückblicke in die Vergangenheit ergänzt wird. Jedes Kapitel nennt zudem einen Gegenstand der 100-Dinge-Liste, der mit einer Erinnerung zusammen hängt. Entgegen der Erwartung sind es allerdings nicht 100 Kapitel. Viele Punkte der Liste werden im Verlauf der Geschichte genannt. Diese Liste ist vor allem zu Anfang Thema und wird zwar bis zum Schluss erwähnt, rückt später aber leicht in den Hintergrund. Denn manche Dinge auf der Liste sind besser zu erleben, als zu notieren.

Mir persönlich schien die Erzählung gleichzeitig lang und zu kurz. Ich hätte noch länger weiterlesen können, aber manchmal sah ich auch auf die verbleibenden Seiten und dachte: Noch so viel vor mir. Das soll nicht bedeuten, dass es manchmal lang gezogen wurde. Die Geschichte hat durchaus Höhen und Tiefen, Schicksalsschläge und Überraschungen. Und doch plätschert sie so dahin wie ein ruhiger Bach und wir dürfen uns an sein Ufer setzen und den leichten Wellen zuschauen. Ein sehr angenehmer Schreibstil.

Schlussendlich hat mir besonders die Idee und Schlussaussage dieses Romans gefallen: Man braucht weniger als man denkt, um glücklich zu sein. Und wahres Glück hat meist nichts mit materiellem Besitz zu tun. Lucy Dillon zeigt dies mit einer zauberhaften Geschichte, die authentisch aus dem Leben gegriffen ist.





4,5 von 5 Lese-Echsen




Lucy Dillon, geboren 1974, lebt in einem renovierungsbedürftigen Bauernhaus in einem Dorf in der Nähe von Hereford. Ihre Romane schreibt sie zwischen Spaziergängen mit ihren Vierbeinern und den Versuchen, den Bauarbeitern nicht in die Quere zu kommen. 

Mit ihren Romanen gewann sie 2010 den Romantic Novel of the Year Award und 2015 den RoNa Award for Best Contemporary Romantic Novel.




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