19. August 2016

Anna Romer - das Rosenholzzimmer





Autorin: Anna Romer
Titel: das Rosenholzzimmer


Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-48442-3
Erschienen: 2016
Seiten: 574







Als Audrey Kepler das verlassene Thornwood House im ländlichen Queensland erbt, ergreift sie sofort die Chance, ihrem hektischen Leben in Melbourne zu entkommen und zusammen mit ihrer elfjährigen Tochter Bronwyn einen Neustart zu wagen. In einem entlegenen Zimmer des alten, aber immer noch prächtigen Hauses entdeckt Audrey die verblasste Fotografie eines gutaussehenden Mannes, der vor einer Rosenlaube steht. Wie sie bald herausfindet, handelt es sich um Samuel Riordan, dem Grossvater ihres Exmannes Tony und vormaligen Besitzer von Thornwood House. Audrey ist von dem Bild fasziniert, und ihr Interesse an dem Mann ist geweckt. Doch als sie immer tiefer in Samuels Geschichte eintaucht, erfährt sie, dass er beschuldigt wurde, kurz nach dem Krieg eine junge Frau ermordet zu haben. Audrey kann das nicht glauben und recherchiert weiter. Dabei bringt sie in Erfahrung, dass in der näheren Umgebung von Thornwood House immer wieder Menschen eines unnatürlichen Todes gestorben sind. Audrey empfindet zunehmend ein Gefühl der Bedrohung und es beschleicht sie der Verdacht, dass der Mörder von damals noch lebt. Wie recht sie mit ihrer bösen Vermutung hat, wird ihr aber erst bewusst, als sie selbst ins Visier des Täters gerät. 




Ein Spontankauf, ein Glücksgriff. Eine Familiengeschichte für Schmökerliebhaber und somit auch ein Roman ganz nach meinem Gusto. Trotz ein paar Ungereimtheiten hat mich der Roman wunderbar unterhalten und ich versank in den Beschreibungen der Autorin. Kopfkino!

Der Schreibstil konnte mich sofort einsaugen, auch wenn er manchmal sehr beschreibend ist. Das ist zum einen super ausführlich, was das Kopfkino unterstützt, man in die Landschaft eintaucht, den Wind spürt, die Vögel hört und den Regen riecht. Zum anderen wurden mir die genauen Namen der Vögel und Bäume an einigen Stellen auch zuviel, weil die Handlung an einem spannenden Punkt war und mich ehrlich gesagt nicht genau interessierte, welcher Vogel da jetzt zwitschert. Das Genre ist eine interessante Mischung: eine Prise Mystery und Geistergeschichte, obwohl es nicht wirklich spukt. Ein wenig Krimi, obwohl ein Detective fehlt. Und ein bisschen Kriegsgeschichte, wenn auch bloss Erinnerungen und Vorgeschichte. Hauptsächlich geht es um ein Familiengeheimnis, das es in sich hat und neben vielen sehr interessanten Figuren auch ordentlich Spannung bietet.

In der Mitte des Romanes wurde es eine kurze Weile etwas langatmig, wenn auch nicht wirklich langweilig, weil dennoch so einige Dinge passieren. Gegen Ende wird es dafür immer rasanter und die Puzzleteile hören gar nicht mehr auf, ineinander zu klicken. Ein Gesamtbild entsteht, die Verbindungen der Familie werden aufgedeckt und Licht kommt ins Dunkel der Vergangenheit... nicht nur für Audrey, die geradezu besesssen darauf ist, über Samuel und Tonys Familie mehr zu erfahren. Auch wenn ich schon relativ früh eine Ahnung hatte, wer der Mörder sein könnte und wer da noch lebt oder nicht derjenige ist, den er zu sein scheint, verlor die Geschichte nicht die Spannung, auch als sich meine Vorahnung bewahrheitete. Die Autorin gab sich unglaublich viel Mühe mit Details und verwickelte eine Anzahl sehr unterschiedliche Schicksale zu einem tollen Netzwerk verbundener Leben. Liebe in allerlei Formen kommt vor: alte und neue, unglückliche und glückliche, zwischen Eltern und Kindern und zwischen Freunden. Doch auch menschliche Abgründe, Verzweiflungsreaktionen und Kräfte, die nur von Angst ausgelöstes Adrenalin entstehen können, sind Teil der Geschichte.

