27. September 2016

J.K. Rowling - Kurzgeschichten aus Hogwarts (Sammel-Rezension)

Autorin: J.K. Rowling
Titel: Kurzgeschichten aus Hogwarts
Verlag: Pottermore
Format: E-Book

Kurzgeschichten aus Hogwarts: Heldentum, Härtefälle und hanebüchene Hobbys

Heldentum, Härtefälle und hanebüchene Hobbys
Seiten: 71
Inhalt: 
In diesen Geschichten von Heldentum, Härtefällen und hanebüchenen Hobbys stehen zwei der tapfersten und beliebtesten Figuren der Harry-Potter-Reihe im Mittelpunkt: Minerva McGonagall und Remus Lupin. J.K. Rowling gewährt uns ausserdem einen Einblick in das Leben der obskuren Sybill Trelawney und wir begegnen Silvanus Kesselbrand, dem verwegenen Freund magischer Bestien.

Kurzgeschichten aus Hogwarts: Macht, Politik und nervtötende Poltergeister


Macht, Politik und nervtötende Poltergeister
Seiten: 72
Inhalt:
Diese Geschichten über Macht, Politik und nervtötende Poltergeistern gewähren uns einen Einblick in die dunkleren Seiten der magischen Welt: von den Wurzeln der ruchlosen Professor Umbridge über einen Abriss der Zaubereiminister bis hin zur Geschichte des Zauberergefängnisses Askaban. Auch von den frühen Jahren des Horace Slughorn als Zaubertrankmeister von Hogwarts wird die Rede sein – nicht zuletzt von seiner Begegnung mit einem gewissen Tom Marvolo Riddle.

Hogwarts Ein unvollständiger und unzuverlässiger Leitfaden

Ein unvollständiger und unzuverlässiger Leitfaden
Seiten: 85
Inhalt: 
Der Band „Hogwarts - Ein unvollständiger und unzuverlässiger Leitfaden“ nimmt den Leser mit auf einen Rundgang durch die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei. Wir erkunden dabei das Schlossgelände von Hogwarts, lernen die gespenstischen Dauergäste der Schule näher kennen und erfahren mehr über die Unterrichtsfächer und die Geheimnisse des Schlosses ... und das mit jeder Seite.







Zusatzfutter für Harry-Potter-Fans, Achtung, Achtung, J.K. Rowling gewährt uns ein paar Leckerbissen aus Hogwarts und ihren Gedanken während dem Schreibprozess.

Erstaunlich wie diese Autorin für jeden und jegliches Lebewesen in dieser zauberhaften Welt, die sie erschaffen hat, auch eigene Biographien verfasst hat. Es gibt noch so vieles zu entdecken und ich gehöre unleugbar auch zu denen, die niemals davon genug kriegen können. Ihr Erzähltalent ist weltbekannt, ihre Figuren unsere Freunde aus der Kindheit und Hogwarts scheint so real wie unser echtes Zuhause.

In diesen drei E-Books sammeln sich Texte von Rowling über einige Lehrer von Hogwarts, das Zaubereiministerium, Geister und Legenden sowie Askaban und das Schloss. Die Freude währt kurz, denn auch die Kapitel haben nur wenige Seiten. Doch die darin enthaltenen Auskünfte sind unbezahlbar. Ich persönlich liebe es, von Inspirationsquellen der Autoren zu lesen, Hintergründe zu später ikonischen Personen oder Details oder einfach wieder in eine mir vertraute Welt abzutauchen, die ich lieben gelernt habe.

Besonders gelungen fand ich die kurze Biographie von McGonagall und Lupin, zwei meiner liebsten Hogwarts-Lehrer (und übrigens auch Rowlings Lieblingslehrer). Sybill Trelawney hat mich noch nie näher interessiert trotz ihrer ulkigen Art und auch Silvanus Kesselbrand konnte mich nur teilweise begeistern. Viel lieber hätte ich eine Biographie von Hagrid gelesen, dessen Familie aus Riesen und Zauberern sicherlich auch lesenswert ist.

