16. Juni 2017

Isabel Wolff - Geister der Erinnerung



Autorin: Isabel Wolff
Titel: Geister der Erinnerung

Verlag: Weltbild
ISBN: 978-3-95569-459-3
Erschienen: 2015
Seiten: 416



Jenni ist eine Schriftstellerin der besonderen Art: Als Ghostwriter schreibt sie die Geschichten anderer Menschen auf. Doch ihre eigene tragische Kindheitsgeschichte möchte sie am liebsten vergessen. Erst als sie Klara begegnet, die im Zweiten Weltkrieg in einem japanischen Lager entsetzliche Erfahrungen gemacht hat, findet Jenni Mut zur Wahrheit. Gemeinsam machen sich die beiden Frauen auf den Weg den Geistern der Vergangenheit ins Auge zu sehen.



Zwei Frauen, die kaum unterschiedlicher sein könnten, jedoch beide eine tragische Geschichte ihrer Vergangenheit fest in sich verschlossen mit sich tragen. Niemanden erzählten sie bisher, was damals genau geschah, bis die Last dieses Geheimnis zu schwer wird. Zwei Schicksale, die beide schwer zu verdauen sind, obwohl sich die Geschichte von Klara ganz klar in den Vordergrund drückt.

Der Schreibstil saugt den Leser recht schnell in das Geschehen. Ein kleiner Prolog gibt den Blick in die Vergangenheit, zu jenem Ereignis, als Jenni noch ein Kind war... und zum Grund, warum sie heute keinen Kontakt mit ihrer Mutter mehr hat. Doch verraten wird nicht gleich alles, es wirkt eher wie ein Cliffhanger, ein zweiter Klappentext. Später lernt der Leser Klara kennen und mit ihr, eine Lebensgeschichte, die leider nicht nur fiktiv ist, sondern sich an tatsächlichen Begebenheiten orientiert. Spätestens als Klara beginnt zu erzählen, wird der Leser gepackt. Der Blick in die Vergangenheit von Klara ist jeweils in einzelnen Kapiteln abgeteilt und trotz mangelnder Überschrift oder Jahreszahl gut von der Handlung im Hier und Jetzt zu unterscheiden. Dank dem Schreibstil und der Erzählpersektive kann man sich sehr gut in die Rolle von Jenni hineinfühlen und wird zum zweiten Zuhörer von Klara, ganz gefesselt von ihrem Leben.

Die Erlebnisse von Klara und ihrer holländischen Familie, die nach Java auswanderten und dort während dem Zweiten Weltkrieg in ein japanisches Lager abtransportiert wurden, ist leider traurige Wahrheit. Sogar der Name des Lagerführers, in dem Klara mit ihrer Mutter und Bruder landen, ist real und in Geschichtsbüchern festgehalten. Methoden der mentalen und körperlichen Folter jagten mir eine Gänsehaut über den Rücken und liessen mir Tränen in die Augen steigen. Wer sich für diesen Roman also entscheidet, sollte sich bewusst sein, dass "Geister der Erinnerung" zwar fiktiv ist, der Geschichtsrahmen von Klaras Vergangenheit jedoch wahrheitsgetreu und fachlich recherchiert ist. Die Besetzung Javas ist dabei mit dem Holocaust unter dem Hitler, Deutschland von den Juden "säuberte" zu vergleichen und spielt in der gleichen Zeitperiode.

Die Vergangenheit von Jenni ist zwar nicht weniger traurig, aber weniger dramatisch im Vergleich und rückt leicht in den Hintergrund. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass die Autorin Jennis Geschichte immer wieder in den Fokus rücken wollte. Während sie sich bei ihren Treffen immer besser kennen lernen, findet die Geschichte ihren Höhepunkt in einer Freundschaft, bei der sich beide endlich öffnen und die Erlebnisse der Vergangenheit verdauen können. Das Ende ist somit kein grosser Knall, aber ein schöner Abklang, den ich genau richtig empfand.