Wunderschön fand ich besonders die Briefe, die Audrey findet und die eine wichtige Rolle in der Familiengeschichte spielen. Hingegen haben mir die Tagebucheinträge aus der Vergangenheit überhaupt nicht gefallen wegen dem Schreibstil. Inhaltlich waren sie sehr informativ und hatten den gleichen wunderbaren Schreibstil der Autorin. Doch war es meiner Meinung nicht der Schreibstil eines Tagebuches, da es sich kaum vom restlichen Roman unterschied. Jemand, der Tagebuch schreibt, bildet aber selten Satzstrukturen wie in einem Roman, in dieser Erzählform, zu viele Beschreibungen auch über sich selbst. (Beispiel, Seite 252: Sie warf mir eine Blick über die Schulter zu. Ihr Gesicht war fleckig, als hätte man es mit Zitronensaft betupft. Ihre Augen waren weit aufgerissen und besorgt. "Ich glaube es einfach. Tut mir leid." Ich seufzte, als ich meinen Irrtum erkannte...). Aber das ist bloss meine Meinung. Auch war ich mir mit dem Alter ihrer Tochter Bronwyn nicht immer sicher, obwohl mehrmals steht, dass sie 11-jährig ist. An manchen Stellen reagierte sie doch schon zu erwachsen für mich, eher wie eine Jugendliche als wie eine Primarschülerin, die sie doch anscheinend ist. An anderen Stellen war es jedoch sehr glaubhaft. Somit war ich etwas hin und her gerissen. Die restlichen Figuren waren mir aber allesamt sehr symphatisch.

Unter dem Strich ein herrlicher Schmöker besonders für Leser, die gerne über mysteriöse Familiengeschehnisse über Generationen lesen. Leser, die bei Tagebüchern und alten Briefen zwischen Liebenden schon ganz kribbelig werden und Leser, die sich ins australische Buschland entführen lassen wollen.






4 von 5 Lese-Echsen




Anna Romer wuchs in New South Wales in einer Familie von Büchernarren und Geschichtenerzählern auf, weshalb sie sich schon früh für literatur zu interessieren begann. Sie arbeitet als Grafikerin und hat lange Reisen ins australische Outback, nach Asien, Neuseeland, Europa und Amerika unternommen, wo sie viel Stoff sammelte, den sie in ihren Bildern und Texten verarbeitet. Ihr erster Roman "das Rosenholzzimmer" lebt von ihrer Faszination für vergessene Tagebücher und Briefe, dunkle Familiengeheimnisse und alte Häuser und ihrer Liebe zur einzigartig schönen australischen Landschaft. 

Die Autorin lebt in einem abgelegenen Landsitz im nördlichen New South Wales. 



Mehr auf: Anna Romer

5. August 2016

Jojo Moyes - Über uns der Himmel, unter uns das Meer





Autorin: Jojo Moyes

Titel: Über uns der Himmel, unter uns das Meer



Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-26733-8
Erschienen: 2016
Seiten: 508



Über das Meer zu dir

Australien 1946: Sechshundert Frauen machen sich auf eine Reise ins Ungewisse. Ein Flugzeugträger soll sie nach England bringen, dort erwartet die Frauen ihre Zukunft: ihre Verlobten, ihre Ehemänner - englische Soldaten, mit denen sie oft nur wenige Tage verbracht hatten, bevor der Krieg sie trennte. Unter den Frauen ist auch die Krankenschwester Frances. Während die anderen zu Schicksalsgenossinnen werden, bleibt sie verschlossen. Nur in Marinesoldat Henry Nicol, der jede Nacht vor ihrer Kabine Wache steht, findet sie einen vertrauten. Eines Tages jedoch holt Frances ausgerechnet der Teil ihrer Vergangenheit ein, vor dem sie ans andere Ende der Welt fliehen wollte...



Ein toller Schmöcker mit interessanten Charakteren, einem Teil wahrer Geschichte und vielen Gefühlen und besonderen Schicksalen wie wir es von der Autorin kennen. Dieser Roman ist aber noch eine Spur besonderer, weil die Grossmutter von Jojo Moyes selbst eine Kriegsbraut war und somit auch die Inspiration und das spezielle Band zu dieser Geschichte ist.