Imposant ist die Liste der Zauberminister seit 1704, die Rowling erstellt hat, inklusive Jahreszahlen der Regierungszeiten und Besonderheiten bezüglich der jeweiligen Minister, seien es Eigenheiten ihrer Person, ihre politische Einstellung (z.B. wie sie zu Muggel stehen oder Verteidiger der "reinen Zauberfamilien" sind) oder Gründe für das Ende ihrer Amtszeit. Überaus unterhaltsam war natürlich Peeves, der Poltergeist und seine Untaten seit geraumer Zeit. Die Inspiration zu Dolores Umbridge hingegen ist zu köstlich und obwohl Rowling verrät, dass die Figur sich aus Merkmalen einer echten Lehrerin zusammensetzt, die wiederum Rowling überhaupt nicht ausstehen konnte, wahrt sie dennoch die Anonymität dieser Person. Ihre Erklärungen zur Namensgebung von Umbridge und ihre Kleiderwahl, die so gar nicht zum Charakter passt, ist wohl das beste Beispiel dafür, wie viele Gedanken sich Rowling über jedes Detail ihrer Zauberwelt macht.

Den Leitfaden erwartete ich leicht unterschiedlich zu den anderen Kurzgeschichten, eher wie eine Liste von Begebenheiten, Regeln der Zaubereiwelt oder Angaben zur Hogwarts. Dies stimmt jedoch nur teilweise. Denn Rowling erklärt Hintergründe zur Karte des Herumtreibers, Regeln zum Gebrauch des Zeitumwandlers und Eigenheiten von Animagi und Werwölfen. Man könnte fast glauben, dass es Referenzen aus wahren Geschichtsbüchern sind, durch die Rowling zwar inspiriert wurde, aber ihre eigenen Regeln für Hogwarts entwarf. Man bekommt zudem einen Überblick über die Schulfächer und wie sie über die Schuljahre verteilt sind, ausserdem gibt die Autorin Überlegungen zum See, dem verbotenen Wald und Geheimgängen und -räumen preis und der Leser erfährt, wie einige Dinge ganz anders hätten aussehen können.

Unter dem Strich eine wahrhafte Fundgrube von Informationen zu Hogwarts, ein Schokokuchen-Highlight für alle Harry-Potter-Freunde und eine leichte Lektüre für Zwischendurch, da die Kapitel sehr einfach und in kurze Abschnitte aufgeteilt sind. Ein Muss für Rowling-Fans, denn als nicht-Hogwarts-Lieber ist wahrscheinlich zu viel Insider-Wissen verlangt, um mit den neuen Informationen etwas anfangen zu können.

Mit Freude würde ich mich auf weitere Kurzbiographien stürzen: zum Beispiel von Snape, die Liebesgeschichte von James und Lilly als junges Paar oder Tom Riddle - aus seiner Sicht - in seiner Schulzeit. Oder eben Hagrid. Sicherlich alles sehr lesenswert. 




5 von 5 Lese-Echsen




Joanne K. Rowling, geboren am 31. Juli 1965 in Yate (England), ist mit ihrer Romanreihe um den Zaubererjungen Harry Potter weltberühmt geworden, schreibt aber auch unter ihrem Psyeudonym Robert Galbraith erfolgreich Krimiromane.

Bildergebnis für jk rowling orell füssliSchon früh wollte sie Schriftstellerin werden, schrieb Romane, die sie später nie veröffentlichte und sogar zerstörte. Die Idee zu Harry Potter kam ihr im Zug von Manchester nach London und liess sie nicht mehr los. Nachdem sie in Porto (Portugal) als Englischlehrerin arbeite und den Vater ihrer Tochter Jessica kennen und lieben lernte, heiratete, sich aber auch von ihm scheidete, findet sie sich schliesslich als alleinerziehende Mutter in Edinburgh, Schottland, wieder, wo sie von Sozialhilfe lebte und den ersten Band von Harry Potter beendet, der den Anfang ihrer grossartigen Erfolgsgeschichte markiert. 

