5. Juni 2016

Lori Nelson Spielman - Morgen kommt ein neuer Himmel






Autorin: Lori Nelson Spielman
Titel: Morgen kommt ein neuer Himmel



Verlag: Krüger
ISBN: 978-3-8105-1330-4
Erschienen: 2014
Seiten: 363




Als Brett 14 Jahre alt war, hatte sie noch grosse Pläne für ihr Leben, festgehalten auf einer Liste mit Lebenszielen. Heute, mit 34 Jahren, ist die Liste vergessen und Brett mit dem zufrieden, was sie hat: einen Freund, einen Job, eine schicke Wohnung.

Doch als ihre Mutter Elizabeth stirbt, taucht die Liste wieder auf: Aus dem Mülleimer gefischt, hat ihre Mutter die Liste aufgehoben, und deren Erfüllung zur Bedingung dafür gemacht, dass Brett ihr Erbe erhält. Aber Brett ist nicht mehr das Mädchen von damals! Ein Pferd kaufen? Die grosse Liebe finden? Ein Baby bekommen? Was hat ihre Mutter sich bloss dabei gedacht?

Um Brett zu unterstützen, hat ihre Mutter ihr mehrere Briefe hinterlassen. Briefe mit so viel Liebe, Weisheit und Wärme, wie sie nur eine Mutter geben kann. Briefe, die Brett dazu aufrufen, etwas zu riskieren, ihre Träume nicht aufzugeben und ihr Leben in die Hand zu nehmen - kann Elisabeth ihrer Tochter dabei helfen, sich selbst wiederzufinden?



Eine Liste mit 20 Lebenszielen, wovon noch 10 zu erfüllen bleiben, damit Brett ihr Erbe bekommt. Eine Frau, die scheinbar ein schickes Leben führt und ihren Erfolg auf Oberflächlichkeiten reduziert, was sich allerdings mit der 180 Grad-Drehung, was die Liste bewirkt, auf den Kopf gestellt wird. Brett soll sich wiederfinden. Aber hat sie das wirklich?

Ich hatte grosse Erwartungen in das Buch, von dem ich schon viel Gutes gehört habe. Ein toller Erstlingsroman soll es sein, eine berührende Geschichte über die wahren Werte im Leben. Und das traf auch zu, wenn auch zu übertrieben für meinen Geschmack. Der Einstieg war vielversprechend und Brett war eine dynamische Hauptfigur, die mich sofort in ihre Geschichte ziehen konnte. Der Schreibstil ist manchmal sehr blumig und ausgeschmückt, aber liest sich sehr fliessend. Ich gewann Mitgefühl für Brett, sah sie ebenfalls als "Opfer" der Bedingungen, die ihre Mutter mittels der Liste ihr stellte, um das Erbe zu erhalten und so schien es zu Beginn auch alles sehr schwierig zu werden für Brett, ja geradezu unfair! Doch dann lässt sie sich darauf ein, macht erste Fortschritte und kann erste Ziele erreichen, wofür sie die ersten Briefe für die ersten Punkte der Liste erhält. In diesen schreibt ihre Mutter ganz liebe Worte, scheint hellseherische Fähigkeiten oder einfach eine gute Intuition zu haben und ermuntert Brett, weiter an der Liste zu arbeiten. Im Verlauf des Buches wird diese Liste aber eine To-Do-Liste, die Brett beinahe kopflos befolgt und das Erbe nicht mehr wichtig ist. Sie verwandelt sich von einer noblen, erfolgreichen, mit Gucci-Tasche und Jimmy-Choe-Schuhen bewaffnete Frau aus dem reicheren Viertel zu einer geläuterten "man-kann-von-Luft-und-Liebe-leben"-Powerfrau, die im Armenviertel die Lehrerin gibt, Nächstenliebe predigt und plötzlich ihren Mahagoni-Tisch verschenkt. Gleichzeitig fliegen ihr gerade 3 Männerherzen entgegen - bzw. das glaubt sie zumindest - und dann gleich von einem Arzt, einem Anwalt und dem perfekten Snob, der den edlen Ritter mit weissem Pferd in den Schatten stellen würde. Gerade als sie den Punkt "sich in den Richtigen verlieben" auf ihrer Liste erfüllen sollte? Wie praktisch! Und wie unglaubwürdig...

