26. März 2016

Margaret Forster - Ich glaube, ich fahre in die Highlands

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Autorin: Margaret Forster
Titel: Ich glaube, ich fahre in die Highlands


Verlag: Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-10867-1
Erschienen: 1989
Seiten: 391





Mrs. McKay, von ihrer Familie liebevoll Grandma genannt, ist alt im bittersten Sinn des Wortes. Sie ist keine rüstige Seniorin, die ihren Lebensabend bewusst zu gestalten vermag. Grandma leidet an Altersdemenz. Ein Leben lang hat sie für ihre Familie gesorgt, nun ist sie auf die Hilfe anderer angewiesen. Die tägliche Sorge um Grandma bleibt den Frauen überlassen: Bridget, der unverheirateten Tochter, der Schwiegertochter Jenny und der siebzehnjährigen Enkelin Hannah. Als plötzlich eine Pflegerin kündigt, eine andere wegläuft und Bridget in Urlaub ist, steht wieder zur Debatte, Grandma "wegzugeben", in ein Heim...




Ein trauriges Schicksal, ein trauriges Buch und trotzdem habe ich etwas mehr Heiterkeit erwartet, die kleine Freude an den kleinen Dingen und nicht diese langatmige Moralfrage, was man mit den alten Menschen tut, wenn sie nur noch zur Bürde werden.

Das Thema des Romans ist schwierig und in gewisser Hinsicht damals wie heute ein Tabu-Thema oder zumindest ein eher ungemütliches Gesprächsthema. Wie verhält man sich, wenn die Mutter an Altersdemenz erkrankt, ständige Betreuung braucht und nur noch unzusammenhängende Geschichten erzählt? Ist ein Heim mit ausgebildeten Betreuern und Krankenschwestern besser, wo die Mutter sicherlich professionnel versorgt wird, man sich aber moralische Vorwürfe macht, dass man sie einfach "abgeschoben" hat? Oder behält man sie daheim, in ihrer bekannten Umgebung mit viel Kontakt mit der Familie, die aber alle ihr Leben nach Mutters Bedürfnissen ausrichten müssen? Man stellt sich diese Frage während der Lektüre immer wieder selbst und ehrlich gesagt, habe ich noch immer keine Antwort darauf. Ich denke, diese Entscheidung ist sehr individuell und wird erst mit Überzeugung gefällt, wenn sie auch notwendig wird, wenn man mit einem spezifischen Fall betroffen ist und handeln muss. 

Mrs. McKay - Grandma - blieb lange zuhause, besonders und vor allem wegen Bridget, ihrer einzigen Tochter (neben zwei Söhnen, die sich mehr oder weniger aus der Verantwortung ziehen), die ihr Leben komplett ihrem Beruf als Krankenschwester und ihrer Mutter widmet. Sie macht ihren Brüdern, Charlie (der Mann von Jenny) und Stuart, auch ständig Vorwürfe, nicht genug für ihre Mutter zu tun, sie schwingt die Moralkeule und scheint durch das ganze Buch immer höchst besorgt, gestresst und kritisiert die Meinungen der anderen. Jenny, die Schwiegertochter, die sich ebenfalls viel um Grandma kümmert, ist eher die überbesorgte, überkorrekte und eifrige Pflegerin, die sich ständig zwischen den Fronten von Bridget und ihrem Mann Charlie sieht und nebenbei noch eine gute Mutter für Hannah sein möchte. Stuart zieht sich hingegen ganz zurück. Und Hannah ist mal Schlichterin, Helferin und Kriegsrat.

Die Geschichte wird aus zwei Sichten erzählt, abwechselnd von Jenny und Hannah. Das erstaunt mich insofern, da Bridget keine eigene Stimme hat, aber anscheinend den Löwenanteil der Geschichte um Grandma ausmacht. Witzig wäre auch die Sicht von Grandma gewesen, doch dies dürfte sich schwierig erweisen, da die alte Frau doch schon sehr schusselig war. Zu Anfang erheiterten ihre komischen Kommentare und unlogischen Argumente noch. Beschreibungen über Marotten oder ulkigen Reaktionen waren tragisch und unterhaltsam zugleich. Gegen Ende verliert es jedoch gänzlich den Witz und das nicht nur, weil es ein reales tragisches Schicksal ist. 

Der Schreibstil hat mir persönlich überhaupt nicht gefallen und wirkte sehr einschläfernd, da er fast durchgehend in indirekter Rede gestaltet wurde. Ich weiss nicht, wie oft ich "Bridget sagte darauf, Jenny solle..." und "Jenny antwortete Bridget darauf, dass Charlie sei doch..." und in diesem Stile weiter. Die Sätze wurden durch diese Formulierungen gestreckt, wodurch der ganze Roman irgendwann recht langatmig wurde. Die Autorin hat zwar eine sehr gute Beobachtungsgabe, legt Wert auf Details und kann sehr schön und authentisch die Situation, ja sogar die Atmosphäre beschreiben, doch zumindest anfangs tat ich mich etwas schwer, mich daran zu gewöhnen. Schliesslich wirkt die eigentlich liebevolle Erzählung wie eine langweilig hinuntergeleierte Vorlesung, was der Roman eigentlich nicht verdient hätte. 

Nach beendeter Lektüre liess mich das Buch sehr nachdenklich zurück, nicht unbedingt traurig, aber doch ziemlich verstimmt. Man macht sich Gedanken über den Tod, wie lange es dauert, wie es passiert und wie man dabei reagieren sollte - als Familienangehöriger oder wenn man selbst alt ist. Den Titel finde ich leicht irreführend, weil ich trotz Klappentext auf eine etwas leichtere Geschichte gehofft habe, mit der Reise in ein Heim in den Highlands...oder Ähnliches. Tatsächlich handelt der Roman aber nicht nur von Grandmas langsamen Abbau, sondern vor allem über die Uneinigkeiten, Moralfragen, Übervorderungen und Streitereien der Familie, wobei besonders Bridget gegen die Meinungen von ihren Brüdern und Jenny kämpft und die junge Hannah ihre Gedanken zu ordnen versucht, keine Partei ergreifen will, aber hauptsächlich um Grandma besorgt ist. Leider muss ich zugeben, dass mir keine einzige Figur in dem Roman sympathisch war und ich teilte mal die Meinung von Jenny, dann von Bridget, selten von Hannah und noch weniger von Charlie oder Stuart. Ich weiss nicht, wie ich in solch einer Situation reagieren würde und das Thema überhaupt anzusprechen, ist wichtig und sehr authentisch geschildert. Ich muss aber eingestehen, dass das Ende des Romans eine Erleichterung war.





3 von 5 Lese-Echsen






Margaret Forster, 1938 in Carlisle geboren, studierte in Oxford Geschichte und lebte in London und im Lake District. Sie war Lehrerin, Journalistin und Schriftstellerin und hat neben mehreren Romanen auch Biographien geschrieben. Sie hatte drei Kinder und erlag am 8. Februar 2016 in London dem Krebs.

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