26. März 2017

Carina Herrmann - Meerblick statt Frühschicht

Autorin: Carina Herrmann
Titel: Meerblick statt Frühschicht


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-30838-0
Erschienen: 2016
Seiten: 256



Alleinreisen bedeutet Freiheit und Begegnung - vor allem mit sich selbst

Die faszinierenden Tempelanlagen von Angkor Wat, Schnorcheln auf Bali und ein Trip entlang Australiens legendärer Great Ocean Road: Dies sind nur drei der Highlights, die Carina Herrmann während ihrer gut einjährigen Reise durch Australien und Südostasien erlebte. Doch diese Traumreise ist auch ein Befreiungsschlag. Die junge Frau liess dafür ihren harten Alltag als Krankenschwester in einer Kinderkrebsstation hinter sich, verkaufte all ihren Besitz und machte sich allein auf in die Welt. In diesem Buch schreibt die erfolgreiche Reisebloggerin über Ängste, Sehnsüchte und Mut und nimmt ihre Leser dabei mit auf eine Reise um die Welt zu sich selbst.




Ein Aufruf, seinem Herzen zu folgen. Ein guter Rat, öfters auch sein Bauchgefühl zu hören. Und die Geschichte einer Frau, die trotz grossem Respekt vor dem eigenen Projekt, den Schritt gewagt hat und grossartig belohnt wurde: Mit Abenteuern, Erinnerungen, vielen neuen Freunden und einer neuen Zukunft. Oder zumindest einer anderen Zukunft als die, wenn sie in Deutschland Krankenschwester geblieben wäre.

Schon länger folge ich Carina Herrmann auf ihren beiden Blogseiten Pink Compass und um 180 Grad, wo sie über ihre Erlebnisse berichtet, Tipps verteilt und Frauen aufmuntert, ebenfalls den Mut zusammenzukratzen und sich endlich zu getrauen, den eigenen Traum in die Realität umzusetzen. Das bedeutet nicht in jedem Falle, dass nun jede junge Frau eine Weltreise startet soll, noch dazu allein. Es heisst auch nicht, dass nun all die femininen Rucksacktouristinnen mit einem Reiseblog ihr zukünftiges Brot verdienen sollen. Und es ist auch nicht gesagt, dass die Reisetipps ausschliesslich für Frauen sind, auch wenn wir weiblichen Reiselustigen im Fokus stehen und die Zielleserschaft sind, so finden sicherlich auch Männer Gefallen an Carinas Geschichten, profitieren von ihren Tipps zu bereisten Ländern und können sich in ihrem Schreibstil verlieren.

Carina schreibt von Du zu Du ganz flott daher, wodurch schnell der Eindruck entsteht, man sitzt mit ihr gemütlich in einem Café, nippt am Cappuccino und hört ihren lebhaften Erzählungen zu. Teilweise fühlt es sich sogar noch intimer an, als hätte man ihr Tagebuch gefunden und stöbert nun klammheimlich ein wenig darin. Ehrlich und offen, witzig und frisch weiss Carina von ihrem grossen Sprung ins Abenteuerland zu berichten, sodass man sofort Lust hat, selbst die Koffer zu packen. Was ich allerdings besonders mochte, waren die ehrliche Worte über ihre Gefühlswelt. In diesem Roman hat Carina nicht einfach ihre Reiseroute festgehalten, sondern vor allem auch ihre emotionale Reise. Wie sie sich dabei fühlte, so weit weg von zu Hause in einem neuen Alltag mit neuen Gesichtern, neuen Aufgaben und täglich neuen Eindrücken. Wie sie das alles verarbeitete, was sie an schlechteren Tagen runterzog und was sie wieder aufheiterte. Oft dachte ich, dass sie mir direkt von der Seele schrieb, denn ich konnte so viele ihrer Gefühle in diversen Situationen nachfühlen. Das alles macht sie mir nur noch sympathischer als sie sowieso schon ist auf ihren beiden Blogs. 