Heute hat sie mehrere Romane verfasst, ist Präsidentin der schottischen Multiple-Sklerose-Gesellschaft (der Krankheit, an der ihre Mutter starb) und Gründerin von Lumos, einer Organisation für Kinder in Heimen. Joanne ist seit 2001 mit dem Arzt Dr. Neil Murray verheiratet und hat mit ihm zwei weitere Kinder.

Mehr auf: J.K. Rowling oder Pottermore




25. September 2016

Gustave Flaubert - Frau Bovary

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Autor: Gustave Flaubert
Titel: Frau Bovary


Verlag: Insel
ISBN: 978-3-458-34561-9
Erschienen: 1857
Seiten: 370 (E-Book)





Die wohlbehütet aufgewachsene Emma hat ihre ganz eigene Vorstellung von der Liebe: Romantisch und erfüllend stellt sie sich ihre Zukunft als Madame Bovary vor. Doch ihr Ehemann und das Leben auf dem Lande erweisen sich als Ernüchterung. Aus Lebens- und liebeshunger entflieht sie der ehelichen Langeweile - und stürzt sich in ein Abenteuer das unvorhergesehene Konsequenzen nach sich zieht...

Mit Madame (bzw. Frau) Bovary hat sich Flaubert in den Olymp der Weltliteratur geschrieben. Als das Werk 1857 erschien, bewirkte es nicht nur eine überwältigenden Publikumserfolg und wegen vermeintlich anstössiger Passagen einen handfesten literarischen Skandal, sondern auch einen Wendepunkt in der Entwicklung der Romangattung.



Einen geschenkten Gaul, schaut man nicht ins Maul. Aber einen geschenkten Roman, liest man eben. Als ich meinen neuen E-Reader bekam, war darauf schon dieser Weltklassiker vorinstalliert und konnte mich nur mittelmässig unterhalten.

Die Geschichte von Emma Bovary (zuvor noch Rouault) stützt sich auf die tatsächliche Geschichte der Ärztefrau Délphine Delamare (geb. Couturier, 17. November 1822 - 5. März 1848), die in Rouen lebte und Suizid begann. Als 1848 die Ereignisse im Journal de Rouen erschien, entschied sich Flaubert zur Ausgestaltung in einen Roman mit dem Untertitel Sittenbild aus der Provinz. Dabei benutzte er die personale Erzählweise, nicht die damals vorherrschende Ich-Erzählung, da er die Unparteilichkeit des Erzählers wahren wollte, was meiner Meinung durchaus Sinn macht, bedenkt man, dass er sich zeitnah einem heiss diskutierten Suizid zur Inspiration bediente.

Der Schreibstil, der damals als etwas Aufregendes und Neues erschien, konnte mich heute nur gering begeistern. Der Autor hat ein Talent und eine sichtbare Vorliebe für sehr detailgetreue Beschreibungen, die zwar durchaus sehr durchdacht, gut strukturiert und wunderbar bildhaft sind, sodass sich der Leser mühelos in die Szene hinein versetzen kann, doch meist auch zu ausgiebig und deshalb langatmig. Was in historischer Hinsicht äusserst interessant ist, um damalige Sitten, Rituale, Stile, etc. zu analysieren, war für mich als Leser zu viel des Guten, zu viel der Beschreibung, zu wenig Aktion. Nicht, dass ich bei solch einem Roman Spannung und rasante Handlungen erwarte, aber doch auch nicht zwischen den Seiten einschlafen möchte.

Emma selbst war mir leider oft unsympathisch und ich kann kaum erklären, wieso das so ist. Es liegt nicht an der Tatsache, dass sie ehebrecherisch sich an den Hals von anderen Männern schmeisst und auch nicht daran, dass sie viel zu besorgt um Äusserlichkeiten ist, anstatt wenigstens Kochen zu lernen (damals waren die Frauen eben nur hübscher Schmuck im Haus, eher Zierde als von Nutzen, da ja die Angestellten putzten, kochten und das Kind fütterten). Wahrscheinlich wurde sie mir unsympathisch, als sie aus reiner Langeweile dem Luxus nachschwärmte, sich höchst naiv mit Geld verhielt (was schlussendlich zur Pfändung führte und zum Ende des Paares) und oft sehr egoistisch handelte. Gleichermassen muss ich die Naivität der Männer erwähnen, die sich von ihr allzu leicht um den Finger wickeln liessen. Sie muss eine wahre Schönheit gewesen sein oder zumindest eine furchtbar gute Schauspielerin, die einen unleugbaren Drang zur Dramatik liebte.

