24. November 2015

Michelle Richmond - Im blauen Licht der Nacht




Autorin: Michelle Richmond
Titel: Im blauen Licht der Nacht


Verlag: Diana Verlag
ISBN: 978-3-453-35697-9
Erschienen: 2013
Seiten: 334



Viele Jahre nach dem Tod ihrer Jugendfreundin unternimmt Jenny in China eine Schiffsreise, um Amanda Ruths Asche im Jangtse-Fluss zu verstreuen. Begleitet wird Jenny von ihrem Ehemann Dave. Es ist ein letzter Versuch, die Ehe der beiden zu retten, der schnell fehlschlägt. Dave fängt bald eine Affäre mit einer jungen attraktiven Frau an, und als Jenny eines Abends an Deck den Australier Graham näher kennenlernt, vertraut sie sich ihm an. Bis heute meint Jenny, Schuld zu sein am gewaltsamen Tod der Freundin, denn die Wahrheit über die heimliche Liebesbeziehung der beiden Mädchen schockierte damals deren Familien zutiefst. Erst mit Grahams Hilfe findet Jenny die Kraft, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch auch Graham ist auf Jennys Freundschaft und Beistand angewiesen.





Eine schöne Chinareise, die wunderbar beschrieben ist, ein Beziehungs-Hin-und-Her, das leider etwas sehr in den Vordergrund drückte und ein Todesfall, der schon lange zurückliegt, aber immer noch Auswirkungen in die Zukunft hat. Eine Mischung, die mich gut unterhalten hat, aber doch nicht vom Hocker reissen konnte.

Die Geschichte wird aus Jennys Sicht erzählt, ihre Erfahrungen und Gefühle auf der Schifffahrt, ihren Umgang mit Dave, die Begenung mit Graham und ihren Blick auf China. Unterbrochen werden die Szenen von Erinnerungen, Rückblicke auf ihr Leben mit Amanda, bevor sie starb. Momente eines glücklichen Sommers, blaue Nächte und die Liebe zu ihrer Heimat. Jedoch auch Erinnerungen an die Hetzjagd nach Amandas Tod, die polizeilichen Befragungen und ihre Trauerverarbeitung. Das alles hat die Autorin sehr authentisch geschrieben, weswegen ich schon vermutete, dass die Autorin viel aus eigenen Erfahrungen schöpft. Mit Blick auf ihre Webseite bestätigt sich diese Vermutung, denn die Geschichte spielt in der Ortschaft, wo die Autorin aufwuchs. Und auch die Autorin reiste den Jangste-Fluss hinauf.

Diese Erfahrungen führen zu detaillierten, recherchierten und wunderbaren Beschreibungen der Landschaft, dem Fluss-Damm (ein Projekt der Regierung) und seine Auswirkungen auf das Volk, die Flora und Fauna sowie den Fluss selbst. Dabei spürt man auch deutlich die Meinung der Autorin zu diesem Projekt, die Rolle von westlichen Touristen und chinesischer Kultur und Fortschritt. Die Beschreibungen und Chinakenntnisse zeugen ausserdem von einer guten Beobachtungsgabe, wodurch sie es schafft, imposante Bilder im Kopf des Lesers entstehen zu lassen.

Die Beziehungen zwischen den Figuren rückte leider mehr in den Vordergrund als erwartet. Gerne hätte ich mehr über die Aufklärung von Amandas Tod erfahren, mehr darüber, wie es dazu kam. Einfach ein wenig mehr Krimiroman. Doch die Rückblicke sind nur kleine Ausschnitte, meist recht faktisch erzählt und wenig spannend. Die Erinnerungen an Amanda als sie noch lebte, sind sehr gefühlvoll beschrieben, weswegen ich die Lebhaftigkeit der Gefühle all der Jahre nach ihrem Tod stärker erwartet und erhofft hätte. Die Affäre von Dave und die Begegnung mit Graham waren zudem sehr voraussehbar und deswegen auch wenig spannend. Das Geheimnis von Graham wird früh aufgedeckt und nimmt ein bitteres Ende, obwohl dies auch früh voraussehbar war. Die Hauptperson Jenny überraschte mich am meisten, da sich das Bild, das ich erst von ihr machte, sich ganz anders entwickelt als erwartet.

Grundsätzlich zu loben sind also die Beschreibungen, China und die Authentizität der Geschehnisse. Bemängeln muss ich allerdings, das Fehlen von Spannung, die ich eigentlich bei einem "gewaltsamen Tod" erwartete und die für meinen Geschmack manchmal zu vielen Beziehungsdiskussionen.





3,5 von 5 Lese-Echsen




Michelle Richmond wuchs als zweite von drei Schwestern in Alabama auf, studierte in Miami und lebt heute mit ihrer Familien in San Francisco. Sie unterrichtete an verschiedenen Universitäten und ist Herausgeberin des San Francisco Journal of Books. Sie schrieb mehrere erfolgreiche Romane, darunter den New York Times-Bestseller Ein einziger Blick.

Mehr auf: Michelle Richmond

18. November 2015

Meike Winnemuth - Das grosse Los




Autorin: Meike Winnemuth
Titel: Das grosse Los


Verlag: Albrecht Knaus Verlag
ISBN: 978-3-442-74805-1
Erschienen: 2013
Seiten: 329




"Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr."

