8. Juli 2016

Diana Evans - Als würde ich fliegen





Autorin: Diana Evans
Titel: Als würde ich fliegen


Verlag: btb
ISBN: 978-3-44-74310-0
Erschienen: 2012
Seiten: 384



Lucas lebt in London auf einem Boot auf dem Grand Union Kanal neben dem Friedhof Kensal Green, wo seine Mutter begraben liegt, die starb, als er noch ein kleines Kind war. Seine ältere Schwester wohnt mit ihm auf dem Boot, aber sie ist ein bisschen lebenstüchtiger als er. Während Denise einen Blumenstand auf der Portobello Road hat, lässt sich Lucas, mittlerweile 25, treiben als unbezahlter Praktikant eines lokalen Musik-Magazins. Von seinem Vater, dem Tänzer und Choreograf Antoney Matheus, weiss er nur, dass er ertrunken ist. Eines Tages wagt es Lucas, den staubigen Kleiderschrank, der die Sachen seiner Eltern enthält, zu öffnen, und er begibt sich auf die Spuren von Antoney und seiner grossen Liebe. Immer mehr taucht er ein in die flirrende Zeit des Londons der 60er Jahre, in den zauberhaften, strahlenden Aufstieg seines Vaters zur Tanzsensation. Und dessen jähen Absturz.



Mein Jahres-Flopp, der mich sogar fast in eine Leseflaute bugsierte. Obwohl ich mich auf eine Reise in die Vergangenheit erwartete - und dabei nicht enttäuscht wurde - war es ganz anders als erwartet und dies leider nicht im Positiven. 

Dass der Roman sich um das Tanzen dreht, kündigt ja schon der Klappentext an. So auch, dass es sich um einen (fiktiven) professionellen Tänzer aus London handelt. Aber dass die ersten Kapitel eine theoretische Tanzstunde werden, hätte ich dann doch nicht erwartet. Fachbegriffe für Drehungen, Dehnübungen, Tanzstile und Namen grosser Künstler überforderten mich leicht und trugen meiner Meinung nur wenig zur Geschichte bei. Einfach weil es zu viele Begriffe waren, die ich hätte nachschlagen müssen, um sie zu verstehen. Und dabei waren sie für den Handlungsstrang nicht einmal nötig, sondern Ausschmückung. Das machte die Lektüre besonders zum Anfang schwerfällig, gab mir einen holprigen Einstieg und liess mich nicht gleich warm werden mit der Geschichte.

Allgemein war mir, sofern ich mich erinnern kann, noch nie ein solch grosser Unterschied im Schreibstil aufgefallen von Anfang bis Ende. Die erste Hälfte des Romanes bescherte mir beinahe eine Leseflaute und ich war kurz davor, das Buch ganz weg zu legen. Die zweite Hälfte allerdings, wurde plötzlich interessanter und angenehmer zu lesen. Die Kapitel wechseln von Lucas im Heute zu Antoney in den 60er Jahren und sind, obwohl nicht mit Jahreszahlen gekennzeichnet, doch meist gut trennbar. Was mich eher störte, waren die vielen Namen, die nicht konsequent genutzt waren. So hatten die Tänzer um Antoney Matheus meist Spitznamen und wurden mal mit den Vornamen, mit den Nachnamen und dann wieder mit dem Spitznamen genannt. Wenn man mit den Personen vertraut ist, dann geht das ja. Wenn man die Figuren aber erst kennen lernt, ist das leider eher verwirrend, weil man so nicht nur den Überblick verliert (oder gar nicht erst gewinnt), sondern vor allem auch den Eindruck bekommt, dass es viel mehr Personen in der Geschichte hat, als es tatsächlich sind. Verdoppelt wird der Effekt teilweise, weil einzelne Figuren (z.B. die Eltern von Lucas, Antoney und Carla) in beiden Zeiten und somit in verschiedenen Altersstufen oder nur in Erinnerungen auftauchen.

Die Geschichte mit dem Schrank voller Erinnerungsstücke und der Reise in die Vergangenheit war leider die grösste Enttäuschung. Ich freute mich, Gegenstände von Tänzern in den 60er Jahren mit ihrer Geschichte zu verknüpfen. Auf eine Schnitzeljagd der Vergangenheit zu gehen. Details aus dem Leben über Lucas und Denises Eltern zu entdecken, anhand eigener Nachforschungen. Was sich damals abspielte, wie die Tanzgruppe berühmt wurde und dann in Vergessenheit geriet und auseinander viel... das alles erfährt der Leser, aber weil er die Geschichte im Rückblick einfach serviert bekommt und nicht Lucas diese Erinnerungen aufspürt. So weiss bis zuletzt der Leser viel mehr als Lucas und ausserdem konnte so nie wirklich Spannung aufkommen und mein Interesse schwand. 

Ein weiter Punkt sind die Figuren, besonders die Hauptrollen, die zwar gut beschrieben sind, ausführlich vorgestellt und zum Anfassen echt, doch leider alle eher traurig, wütend, unentschlossen, gestresst...einfach irgendwie negativ. Nur wenige Personen waren mir überhaupt sympathisch, einige hätte ich sogar nie kennen lernen wollen oder habe das Gefühl, ein schlechtes Bild von ihnen bekommen zu haben. Eine zickige Tänzerin, ein verbitterter Journalist, ein toter Freund, ein depressiver Vater, ein antriebsloser und bekiffter Lucas und einer Mutter-Ersatz-Denise, die mir meist auf den Keks ging. 

So liess mich die Geschichte am Schluss enttäusch und unbefriedigt zurück. Viele Antworten, auf deren Frage ich vergeblich gewartet habe, wurden nicht beantwortet. Auch Fragen, die ich nicht erwartete, blieben offen oder unklar. Und obwohl in der zweiten Hälfte interessantere Ereignisse passierten und die Figuren lebendiger wurden, konnten sie den schlechten Einstieg nicht mehr weg machen. Unterm Strich war der Roman alles andere, als der Titel verspricht: kein Höhenflug.



1,5 von 5 Lese-Echsen



Diana Evans, geboren 1973, lebt mit ihrer Familie in London. Sie war Tänzerin und Journalistin, bevor sie sich ihrer literarischen Arbeit zuwandte. Ihr Debütroman "26a" gewann den Orange Prize für das beste Debüt 2005.
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