Die Grundidee konnte mich sofort fesseln, auch die Umsetzung zeugt von viel Fantasie, denn jedes Ziel der Liste ist wieder mit einer neuen Geschichte aus der Vergangenheit verknüpft. So kommen neue Personen ins Spiel, viele Überraschungen und diverse Wendungen. Während der Lektüre bekam ich allerdings ein Gespür für diese Überraschungen und Wendungen wurden voraussehbar, einfach weil sie immer passierten und zum Muster wurden. Das finde ich sehr schade, denn die Geschichte zeigt sehr viel Potential und müsste nicht künstlich so aufgebauscht werden. Gegen Schluss verkommt es aber immer mehr einer kitschigen Schnulze, das Happy End ist so absehbar, dass ich hier nicht spoilere, wenn ich sage: Natürlich findet sie ihren Traumprinzen und alles wird gut! Die Schluss-Szene würde in Hollywood jeden dramatikliebenden Regisseur freuen, falls der Roman verfilmt werden soll. Innige Küsse, ewige Liebe, Familie und Freunde um einen Tisch... das ganze Feuerwerk der Gefühle, die das perfekte ach so tolle Schlussbild des Lebens zeigt. Es freut mich für Brett und für alle Leser, die so etwas mögen. Aber mir persönlich war es einfach zu viel Zuckerwatte und zu absehbar. 

Einige Reaktionen von Brett, aber auch von anderen Charakteren, konnte ich teilweise überhaupt nicht verstehen. Entweder, weil sie masslos übertrieben waren (erst ist sie die starke Frau, die alles im Griff hat, im nächsten Moment nach einem einzigen Kommentar von einer anderen Person, mutiert sie zum verwöhnten dummen Opfermädchen, das Krokodilstränen heult) oder zu schnell wechselten (erst ist er der verständnisvollste Typ der Welt, ein Goldschatz ohne Vergleich und dann wird er im nächsten Moment das absolute No-Go für Brett, wegen einer einzigen Aussage seinerseits oder weil ich der perfekte Prinz von einer Zeile auf die nächste nicht mehr gefällt). Auch hat die Autorin etwas zu gut gemeint mit dem lieben Zufall, sodass einfach zu viele Puzzleteile ineinander schliessen. Das wirkt leider nicht authentisch, sondern eher als würde plötzlich das ganze Universum Brett helfen, ihre Liste abzuarbeiten und alle Figuren mutieren zu Zombies, die nur in die Geschichte kommen, um ihr dabei zu helfen. Zu viele Dinge fliegen ihr zu, zu viele Entdeckungen oder Treffen passen zu perfekt, zu viele Ereignisse geschehen viel zu schnell und reibungslos. Sie muss ausziehen? Schwupps, findet sie eine Wohnung, die super schnuckelig, aber bezahlbar ist. Sie soll ein Baby bekommen? Schwupps entdeckt sie, dass sie schwanger ist und trifft kurz später eine Schwangere. Sie soll für immer die Freundin von Carrie sein, obwohl sie sich seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr hatten nach einem schweren Verrat? Schwupps, Facebook-Anfrage und die beiden lieben sich, als wäre nichts gewesen. Die einzelnen Geschichten sind super geschrieben, sehr unterhaltsam und vielfältig. Doch leider habe ich den Eindruck, dass die Autorin sich immer gerade auf einen Punkt der Liste konzentrierte und die restlichen dann links liegen liess. Brett beschafft sich einen Hund, der die Hauptrolle in einem Kapitel gewinnt. Dann kommt das Baby und schwupps, ist der Hund wieder vergessen? Oder sitzt der alleine daheim und heult dem erledigten Punkt auf der Liste nach?

Unterm Strich habe ich den Roman sehr genossen, musste mal schmunzeln und war mal betrübt. Viele tolle Ideen kamen hier zusammen und bilden ein unterhaltsames Ensemble von Teilgeschichten. Die Entwicklung von Brett und der Liste, sowie teilweise dem Schreibstil (bzw. der Wortwahl) wurde mir gegen Ende jedoch zu rosarot, zu perfekt, um glaubwürdig zu bleiben. Ein glücklicher, aber kitschiger Schluss, der mir nicht ganz alle Fragen beantwortete, aber zu einem Roman passt, den ich sicherlich empfehlen kann. 




4,5 von 5 Lese-Echsen




Als Lori Nelson Spielman in einer kleinen, alten Zedernholzschachtel aus ihrer Schulzeit eine längst in Vergessenheit geratene Liste mit ihren Lebenszielen fand, hielt sie die Idee für diesen wunderbaren Roman in den Händen. Wie anders ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie all diese (ehrgeizigen, trivialen, ehrenhaften, unmöglichen oder auch peinlichen) Ziele erreicht hätte? Wäre es besser, schlechter oder nur anders geworden?

Die Autorin lebt mit ihrem Mann in East Lansing, Michigan. Sie leibt es zu reisen, zu lesen und zu schreiben - ihre wahre Leidenschaft. Derzeit arbeitet sie als Hauslehrerin - eines der Ziele ihrer Liste, das sie bisher erreicht hat...


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