Sie wollte finanziell ein bisschen unabhängiger sein. Mehr dürfen, weniger müssen. Deshalb hat Meike Winnemuth überhaupt nur bei "Wer wird Millionär" mitgemacht. Zu ihrer Verblüffung räumt sie gross ab: 500'000 Euro. Und nun? Sie entscheidet sich, ein Jahr frei zu nehmen und um die Welt zu reisen. Wie ist es, wenn man das Leben führt, von dem alle träumen? Sie erzählt von einer unglaublichen Reise in 12 Städte auf allen Kontinenten: Sydney, Buenos Aires, Mumbai, Shanghai, Honolulu, San Francisco, London, Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba, Havanna. Und davon, dass man definitiv keine halbe Million braucht, um glücklich zu werden...




Meine neue Reisebibel, schnell schnell mit dir in mein Lieblingsbücher-Regal. Lange bin ich um das Buch geschlichen und endlich habe ich es gelesen. Auf was habe ich bloss so lange gewartet? Ich bin einfach komplett begeistert - von jeder Stadt, jedem Kapitel, jedem Satz...und traurig über den Schlusspunkt.

Die erste Seite: Eine Weltkarte zeigt ihre Stationen, alle Städte auf einen Blick mit zugehörigem Reisemonat und durch Linien verbunden. Zweite Seite: das Vorwort. Und schon bin ich mitten im Geschehen, in der Überraschung und Ungläubigkeit, die Meike Winnemuth nach dem Gewinn überfallen. Schon die erste Stadt, das erste Kapitel begeisterte mich und sog mich in das Buch. Jedes weitere Kapitel fütterte meine eigen Lust sofort die Koffer zu packen. Ich wäre absolut nicht traurig, wenn nochmals 12 Kapitel, 12 Destinationen, folgen würden. Nein, im Gegenteil, ich wäre hysterisch begeistert und wohl die erste, die in den Buchladen rennt.

Der Schreibstil sprüht von Humor und Wortgewandtheit. Es liest sich sehr flüssig (abgesehen von ausländischen Namen und einzelne Wörter in Fremdsprachen) und zauberte mir ein Grinsen ins Gesicht, Runzeln auf die Stirn, feuchte Augen und ein schneller schlagendes Herz. Abenteuer, Faulenzen, neue und alte Begegnungen, Neuentdeckungen, Aha-Erlebnisse, Reise-Frust und Existenzfragen bilden eine Kette voller bunter Perlen. Das Witzige dabei: Ich habe mich schon früher in diese Handschrift verliebt, als ich in einer Frauenzeitschrift eine Kolumne jeden Monat sehnsüchtig erwartet und gefeiert habe. Allerdings fand ich erst heute, als ich diese Rezension schreibe, überhaupt heraus, dass meine Lieblingskolumne wie auch dieses Buch aus der gleichen Feder stammen, dass ich schon Werke dieser Autorin kenne und liebe!
(Hier geht es zu ihren Artikeln: Kolumne "Leben für Fortgeschrittene")

Vervollständigt wird ihr Buch zudem von Fotos. Manchmal sind sie Schwarz-weiss am Textrand neben der betreffenden Geschichte "geklebt". In der Mitte und gegen Schluss gibt es jedoch auch mehrere bunte Seiten mit Farbbildern, die mit witzigen, interessanten und informativen Kommentaren versehen wurden. Bilder, von Personen und neuen Freunden. Bilder von Naturschauspielen und atemberaubenden Landschaften. Bilder von typischen Sehenswürdigkeiten und komische Entdeckungen.

Ihre 1-Jahr-Reise hielt Meike Winnemuth ausserdem in ihrem Blog (Vor mir die Welt) fest. Dort und auf Social Media gewann sie dank Kommentaren neue Freunde, Geheimtipps und kleine persönliche Aufträge. 

Dieses Buch kann ich nur jedem ans Herzen legen. Nicht nur Reisenden und Möchtegern-Reisenden, nicht nur Millionär-Gewinnern, nicht nur Journalistinnen wie sie...sondern allen: Alle, die gerne Koffer packen. Alle, die auch gerne nur gedanklich reisen. Alle, die sich Gedanken über ihr Leben, Gesellschaftskonventionen und das Glück-finden machen. Alle, die ihrem Alltag ein wenig entkommen wollen und vielleicht nicht die Zeit und das Geld für eine Reise haben. Meist braucht es weniger, als man denkt. Und dieses Buch sollte (und muss, meiner Meinung) sich jeder leisten können.




5+     von 5 Lese-Echsen





Meike Winnemuth, 1960 in Schleswig-Holstein geboren und in Hamburg und München lebend, ist freie Journalistin. Bei "Stern", "Geo Saison", "SZ Magain" und vielen anderen Zeitschriften sowie im Netz erschrieb sie sich eine grosse und begeisterte Anhängerschaft. Ihrem Reise-Blog "vor mir die Welt" folgten mehr als 200'000 Leser, er wurde für den Grimme Online-Award 2012 nominiert und bei den Lead Awards 2012 ausgezeichnet.

Mehr auf: Meike Winnemuth