Einige Nebenfiguren waren mir mal sympathisch, mal weniger, manchmal hatte ich Mitleid mit ihnen, manchmal fand ich sie im wahrsten Sinne des Wortes blöd. Auch mein Wissen über die damalige Zeit und damaligen Gepflogenheiten, konnte diesen Eindruck kaum schmälern. Ein Stück Weltliteratur, das man gelesen haben muss und ich nun von der To-Do-Liste streichen kann. Kam mir leider wie Schullektüre vor und traf meinen Geschmack nicht, auch wenn der Roman sicherlich seinen Wert in der Geschichte der Literatur hat.





3 von 5 Lese-Echsen



Gustave Flaubert (12. Dezember 1821 - 8. Mai 1880) war ein französischer Schriftsteller, der vor allem als Romancier bekannt ist. Er wuchs in Rouen (Normandie) als jüngerer Sohn des Chefarztes des  städtischen Krankenhauses auf und erlebte, da dessen Dienstvilla, wie damals üblich, an das Krankenhaus grenzte, das Leiden und Sterben dort aus nächster Nähe mit. Er galt als begabter, aber wenig disziplinierter Schüler, der es vorzog, seine Zeit mit Lesen und Schreiben statt mit Lernen zu verbringen. In den Sommerferien 1836 verliebte sich Flaubert in eine etwas ältere Frau, Élisa Schlesinger, die ihn jahrelang als grosse, unerreichbare Liebe beschäftigte und sein Schreiben inspirierte.

Mehr auf: Gustave Flaubert



15. September 2016

Codex Silenda

Liebe Leser,

zur Abwechslung habe ich euch wieder einmal etwas Neues. Keine Rezension, kein TAG, sondern ein ganz spezielles Buch, das ich vor einigen Tagen in den Tiefen des Internets entdeckt habe: Codex Silenda.

"Was?" fragst du jetzt.
"Codex Silenda", antworte ich und zeige dir gleich, was das überhaupt ist.

codex silenda puzzle book

Dieses Buch besteht aus fünf hölzernen Seiten, die zugleich ein Puzzle sind. Man kann die nächste Seite bloss umblättern, wenn man das Puzzle gelöst hat und somit das nächste Kapitel aufschliessen kann. Auf diese tolle Idee kam Brady Whitney bei einer Diplomarbeit mit der Aufgabenstellung, ein Problem in der realen Welt zu finden, es zu untersuchen sowie auch seinen wirtschaftlichen Markt und es schliesslich zu lösen bzw. ein Produkt zu kreieren, das genau dies tut.

Weil Brady Whitney schon immer gerne Spiele und Spielzeuge hatte, konzentrierte er sich auf Puzzles und fand heraus, dass es zwei Kategorien gibt: die simplen und einfachen, die nach dem ersten Lösen ihren Reiz verlieren und man es liegen lässt. Und die von grossen Rätselmeistern erstellten, die nur in limitierter Anzahl produziert werden aufgrund ihrer handwerklichen Qualität. Also wollte er ein Puzzle erschaffen, das beide Kategorien abdeckte.

Nach vielen Skizzen, erstellte er nach zwei Monaten die ersten Prototypen. Diese teste er unzählige Male, überlegte sich Riegel und Rätsel, welches Holz zur Verwendung käme und ob alles funktioniert wie erdacht. Das Semester neigte sich zum Ende, doch als Codex Silenda auf Kickstarter aufgeschaltet wurde, überschritt es sein Ziel von $30,000 in nur 6 Stunden. Nun hat es schon 2,000 Interessierte, Zusagen von $174,850 - mittlerweilen wahrscheinlich noch mehr !