Ausserdem finden sich in der Mitte des Buches eine Reihe Fotos: Wundervolle Landschaftsbilder, ein wilder Koala und Carina mit einem Grinsen über beide Ohren. Einblicke ins persönliche Ferienalbum, die sie uns gewährt, was vielleicht nicht jeder tun würde. Anfangs des Buches befindet sich zudem eine Weltkarte, um ihre Route zu verfolgen. Diese Karte ist wohl mittlerweile um eine Routen reicher. 

Wenn ich den Roman zusammenfassen müsste, würde ich das wohl mit dem Untertitel, der sich auf dem Buchcover am unteren Rand versteckt, und mit ihren letzten Worten auf der letzten Seite. Denn diese wenigen Sätze könnten den Inhalt nicht besser widerspiegeln:

Warum ich losreisen musste, um bei mir selbst anzukommen.

Wenn ich nur eines aus den letzten Jahren gelernt habe, dann, dass es mehr Möglichkeiten, Chancen und Wege gibt, als wir uns vorstellen können. Man muss lediglich den Mut haben, sie zu ergreifen. 






5 von 5 Lese-Echsen


Ähnliches FotoCarina Herrmann, Jahrgang 1980, liess ihr altes Leben in Frankfurt hinter sich, reist seit fünf Jahren um die Welt und ermutigt in ihrem Blog andere Frauen, es ihr gleichzutun. "Pink Compass" ist Deutschlands beliebtester Blog für alleinreisende Frauen, die Autorin wird regelmässig als Expertin zum Thema interviewt.



10. März 2017

Gillian Flynn - Gone Girl

Bildergebnis für gone girl gillian flynn
Autorin: Gillian Flynn
Titel: Gone Girl

Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-104-02709-8
Erschienen: 2013
Seiten: 576 (e-book)



"Was denkst du gerade, Amy?" Diese Frage habe ich ihr oft während unserer Ehe gestellt. Ich glaube, das fragt man sich immer wieder: Was denkst du? Wer bist du? Wie gut kennt man eigentlich den Menschen, den man liebt?

Genau diese Fragen stellt sich Nick Dunne am Morgen seines fünften Hochzeitstages, dem Morgen, an dem seine Frau Amy spurlos verschwindet. Die Polizei verdächtigt sogleich Nick. Amys Freunde berichtetn, dass sie Angst vor ihm hatte. Er schwört, dass das nicht wahr ist. Dann erhält er sonderbare Anrufe. Was geschah mit Nicks wunderbarer Frau Amy?




Ein Psychospielchen mit Startschwierigkeiten. Eine erschreckend manipulative Frau, ein für mich schwer zu verstehenden Mann, viele Gerüchte, Geschichten und Sensationslust. Ein grosser, wahnsinniger Plan, der Vorbereitung und Aufbau benötigt - ein Roman mit Ecken und Kanten, der erst einmal von weit her Schwung holen musste.

Ganz ehrlich, war der Roman für mich ein stetes Auf und Ab. Ein hochgelobtes Buch, das ich erst Jahre später las (einfach weil ich aus Trotz nicht immer gleich das Neuste vom Neusten lese, besonders wenn solch ein Hype gemacht wird). Erst fing ich mit zu hohen Erwartungen daran, schliesslich lobten alle die Spannung, die geschliffenen Details und den Thrill dabei. Das Pendel holte weit aus und schleuderte zurück - und mich direkt in eine Leseflaute. Wo blieb die Spannung? Die ersten gut hundert Seiten waren Alltagskram zwischen Eheleuten, die Frau verschwand, aber sonst nichts Aufregendes, kein mitreissendes Lesevergnügen wie erhofft. Ich liess das Buch liegen, fing ein anderes an oder las zeitweise sogar gar nichts. Dann juckte es mich plötzlich wieder, schliesslich musste ich wissen, wo Amy ist, was mit ihr passierte und wie es mit Nick weitergeht. 