Allgemein waren mir die Figuren sehr sympathisch (abgesehen von einigen Personen im Krieg, die entweder Feinde waren oder durch den Überlebenskampf gestresst). Einzig Jennis Freund und die Nebengeschichte mit ihm, die ebenfalls noch angeschnitten wird, fand ich eher lästig und oberflächlich, da die Geschichte nicht genug in die Tiefe geht und neben den anderen grossen Geschichten auch absolut unnötig ist, meiner Meinung nach.
Unterm Strich eine emotionale, gut erzählte Geschichte, die Fakten aus einem leider hässlichen Kapitel der Menschheit miteinwebt.




4 von 5 Lese-Echsen


Ähnliches FotoIsabel Wolff studierte in Cambridge Literatur und arbeitete lange Jahre als Journalistin für die BBC. Sie lebt mit ihrer Familie in London. Ihre Romane wurden in 29 Sprachen übersetzt.

14. Juni 2017

JK Rowling - Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind



Autorin: JK Rowling
Titel: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind


Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-5515-5694-3
Erschienen: 2017
Seiten: 304


Der Magizoologe Newt Scamander will in New York nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen. Doch als sein magischer Koffer verloren geht und ein Teil seiner phantastischen Tierwesen entkommt, steckt Newt in der Klemme - und nicht nur er.



In dieser Rezension möchte ich nicht nur das Buch kommentieren, sondern auch den dazugehörigen Film, da es sich schliesslich um das Originaldrehbuch handelt.

Zur Aufmachung muss ich wohl kaum etwas sagen. Ich kenne niemanden, dem das Cover nicht gefällt, alle schwärmen davon und auch auf den weiteren Seiten im Buch, werden die Ornamente nicht weniger. Am Anfang jedes Kapitels ist ein handgezeichnetes Tierwesen aus der Geschichte. Verzierungen schlängeln sich an der Seite des Text in die Ecken. Überschriften wurden kunstvoll gestaltet, nur der hauptsächliche Text ist in einer leserfreundlichen "einfachen" Schrift gehalten. Ein ganz grosses Lob dafür an MinaLima, dem preisgekrönten Designerstudio von Miraphora Mina und Eduardo Lima, die neben diesem Buch auch an den 8 Harry-Potter-Filmen mitwirkten. Die Illustrationen sind vom Stil der 1920-Jahre (Vintage) inspiriert und wurden allesamt von Hand gezeichnet und später digitalisiert. Nur schon aus diesem Grund musste ich dieses Buch unbedingt besitzen! Denn selbst ungelesen ist ein wahnsinnig hübschen Schatz in meinem Bücherregal.

Zur Geschichte: Als Spinoff von der Harry Potter-Welt war es ein Muss für mich als JK-Rowling und Harry-Fan. Ausserdem interessierten mich die magischen Tierwesen schon von Beginn an und ich bewunderte in jedem Buch wieder die Fantasie, mit der Rowling solch viele unterschiedliche Kreaturen erschuf - inklusive Herkunftsgeschichte, Charakter und Pflege, etc. Die Geschichte von Newt Scamander spielt dabei Jahrzehnte vor der Schulzeit von Harry und seinen Freunden. Sein Werk über die diversen Tiere ist später Schullektüre für Harry und wird sicherlich besonders von Hagrid geschätzt. Rowling spinnt jedoch in das Spinoff nicht die schon bekannten Tierfiguren wie Aragog (Hagrids Riesenspinne) oder Seidenschnabel (Hagrids Hippogreif), weder Drachen noch Zentauren, kein dreiköpfiger Hund und keine sprechenden Schlangen und auch keine Tierverwandlungen wie beispielsweise Animagi. Sondern es kommen neue tolle Tiere dazu, von denen wir noch nichts gehört haben: der Niffler, Bowtruckles, der böse Sturzfalter, Snallygaster, Rugaru, Billywigs und Obscurus... und natürlich auch Kobolde. In den Niffler, ein schmuckklauendes Beuteltier, der im Trailer fast eine Hauptrolle übernimmt, kann man sich nur verlieben. Im Film bekommt der Obscurus jedoch die grössere und wichtigere Rolle.