Falls du nun auch ein Exemplar möchtest, brauchst du Geduld. Die Nachfrage ist viel grösser als das Angebot. Aber für die Starken und euch, dürfte sich die Geduld für ein wunderbares Puzzle lohnen - Vorfreude ist schliesslich auch etwas schönes. Ihr braucht euch lediglich auf die Warteliste auf Brady Whitneys Mail zu setzen.



4. September 2016

Lucy Clarke - Das Haus, das in den Wellen verschwand





Autorin: Lucy Clarke
Titel: Das Haus, das in den Wellen verschwand



Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-06029-5
Erschienen: 2016
Seiten: 383



Als wir in den Wellen tanzten

Für Lana gibt es nur einen wichtigen Menschen auf der Welt: ihre Freundin Kitty. Als sie beschliessen, gemeinsam eine Weltreise zu machen, und auf der Segeljacht "Blue" anheuern, beginnt eine traumhafte Zeit. Doch bald wird Lana klar, dass jedes der sieben Crewmitglieder ein dunkles Geheimnis hütet und an Bord nichts ist, wie es scheint. Auch Kitty verbirgt etwas vor ihr, und ein Sog des Misstrauens droht, die "Blue" und alles, was Lana liebt, in die Untiefen des Ozeans zu reissen.




Und wieder konnte mich Lucy Clarke restlos begeistern, sofort für eine Geschichte faszinieren und und hat bewiesen, warum sie zu meinen Lieblingsautoren zählt. Und nun sitze ich hier, habe ihren neuen Roman schon so schnell wieder verschlungen und wünschte mir, dass die Geschichte niemals endet.

Der Schreibstil wirkt wie ein Sog, ein Wirbel im Meer, dem man zuschaut und hübsch findet, seinen Windungen nachschaut und erst im Nachhinein begreift, dass man selbst darin gefangen ist, einfach mitgezogen wird. Diese Geschichte spielt hauptsächlich auf dem Meer, auf dem Segelschiff "Blue", die zwischen verschiedenen philippinischen Inseln umherschippert und dort auch Lana und Kitty aufliest. Sie lernen dort Aaron, Denny, Heinrich, Shell und Joseph kennen und jeder von ihnen hat eine interessante Vergangenheit, die uns die Autorin aber erst Stück für Stück aufzeigt. Im Paradies auf Erden nehmen sie die Tage wie sie kommen, schnorcheln, schwimmen, schauen dem Sonnenuntergang zu, erkundet unbewohnte Inseln... bis etwas passiert, was diese herrliche Seifenblase zerspringen lässt. Wem kann man trauen? Wer verschweigt etwas? Die Freundschaft zwischen Kitty und Lana wird schwer auf die Probe gestellt, auch die Beziehungen zu den anderen Crewmitgliedern schwenkt von Sympathie zu Misstrauen und Lana verstrickt sich in diffuse Gedankengänge. 

Die Geschichte wird aus der Sicht von Lana erzählt, mal im Jetzt, mal im Damals, womit der Spannungsbogen immer wieder ausbalanciert wird und immer wenn der Leser etwas mehr erfährt, stellt man sich neue Fragen. Und wenn man diese Fragen beantwortet glaubt, kommen wieder neue Details ans Licht, die eine Handlung auch komplett ins Gegenteil drehen können. Ein Netz aus falschen Interpretationen, Missverständnissen, emotionalen Reaktionen, schnelle oder vergangene Ereignisse mischen die Erzählung immer wieder neu auf und wird am Ende wunderbar aufgeknotet.