Nach der ersten harzigen Phase, durch die man einfach durchhalten muss, kommt die Geschichte langsam in Fahrt. Und dann Peng! Ungefähr in der Mitte des Romanes ein Plot Twist vom Feinsten. Eine Stimme, die die komplette Geschichte um 180 Grad dreht. Plötzlich ist das Spannung, Aufregung, mitreissendes Lesevergnügen. Plötzlich machen diverse Dinge mehr Sinn, man wittert Verrat, hofft auf mehr Rätsel und deren Auflösung, das Herz pumpt im Rhythmus des schneller werdenden Umblätterns. Ohne spoilern zu wollen, doch ich kann es mir nicht verkneifen: Nick tut mir Leid. Das ganze Buch durch. Aus immer mal wechselnden Gründen. Amy mag ich nicht. Am Schluss bin ich sogar richtig wütend auf sie - obwohl sie ja anfangs das Opfer ist! Aber zu viel gesagt...

Eine Geschichte, die irgendwie zeitlos und erschreckend real ist bzw. sein kann. Ein Schreibstil, der erst wie ein ungefährlicher Bach daher kommt, bis man erschreckt feststellt, dass man in die Strömung eines grösseren Flusses geraten ist. Ein Haufen Protagonisten, die echte Gefühle wecken - positive wie negative. Mal war ich wütend mit jemanden, dann auf jemanden. Ich freute mich mit jemanden und für jemanden, nur um denjenigen einige Seiten weiter nichts Gutes mehr zu wünschen. Einige Figuren konnte ich sehr wohl verstehen, mich mit ihnen und ihren Reaktionen identifizieren. Andere waren und blieben mir komplett fremd, auch wenn sie sehr authentisch wirkten. Wie im wahren Leben hatte ich für die einen Personen mehr Sympathie und für andere eben weniger. Aber in diesem Fall kann man sich nie sicher sein, welche Sympathien gesund sind.

Mit dem Ende bin ich ziemlich unzufrieden, ja sogar ein Stück wütend. Es ist zu lasch, zu einfach. Seit die Geschichte an Spannung übersprudelte, wartete ich stets auf die grosse Bombe, den ultimativen Knall, bis zuletzt. Doch da war bloss heisse Luft. Irgendwie sehe ich darin das böse Vergnügen der Autorin, eben nicht das Ende zu schreiben, das die Leser nach solch einer Geschichte wohl erhoffen. Einfach nur um gegenzusteuern. Nennt man das jetzt künstlerische Freiheit? Oder einfach eine Frechheit? Meiner Meinung nach, ist es nicht nur der Wunsch eines anderen Endes, sondern ich finde, dass gewisse Figuren ein anderes Ende verdient haben. 

Falls diese Beschreibungen nun etwas komisch wirken und nur wenig Sinn ergeben, tut es mir Leid. Ich versuche immer, nicht oder möglichst wenig zu spoilern. Wen es nun (noch mehr) juckt, das Buch auch endlich zu lesen, falls ihr es noch nicht kennt: Lest es. Ich kann es empfehlen, auch wenn der Anfang ein gutes Stück Durchhaltevermögen benötigt. 

PS: Das Buch wurde mittlerweile schon verfilmt und natürlich muss ich mir den Film dazu anschauen. Ich kann mir die Geschichte nämlich sehr wohl spannend verfilmt vorstellen. Mal schauen, ob dort der Anfang auch so zäh ist ;)


4 von 5 Lese-Echsen




Bildergebnis für gillian flynnGillian Flynn wuchs in Kansas City aus. Sie arbeitete als Journalistin für den "San Francisco Examiner" und "US News & World Report" und war die leitende TV-Kritikerin von "Entertainment Weekly". Die Autorin lebt nach Stationen in Los Angeles und New York heute mit Mann, Kind und Katze in Chicago.