Der Schreibstil ist wunderbar angenehm und liest sich wie immer sehr fliessend. Sehr schön fand ich die Zitate am Anfang jedes Kapitels, die übrigens allesamt real sind. Auf den letzten Seiten werden dazu einige Quellennachweise aufgelistet, über Zeitungen von damals oder privaten Tagebüchern, die der Autorin zur Recherche zur Verfügung gestellt wurden. Diese Zitate passen nicht nur herrlich zu den jeweiligen Kapiteln und was als nächstes passiert auf dem Schiff, sondern spielen eine entscheidende Rolle für die Authentizität der Geschichte.

Zuerst scheint die Erzählung um die vier Frauen, deren Schicksale wir näher betrachten dürfen, erst ein wenig langatmig, die Geschichte braucht Aufbau, etwas Vorgeschichte und schliesslich passiert ja auf einem Schiff nicht wirklich viel. Nur die Weite des Horizontes und die Tiefe des Meeres bieten zwar eine atemberaubende, aber nicht die spannenste Kulisste. Für Ereignisse sorgen allerdings die sechshundert Frauen an Bord, die mit hunderten Männern (Soldaten, Kriegsrückkehrer, etc.) auf dem Flugzeugträger zusammengepfercht wurden. Die Frauen-Männer-Trennung ist dabei nicht nur Regeln, um die Männer nicht bei der Arbeit zu stören oder die Frauen vor gefährlichen Maschinenräumen zu schützen, sondern auch aus sittlichen Gründen, da die Geschichte ja 1946 spielt. Doch nicht nur gesellschaftliche Normen und Umgangsformen, sondern auch die Mischung der Besatzung bietet Spielraum für diverse Diskussionen. Schon die vier Hauptprotagonistinnen könnten kaum unterschiedlicher sein: Margaret (Maggie) ist die liebevolle, sympathische Farmerstochter, die zudem schwanger ist. Frances,die Krankenschwester, ist eher die stille, mysteriöse Begleiterin, deren Vergangenheit sie noch einholt und mich wirklich überrascht hat. Avice, eine verwöhnte junge Dame aus besserem Haus, die ziemlich zickig, aber auch unterhaltsam sein kann. Und dann noch Jean, die erst 16-jährige quirlige Braut, die alles aufmischt. Diese vier in die gleiche Kabine einquartiert verspricht schon viel Zunder und Unterhaltung. Auch Schicksale und Geschichten der Männer werden von der Autorin mit eingewoben, besonders die Vergangenheit von Henry Nicols, dessen Geschichte mit Frances mich sehr verzauberte, und auch der Kapitän des Schiffes, der mir gegen Ende immer sympathischer wurde.

Zugegeben, der Roman ist streckenweise (besonders anfangs und in der Hälfte) etwas langatmig, weil kaum Spannung aufkommt. Doch die Autorin hat noch viele Überraschungen parat und überzeugt ganz sicher jeden Zweifler am Schluss. Das Ende ist ein Feuerwerk der Gefühle, die Ankunft des Schiffes und der Moment der Wahrheit für viele Kriegsbräute. Nur soviel, ohne dass ich spoilern möchte: Nicht jede wird von ihrem sehnsüchtig erwarteten Ehemann freudig in die Arme geschlossen.

Obwohl die Verfilmung von "ein ganzes halbes Jahr" gerade aktuell in den Kinos läuft, möchte ich die beiden Bücher nicht miteinander vergleichen. Mir haben beide sehr gut gefallen, aber spielen in zwei ziemlich unterschiedlichen Genres trotz einiger Gemeinsamkeiten (Stichwort Liebesgeschichten und Frauenschicksale). Ich werde sicher wieder zu einem Buch von Jojo Moyes greifen, denn sie schafft es einfach immer, mich aus meinem Alltag zu ziehen, in fremde Welten zu entführen, mich mit dem Leben fiktiver Persönlichkeiten zu fesseln und mir die ein oder andere Träne in die Augen zu treiben...manchmal weil ich mitleide, manchmal weil es so schön ist.



4,5 von 5 Lese-Echsen




Jojo Moyes, geboren 1969, ist in London aufgewachsen und hat Journalistik studiert. Sie schrieb für die "Sunday Morning Post" in Hongkong und den "Independent" in London und aktuell u.a. für den "Daily Telegraph". Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf einer Farm in Essex.

Mehr auf: Jojo Moyes