Das Einzige, was mich persönlich etwas nervt, ist der Titel des Romanes. Im englischen Original heisst es schlicht "the Blue", also der Namen des Segelschiffes, um das es die ganze Zeit geht. Im deutschen "Haus, das in den Wellen verschwindet" war wohl ein fantasievoller Editor mit seinen Fingern im Spiel. Obwohl ich - besonders nach der Lektüre - den Grund für den Titel glaube zu verstehen und obwohl mir der Titel an sich sogar gefällt, bin ich mit dem Titel für diese Geschichte nicht glücklich, weil ich glaube, dass er nicht ganz passt oder falsche Erwartungen erweckt. Dafür hätte mir der erste Satz auf dem Klappentext auch als Titel sehr zugesagt: Als wir auf den Wellen tanzten. Das Cover hingegen sieht wieder wunderbar aus und neben ihrem Roman "der Sommer, in dem es zu schneien begann" einfach grandios. Beide Bücher weiss mit blauem Muster, entweder Wellen oder Tropfen und das sogar auf dem Buchschnitt. Sammler-Alarm! Mein Buchliebhaberherz schlägt höher!

Die Figuren im Roman habe ich alle ins Herz geschlossen, unabhängig davon, was am Ende für schwarze Kapitel in der einen oder anderen Vergangenheit aufgedeckt werden. Im Verlauf der Geschichte waren mir mal die einen, dann die anderen sympathischer, aber authentisch sind alle, Tiefgang haben alle und ich hätte alle gerne als Freunde, wäre ebenfalls gerne mit ihnen gesegelt (als noch alles gut war zumindest) und hätte mich gerne auf das Abenteuer mit ihnen eingelassen, oder wenigstens nur einen Kaffee mit ihnen getrunken, bevor sie wieder den Anker lichten. Und das ist auch der Grund, warum mir der Roman noch lange in Erinnerung bleiben wird: Weil die Figuren und ihre Schicksale so lebensecht, so zu Anfassen nah sind und mir mehr als gute Unterhaltung gaben, sondern für kurze Zeit auf meinem Arbeitsweg begleiteten und mir so in Erinnerungen bleiben, als wären sie nicht nur fiktive Charakteren.

Ich kann kaum auf das nächste Buch von Lucy Clarke warten! Anscheinend sei ihr vierter Roman schon bei den Editoren... wie lange müssen wir wohl auf die deutsche Version warten? Egal, ich werde es ohne Zögern kaufen!



5 von 5 Lese-Echsen




Image result for lucy clarkeLucy Clarke studierte Literatur an der Universität von Cardiff, bevor sie sich ganz ihrer Karriere als Schriftstellerin widmete. Bereits ihr erster Roman "die Landkarte der Liebe" wurde in zehn Ländern veröffentlicht. Lucy Clarke ist mit einem professionellen Windsurfer verheiratet, mit dem sie ihre Liebe zum Meer und zum Reisen teilt und mittlerweile ein Kind hat. Den Sommer verbringt sie an der Südküste Englands, den Winter in fernen exotischen Ländern.

1. September 2016

Yann Martel - die hohen Berge Portugals





Autor: Yann Martel

Titel: die hohen Berge Portugals


Verlag: S. Fischer

ISBN: 978-3-10-002275-2
Erschienen: 2016
Seiten: 412





Lissabon, 1904:

Auf der Suche nach einem jahrhundertealten Schatz aus den afrikanischen Kolonien begibt sich der Museumskurator Tomás auf eine abenteuerliche Expedition in die Hohen Berge Portugals, am Stuer eines der ersten Automobile im Land. Die Reise wird zur Höllenqual für den feinsinnigen jungen Mann: Nicht nur muss er mit dem launischen Gefährt zurechtkommen, das bald seine elegante Erscheinung einbüsst, sondern auch mit so manchem aufdringlichen Dorfbewohner entlang der Strecke. Völlig abgezehrt und schon längst nicht mehr im Zeitplan nähert er sich schliesslich seinem Ziel - bevor seine Reise ein unvorhergesehenes Ende nimmt. Doch das ist erst der Anfang einer unglaublichen Geschichte, die die Hohen Berge Portugals noch Jahrzehnte später umweht wie ein tragischer Zauber.