Die Lektüre: In der Form eines Drehbuches enthielten die einzelnen Seiten bedeutend weniger Text als sonst die Romane, die ich lese. Somit hatte ich das Buch auch ziemlich schnell durch, genau gesagt innerhalb eines Nachmittages. Der Text enthält zudem etwas Wortschatz aus dem Direktor-Vokabular, das jedoch am Ende in einer kurzen, einseitigen Liste erklärt wird (hauptsächlich Kameraeinstellungen, ob Sicht aus Vogelperspektive oder eine Figur im Portrait, zum Beispiel). Auch der Schreibstil war somit anders, viel weniger erzählend, eher kurzgebunden. Schliesslich wurde der Text so verfasst, um später die Bilder zu bekommen, wie die Geschichte erzählt wird. Damit hatte ich zwar kein Problem, empfinde es aber nicht als das gleiche Leseerlebnis wie ein "normaler" Roman. Es wirkt konstruiert, erklärend, was es schliesslich ja auch soll.

Der Film: Die altbekannte Kritik, dass das Buch immer besser ist als der Film kann ich hier nicht wirklich gelten lassen. Grundsätzlich bin auch ich dieser Meinung. Da es allerdings das Drehbuch ist und somit schon mit der Absicht eines Filmes entstanden ist, wird dieses Argument kurzerhand entkräftet. Ich habe zudem den Film kurz nur wenige Tage nach der beendeten Lektüre gesehen und muss sagen: Es hat nichts gefehlt (was bei Roman-in-Verfilmung häufiger passiert, dass Szenen gekürzt, umgewandelt oder ausgelassen werden). Was dafür fehlte aus demselben Grund, war die Spannung. Da ich das Drehbuch noch frisch im Kopf hatte, konnte mich im Verlauf kaum etwas überraschen. Nur eine Szene, der grosse Turn in der Geschichte konnte mich erschrecken. Allerdings nicht, weil ich nicht darauf vorbereitet war, dass eine Person nicht wirklich derjenige ist, für den ihn alle hielten - das wusste ich ja aus dem Buch. Doch erschrak ich bei der Auswahl der Schauspieler - die ich beide liebe! Um hier nicht zu spoilern, werde ich nicht verraten, welche Figur und welcher Schauspieler sich am Ende in eine andere Figur verwandelt - und von einem anderen Schauspieler übernommen wird, der im zweiten Teil eine grössere Rolle einnehmen wird, worauf ich mich sehr freue. Bis dahin müssen wir uns jedoch bis November 2018 gedulden...




5 von 5 Lese-Echsen


Joanne Rowling, geboren 1965, auch bekannt als J. K. Rowling oder unter ihrem Pseudonym Robert Galbraith ist die britische Schriftstellerin, die mit ihrem Zauberschüler Harry Potter weltberühmt wurde. Die Reihe um Harry Potter, seine Freunde und die dazugehörige magische Welt wurde in über 70 Sprachen übersetzt und in 8 Filme verwandelt. Hinzu kommen mehrere Spinoffs, darunter E-Books, ein Drehbuch mit Verfilmung und einem Theaterstück. 

Sie hat eine Tochter aus erster Ehe und ist seit 2001 mit Neil Murray verheiratet, mit dem sie weitere 2 Kinder hat. Neben ihrem schriftstellerischen Tun ist sie politisch aktiv und unterstützte beispielsweise die Better-Together-Kampagne bezüglich der Schottischen Unabhängigkeit. Ausserdem ist sie die Präsidentin der schottischen Multiple-Sklerose-Gesellschaft und besitzt diverse Auszeichnungen.

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