Hohe Erwartungen meinerseits an die hohen Berge Portugals, weil ich Portugal liebe, weil ich Yann Martels "Schiffbruch mit Tiger" so toll fand und weil seine Geschichten immer aussergewöhnlich sind. Der neue Roman liess mich etwas unschlüssig zurück, was auch die Rezension dazu verzögert.

Eigentlich sind es ja 3 Geschichte, die in 3 Teile ("Heimatlos", "Heimwärts" und "Heimat") gespalten sind. Abgesehen von der Tatsache, dass sie alle früher oder später in den Hohen Bergen Portugals, genauer gesagt in der Ortschaft Tuizelo, passieren, haben sie scheinbar überhaupt nichts gemeinsam. Die Geschichte vom Klappentext ist die erste. Danach folgt eine Geschichte über einen Pathologen, der mit seiner Frau gerne Agatha Christie Romane liest und eines Nachts einen ganz besonderen Fall zu bearbeiten hat. Und zuletzt handelt es sich um einen portugiesischen Auswanderer aus Kanada, der nach Portugal zurückkehrt im hohen Alter...mit einem unerwarteten neuen Freund. Doch Stück für Stück, wenn auch spät, kommen die Geschichten langsam zusammen und man findet Zusammenhänge.  

Ehrlich gesagt, hat mir die letzte Geschichte am besten gefallen, weil sie schlicht die unterhaltsamste und ausgefallenste von allen war. Die erste begann zwar interessant, die langen und detaillierten Beschreibungen über das Automobil wurden aber irgendwann langweilig und konnten mich nur wenig begeistern. Sicherlich steckt viel Recherche-Arbeit dahinter seitens des Autors, doch mich persönlich fasziniert die genaue Technik einfach nicht. Die mittlere Geschichte war besonders vom Schreibstil auffällig, viele Metaphern über das Leben und Gegenstände, den menschlichen Körper und menschliche Beziehungen. Allerdings möchte ich anmerken, dass aufgrund der Detailliebe und beschreibenden Art des Autors, diese Teilgeschichte mit dem Pathologen nichts für schwache Mägen ist.

Der Schreibstil im Allgemeinen war meist sehr ausführlich, oft sogar poetisch, was auch irgendwann mühsam werden kann oder man schlicht etwas Zeit braucht, um in den Lesefluss zu kommen. Hinzu kommen einzelne Abschnitte in Portugiesisch. Bei einzelnen Sätzen wurde dies stets übersetzt oder indirekt erklärt, damit man der Sprache nicht mächtig sein muss. Gegen Ende kam jedoch ein kurzer Abschnitt, ein grösseres Zitat, dass nicht Wort für Wort übersetzt wurde und meiner Meinung zu wenig kommentiert. Da ich Portugiesisch beherrschte, stellte die für mich persönlich kein Problem dar, ist jedoch nicht für jeden leserfreundlich.

Im Grossen und Ganzen genoss ich die genauen Beschreibungen von Landschaften und Begebenheiten, von kuriosen Begegnungen und sehr fantasiereichen Ideen. Und wieder ist Philosophie ein grosses Thema bei Yann Martel. Der Sinn des Lebens, verschiedene Lebensabschnitte, Einflüsse auf andere Lebewesen aufgrund grosser und kleiner Entscheidungen, Religion, Familie... Ich bin mir ziemlich sicher, nach einmaliger Lektüre nicht jede Metapher, jeden philosophischen Gedankengang und jede verborgene Nachricht oder Lebensfrage in diesem Roman verstanden zu haben. Aber so kennt man das ja von diesem Autor...




3,5 von 5 Lese-Echsen




Yann Martel wurde 1963 in Spanien geboren. Seine Eltern sind Diplomaten. Er wuchs in Costa Rica, Frankreich, Mexiko, Alaska und Kanada auf und lebte später im Iran, in der Türkei und in Indien. Er studierte Philosophie und wohnt mit seiner Familie in Saskatoon, Kanada.
Schiffbruch mit Tiger war nominiert für den Governor General Award und den Commonwealth Writers Prize und gewann den Booker Prize 2002.
Mehr auf: Yann Martel